SPECIAL zu John Verdon »Die Handschrift des Todes«

Interview mit John Verdon, dem Autor von »Die Handschrift des Todes«

John Verdon
© Naomi Fisch
Sie waren Werbemanager in New York, Leiter einer Agentur und Promotion-Direktor bei einer der erfolgreichsten Zeitschriften der Welt. War das eine gute Vorbereitung für das Schreiben eines Romans?
John Verdon: Bei all meinen verschiedenen Tätigkeiten und Titeln der vergangenen Jahre war immer eine bestimmte Aktivität im Spiel. Vom ersten bis zum letzten Tag dieser beruflichen Karriere hat es mich, gleich in welcher Position, immer zu dem Bereich hingezogen, bei dem es ums Schreiben ging - ob nun Werbetexte für eine Fernsehwerbung, die Analyse und Beschreibung einer Marketingchance oder ein wettbewerbsfähiges Angebot an einen potentiellen Kunden. Ich habe meine Arbeit immer unter dem Aspekt von Worten, Ausdruck, Kommunikation betrachtet. Offen gesagt ist das meine einzige bedeutende Fähigkeit und eine der wenigen Tätigkeiten im Leben, die mich vollkommen fesselt. Vor vielen Jahren habe ich entdeckt, dass das Steuern eines kleinen Flugzeugs in einem schweren Sturm ebenfalls sehr fesselnd ist, aber nicht auf eine Weise, dass ich mich zehn Stunden am Tag damit beschäftigen möchte.

Kritiker haben Die Handschrift des Todes als klassischen Thriller, eine spannende Darstellung von Polizeiverfahren, die ergreifende Studie einer schwierigen Ehe und ein großes literarisches Fest beschrieben. Wie sehen Sie das Buch?
John Verdon: Ich sehe es als die Geschichte eines Mordermittlers, dessen Hingabe an den Beruf zu allem Aufregenden und Erfüllenden, aber auch zu den meisten Problemen in seinem Leben führt. Wenn es darum geht, verrückte Mörder zur Strecke zu bringen, ist der Mann ein Genie, aber im Umgang mit seiner Frau und seinem Sohn versagt er kläglich. Der unersättliche Hunger auf die Jagd nach den gefährlichsten Menschen der Welt ist seine große Stärke und zugleich seine große Schwäche. Er ist ein unschlagbarer Polizist mit einem tragischen Gespür für seine Unzulänglichkeit als Mensch. Ich glaube, dass so eine Hauptfigur dazu beiträgt, dass das Buch je nach Leser ganz verschieden verstanden werden kann.

