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John Sandford - Mordlust

SPECIAL zu John Sandford

Interview mit John Sandford

von Günter Keil

John Sandford
© Andre Mühling

Guten Tag, Mr. Sandford - oder ist Ihnen die Anrede Mr. Camp lieber?
Das ist im Prinzip egal, da mein Pseudonym ja mittlerweile kein Geheimnis mehr ist.

Sie haben lange Zeit und sehr erfolgreich als Journalist gearbeitet und sind mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden. War dieser Beruf ein Kindheitstraum von Ihnen?
Ja. In meiner Familie wurde immer schon sehr viel Zeitung gelesen. Ich dachte als Kind, ich könnte vielleicht Professor, Anwalt oder Journalist werden. Allerdings kam mir dann die gesellschaftliche Entwicklung dazwischen, die Bürgerrechtsbewegung, der Feminismus. Diese Themen haben mich interessiert, und so beschloss ich, darüber zu berichten und Journalist zu werden. Insgesamt habe ich diesen Beruf 25 Jahre ausgeübt.

Ihre Thriller sind packend geschrieben und gut recherchiert, Ihre Themen machen neugierig - genauso wie Ihre früheren Reportagen. Ist es ein großer Vorteil für Sie, früher als Journalist gearbeitet zu haben?
Es ist ein gewaltiger Vorteil! Man sieht als Journalist Dinge und Orte, die normale Menschen nie sehen. Außerdem spricht man mit Menschen, die andere nur aus den Medien kennen. Ich traf mich mit Polizisten und Landstreichern, machte eine Reportage von der Notaufnahme eines Krankenhauses, sah Verbrechen, Unfälle, Katastrophen. Ich sprach auch regelmäßig mit dem Gouverneur von Minnesota. All diese Erlebnisse und Bilder hat man als Journalist im Kopf. Als Autor kann man seine Geschichten dann sehr real erscheinen lassen.

Sie lassen in Ihre Thriller also auch Themen einfließen, über die Sie früher berichtet haben?
Ja, die Erinnerung ist sehr wichtig. Aber es kommen ständig neue Eindrücke und Erlebnisse hinzu. Wenn ich jetzt hier zum Fenster hinaus und auf die Straße schaue, sehe ich Menschen, die sich mir einprägen, die als Figuren in einem Roman von mir vielleicht getötet werden könnten. Ich könnte diese Straßenszene nehmen, daraus etwas entwickeln und mit Informationen verbinden, die ich schon vorher gespeichert habe. Etwa, wie die Polizei vorgehen würde, wenn es hier auf dieser Straße einen Mord geben würde.

Wie würden Sie Ihre Hauptfigur Lucas Davenport charakterisieren?
Er ist eine Mischung aus Polizist und Filmstar! Aber er ist nicht real, er ist völlig frei erfunden.

Es gibt demnach kein reales Vorbild für Lucas Davenport?
Nein, so jemanden gibt es nicht. Lucas hat zu viel von allem. In Minneapolis gibt es allerdings zwei Polizisten, die glauben, sie seien mit Lucas Davenport gemeint. Aber das sind sie nicht!

Sind Sie selbst Lucas Davenport in bestimmten Bereichen ähnlich?
Nein, nicht wirklich. Auf dem College war er ein Sportler und spielte Hockey. Ich dagegen studierte Literatur. Er hatte bis jetzt zehn Lebensgefährtinnen, ich bin seit meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr verheiratet und habe zwei Kinder. Die einzigen Übereinstimmungen zwischen uns sind Größe und Augenfarbe. Das hat den Vorteil, dass ich mich beim Schreiben eines neuen Buches nicht jedes Mal fragen muss, wie er aussieht.

Ist Ihre Hauptfigur für Sie in gewisser Weise zu einem Freund geworden?
Ja. Er scheint wie ein Freund zu sein, den man nicht oft sieht. Einer, den man wirklich mag, der aber in einer anderen Stadt lebt. Man sieht ihn nicht, aber man denkt an ihn.

Lucas Davenport ist Chef des "Amtes für regionale Ermittlungen" im Stab des Gouverneurs von Minnesota. Existiert diese Behörde tatsächlich?
Ja, genauso wie die Polizeiabteilungen von Minneapolis und St. Paul, die ich beschreibe. Viele der dort arbeitenden Polizisten lesen meine Bücher.

