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SPECIAL zu Julia Navarro

Das Verlangen nach Unsterblichkeit

Rezension von Bianca Reineke

Navarro, Julia
© Juan Manuel Fernández

Wie unendlich tief verwurzelt sind doch unsere sehnsüchtigsten Wünsche und Lebensträume. Regelrecht eingebrannt in unsere Köpfe und Herzen bestimmen sie unser Leben und beeinflussen jeden unserer Schritte. Dabei bleibt der gesunde Menschenverstand häufig auf der Strecke, und nicht selten werden wertvolle soziale Beziehungen geopfert, um das angestrebte Ziel zu erreichen.

Wer sein ganzes Sinnen und Streben auf die Befriedigung eines lang gehegten Wunsches nach tödlicher Rache richtet, gerät in die Gefahr sein eigenes Leben ebenso zu zerstören wie das seines verhassten Todfeindes. Von der gleichen zerstörerischen Kraft ist auch der brennende Wunsch nach Ruhm. Wer um jeden Preis auf der schillernden Bühne der Weltöffentlichkeit stehen will, getrieben und zerfressen von Ehrgeiz, opfert ohne Nachzudenken auch die Menschen, die trotz aller Widrigkeiten immer loyal und treu geblieben sind.

Der neue Bestseller von Julia Navarro
Im neuen Roman der spanischen Journalistin Julia Navarro geht es um genau diese Obsessionen. Der Bestsellerautorin, deren Erstlingswerk "Die stumme Bruderschaft" Dan Brown von den Topplätzen der Buchcharts vertrieben hat, gelingt mit "Die Bibel-Verschwörung" erneut ein hoch spannender Thriller, verknüpft mit den Biographien unterschiedlicher Charaktere, vielschichtiger Persönlichkeiten, die jeweils auf ihre Art von Dämonen getrieben werden, rastlos auf der Jagd nach der Erfüllung ihres Lebenstraums.

Dabei spannt Julia Navarro gekonnt einen Bogen über mehr als 3000 Jahre Menschheits- und Kulturgeschichte und jagt den Leser in atemberaubendem Tempo durch historische Epochen und Landschaften. Vom Leben des alttestamentlichen Erzvaters Abraham über die Gräueltaten der Nazis in den Konzentrationslagern bis hin zu den aktuellen Krisenherden im Vorderen Orient geht die rasante Reise. Eingebettet in einen außergewöhnlichen Plot, der aufregenden Suche nach einem archäologischen Sensationsfund, lässt die Autorin ihre Helden an der Geschichte wachsen und verdichtet dabei die untereinander verschlungenen Beziehungen ihrer Protagonisten.

Ein archäologischer Sensationsfund
Im Mittelpunkt des Romans steht die junge Archäologin Clara Tannenberg, die bei einem internationalen Archäologenkongress in Rom erstmals an die Öffentlichkeit tritt und mit einem Paukenschlag die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt auf sich zieht.

Die junge ehrgeizige Kosmopolitin, deren Wurzeln in Deutschland, Ägypten und dem Irak liegen, berichtet ihrem erstaunten Publikum von einem geheimnisvollen Fund, den ihr Großvater Alfred Tannenberg angeblich vor Jahrzehnten gemacht hat. Der Geschäftsmann, der im noch von Saddam Hussein regierten Irak dubiose Geschäfte betreibt und zum engen Kreis um den Diktator zählt, will in der Wüste zwei Tontafeln entdeckt haben, die von der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments berichten, erzählt und persönlich diktiert von Abraham, dem ersten Menschen, der sich einem monotheistischen Gott zuwandte und damit der Urvater der Israeliten wurde.

Sollte Tannenberg die Wahrheit sagen, stünde nicht nur die archäologische Welt plötzlich auf dem Kopf. Die alttestamentarische, judaistische und islamische Schrift-Forschung müsste neu geschrieben werden - vor allem aber wäre alles, was man bisher über die Entstehungsgeschichte der Bibel zu wissen glaubte, in Frage gestellt. Für Wissenschaftler wären die Tontafeln, sollten sie wirklich existieren, von unschätzbarem Wert.

Auf der Jagd nach wertvoller Beute
Doch Clara Tannenberg hat die beiden Tontafeln, auf denen der erste Teil der Genesis erzählt wird, im von der Invasion der Amerikaner bedrohten Irak zurückgelassen. Ohne diese Beweisstücke kann sie das Expertengremium jedoch nicht so recht überzeugen. Die junge Frau, die die Tafeln mit eigenen Augen gesehen hat, schwört auf die Authentizität der Artefakte, will Förderer für die Suche nach weiteren Tafeln gewinnen und träumt von wissenschaftlichem Ruhm und Schliemann´scher Unsterblichkeit.