Sie sind nicht mit Polizisten in der Familie aufgewachsen. Sie haben keine eigenen Erfahrungen im Gesetzesvollzug, keine kriminellen Verwandten und auch keine persönlichen oder beruflichen Kontakte zu Mördern und Psychopathen. Was hat Sie also dazu inspiriert, so ein Buch zu schreiben?
John Verdon: Das ist mir auch ein Rätsel. Eigentlich habe ich nicht versucht "so ein Buch" zu schreiben. Ich habe nicht versucht, etwas zu schreiben, das sich in den genau definierten Grenzen eines Genres bewegt und beispielsweise den Regeln eines Thrillers, eines Roman noir oder eines "cozy crime"-Romans folgt. Als ich Die Handschrift des Todes verfasst habe, kannte ich die traditionellen Kategorien gar nicht. Ich wollte nur eine Geschichte erzählen über einen äußerst intelligenten und psychisch belasteten Helden, der einen verzweifelten Kampf gegen einen äußerst intelligenten und psychisch belasteten Schurken führt. Später habe ich erfahren, dass ich einen innovativen Thriller verfasst habe, der die Regeln durchbricht. Aber das ist einfach so passiert, ohne dass ich es mir bewusst vorgenommen hätte.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und ihrer Hauptfigur Dave Gurney. Sie wurden beide in der Bronx geboren und haben beide am Fordham College studiert. Sie standen beide bei ihrer beruflichen Karriere in der Stadt unter großem Druck, und Sie sind beide in eine abgelegene ländliche Gegend gezogen, die sich vollkommen von Ihrer früheren Umgebung unterscheidet. Wie viel von dieser Figur beruht auf Ihrer eigenen Geschichte und Persönlichkeit?
John Verdon: Schwer zu sagen. Sicher ist Dave ein Junge aus der Bronx, den sein beruflicher Ehrgeiz anderswohin geführt hat. Manche Orte, denen er im Buch begegnet, sind mir persönlich sehr vertraut. Einige seiner Gedanken und Gefühle ähneln meinen. Trotzdem hat er ein Leben, Fähigkeiten und Perspektiven, die sich von meinen unterscheiden. Immerhin ist er ein Mordkommissar! Er hat den Mut, die Härte und das Konfrontationsvermögen dazu. Er hat die Ausdauer und die Zähigkeit dazu. In all diesen Punkten liegen Welten zwischen uns. Ich glaube ihn gut genug zu verstehen, um über ihn zu schreiben, aber ich könnte nie tun, was er tut. Außerdem war mein Leben viel weniger mit Schwierigkeiten und Tragödien belastet als seines - es war in vieler Hinsicht leichter und fröhlicher. Meine Frau und ich führen eine wirklich glückliche Ehe. Wir freuen uns, am Morgen aufzuwachen. Wir haben das Glück, in einem schönen Haus zu leben, das wir beide lieben. Wir lachen sehr viel. Wir sind dankbar für unser gemeinsames Leben, für die Chancen, die sich uns geboten haben, für unsere vier Kinder und unsere fünf Enkel.

Können Sie uns - ohne zu viel zu verraten - sagen, wie sie auf die geniale Hauptidee für Die Handschrift des Todes gekommen sind?
John Verdon: Ganz ehrlich? Die Wahrheit ist, dass ich einen starken Hang zur Paranoia habe. Das ist ein Fluch und ein Segen. Ein Fluch, weil ich mich mühelos in Todesangst versetzen kann. Ein Segen, weil ich kein Problem habe, auf wirklich verstörende Handlungsmöglichkeiten zu verfallen. Der Keim für die Idee zu Die Handschrift des Todes war eine Frage: Was wäre, wenn du einen anonymen Brief bekommst, in dem du aufgefordert wirst, dir irgendeine Zahl von eins bis tausend zu denken, und dann einen zweiten, in dem genau die Zahl steht, die dir eingefallen ist? Das ist der Ausgangspunkt zu einer komplexen und zunehmend alptraumhaften Handlung, die viele Menschen und Opfer in ihren Strudel zieht. Wenn mir eine Idee Gänsehaut macht, dann weiß ich, sie ist vielversprechend.

Wie fühlt es sich an, wenn einige der bekanntesten Namen auf diesem Gebiet Lobeshymnen auf einen anstimmen - Autoren wie David Baldacci etwa?
John Verdon: So eine Rezeption hatte ich nicht erwartet. Ich war völlig sprachlos.

Werden wir in Zukunft noch mehr von Dave Gurney hören?
John Verdon: Auf jeden Fall. Trotz seiner Epiphanie in Die Handschrift des Todes muss Dave noch viel mehr über sich, seine Frau und seinen Sohn lernen und auch darüber, was ihn so an seinen Beruf bindet. Wie wir alle handelt er auf der Basis dessen, was er für wahr hält. Anhand der Konsequenzen seines Handelns entdeckt er die Grenzen dieser Überzeugungen und gelangt hoffentlich zu einer neuen Sicht auf sich selbst und auf das, was ihm wichtig ist. Dieser Prozess lässt sich mit den Entwicklungszyklen der Figur immer wieder durchspielen. Der zweite Dave-Gurney-Roman soll in den USA im Sommer 2011 erscheinen, der dritte 2012.