Basieren Ihre Storys auf echten Fällen?
All meine Bücher sind von wahren Ereignissen inspiriert, aber sie basieren nicht auf exakten Begebenheiten. Dazu ein Beispiel: In den 1950er Jahren sind in Minneapolis zwei kleine Mädchen verschwunden. Damals gab es eine riesige Suchaktion, an der neben der Polizei auch Veteranenorganisationen beteiligt waren. Hunderte Menschen gingen Hand in Hand durch Wälder, über Straßen und Felder, doch niemand fand die Mädchen. Schließlich kam man zu dem Schluss, dass sie in einem nahe gelegenen Fluss ertrunken sind und viele Meilen weg fortgetrieben wurden. Soweit die echte Geschichte. Ich dachte mir, dass Lucas Davenport eines Tages angerufen wird und ihm jemand sagt: "Wir haben die stark verwesten Leichen von zwei Mädchen gefunden." Nun muss er einen Mörder suchen, der 50 Jahre älter ist als zur Tatzeit, vielleicht noch mehr Mädchen ermordet hat und sich irgendwo im Land versteckt hält. Dieses Buch schreibe ich vielleicht wirklich einmal - es würde auf einer wahren Begebenheit beruhen, hätte aber doch gar nichts mit dem zu tun, was wirklich passiert ist.

Lucas beschwert sich in einem Ihrer Bücher darüber, dass Minnesota so kalt sei wie ein großer Kühlschrank. Geht auch Ihnen die Kälte auf die Nerven?
Nun, bei uns gehen die Temperaturen im Winter bis zu Minus 30 Grad runter, das ist ganz normal. Außerdem ist es dunkel, und der Winter dauert ziemlich lange. Ich versuche also, jeden Winter wenigstens kurz einmal in wärmere Gegenden zu fahren.

Nach Miami, wo Sie lange lebten, wollen Sie nicht zurück?
Nein, ich mag Miami nicht. Minneapolis gefällt mir dagegen sehr gut, obwohl es dort so kalt ist. Und Lucas Davenport geht es genauso.

Lesen Sie selbst gerne aktuelle Krimis und Thriller?
Ja, denn ich bin nicht nur Autor, sonder auch Fan dieser Bücher. Ich lese mindestens 50 Krimis pro Jahr. Am liebsten mag ich Michael Connelly, Chuck Logan, Robert Parker und Carl Hiaasen, der sogar einmal mit mir zusammen als Journalist gearbeitet hat. Früher habe ich natürlich auch die klassischen Spionageromane von John le Carré und Robert Ludlum gelesen.

In "Kaltes Fieber" verlässt sich die Polizei auf DNA-Spuren, was sich später als großer Fehler herausstellt. Warum haben Sie diese Thematik gewählt?
Das war mir sehr wichtig, denn der DNA-Beweis wird mittlerweile bei der Ermittlungsarbeit als Wunder angesehen. Man tut so, als ob man mit ihm alle Fälle lösen kann, in denen man eine bestimmte DNA am Tatort findet. Der betreffende Mensch ist dann automatisch schuldig. Ich glaube aber, dass es Umstände geben kann, wo das einfach nicht der Wahrheit entspricht. In meinem neuesten Davenport-Thriller glaubt die Polizei einen Beweis zu haben, weil sie die DNA findet. Lucas glaubt allerdings von Anfang an, dass etwas falsch läuft, weil er und seine Kollegen den zur DNA passenden Täter nie sehen, nie finden und ihn auch nie in Zusammenhang mit den Tatorten und Taten bringen können.

In "Kaltes Fieber" geraten die Insassen einer Hochsicherheits-Klinik für schizophrene Mörder unter Verdacht, hinter einer Mordserie zu stecken. Haben Sie in einer solchen Klinik recherchiert?
Das ging leider nicht - man ließ mich nirgends rein. Allerdings habe ich im Laufe meines Journalistenlebens jede Menge Gefängnisse und Kliniken besucht und weiß, wie es in solchen Einrichtungen aussieht. Die Klinik, die ich in "Kaltes Fieber" beschreibe, gleicht sowieso eher einem Gefängnis für Schwerverbrecher.

Sie schreiben in Ihren Thrillern über Schießereien, Vergewaltigungen und Morde. Gibt es für Sie eine Grenze in der Darstellung von Gewalt und Verbrechen, die Sie nicht überschreiten?
Ja, es gibt eine Grenze - und das ist die Realität, die ich nie zeigen würde. Es wäre einfach zu brutal und abstoßend. Als Reporter bin ich oft an Tatorten gewesen und würde heute niemals beschreiben, was ich dort wirklich gesehen habe. In meinen Romanen höre ich auf, bevor es zu ekelhaft wird. Ich will zwar, dass meine Leser merken, wie schlimm und hässlich Verbrechen und ihre Folgen sind, aber ich will natürlich nicht, dass sie angewidert das Buch weglegen.

"Kaltes Fieber" ist der siebzehnte Davenport-Thriller. Werden Sie auch in Zukunft weiter an dieser Reihe schreiben?
Ja, auf jeden Fall. Es kann zwar durchaus mal vorkommen, dass wegen anderer Projekte eine zweijährige Pause entsteht, aber ich habe schon einige Ideen für neue Lucas-Davenport-Thriller, keine Sorge!

Danke, Mr. Sandford, für dieses Gespräch!

Das Interview führte Günter Keil

MordLust Blick ins Buch

John Sandford

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