Trotz berechtigter Zweifel an Tannenbergs Geschichte verbreitet sich das Gerücht von den wertvollen Tontafeln in Windeseile, und es ist nicht nur die Gelehrtenwelt, die sich dafür interessiert. Eine international agierende Gruppe von skrupellosen Kunsträubern und -händlern sinnt bereits auf Möglichkeiten, die kostbaren Tontafeln in ihren Besitz zu bringen. Und während dubiose Geschäftemacher für ihre Jagd nach der wertvollen Beute bereits ihre Beziehungen spielen lassen und skrupellosen Gehilfen mobilisieren, werden noch vier weitere Personen auf Clara Tannenberg aufmerksam, die den Fortgang der Geschichte entscheidend beeinflussen werden.

Verschworene Todfeinde
Wie elektrisiert reagieren vier langjährige Freunde auf die Erwähnung des Namens "Tannenberg" in einem Zeitungsartikel, der über den Archäologenkongress berichtet. Im höchsten Maße alarmiert, beschließen Mercedes, Bruno, Carlo und Hans, sich sofort zu treffen.

Seit ihrer Kindheit teilen die vier ein furchtbares Geheimnis miteinander, und sie verfolgen gemeinsam ein Ziel, dem sie sich nach so vielen Jahrzehnten nun endlich nahe wähnen: Rache für die Grausamkeiten, die sie erlitten haben, Tod ihres Erzfeindes Alfred Tannenberg.

Ihre individuelle Lebensgeschichte hat die Freunde in unterschiedlichen Ländern Europas sesshaft werden lassen. Sie alle führen ein bürgerliches Leben, haben es zu Ansehen und Wohlstand gebracht, waren oder sind beruflich erfolgreich, führen harmonische Ehen, haben Kinder und Enkelkinder. Doch all dies sind Requisiten einer perfekten Tarnung. Nun, da sie glauben Alfred Tannenberg gefunden zu haben, lassen sie Moral und bürgerliche Rechtschaffenheit weit hinter sich und fiebern der Erfüllung ihres Lebenswunsches entgegen.

Die Enttäuschung ist groß, als sich eine Frau namens Clara Tannenberg als Teilnehmerin des Kongresses entpuppt und der erwartete Alfred Tannenberg nicht im Rom erscheint. Doch das Quartett lässt nicht mehr locker. Ihr Hass, dessen Ursache die Autorin erst gegen Ende des Buches preisgibt, ist derart groß, dass sie beschließen, ihren Racheschwur auch auf Alfred Tannenbergs Verwandte auszuweiten. Und so beauftragen die vier einen Killer, der sich an Clara Tannenbergs Fersen heften, ihren Großvater finden und schließlich beide töten soll.

Doch als einer der vier den Mordauftrag einem Priester beichtet, werden noch mehr Menschen in die Geschichte verwickelt, und der wahnwitzige Tanz um die Tonbibel vermischt sich mit der Suche des Mörders nach Tannenberg.

Aufbruch in die Krisenregion Irak
Und so sind es dann auch sehr verschiedene Motive, die gleich mehrere Figuren des Romans dazu veranlassen, sich auf den Weg in die Krisenregion Irak zu machen. Der Krieg mit den USA ist unabwendbar und die Einreisebedingungen sind nicht gerade leicht. Doch Clara Tannenberg, ihr irakischer Ehemann Achmed Husseini, ein enger Vertrauter des Diktators Hussein, und ihr Großvater setzten alle Hebel in Bewegung, ein Ausgrabungsteam in die irakische Wüste zu bringen, das die restlichen Tontafeln finden soll.

Alfred Tannenberg stützt sich dabei auf enge Freunde, die ihm seit Jahrzehnten bei ähnlichen Aufträgen behilflich sind. Sehr schnell erkennt der Leser die Eiseskälte und ungeheure Skrupellosigkeit des alten Patriarchen, der es mit Betrug und rücksichtsloser Brutalität zu immensem Reichtum gebracht hat. Tannenberg ist alt, hat Krebs und nicht mehr lange zu leben. Vor seinem Tod will er die Tonbibel finden und so seiner geliebten Enkelin zu wissenschaftlicher Unsterblichkeit verhelfen.

Clara Tannenberg bewundert ihren Großvater grenzenlos und hat ihren privilegierten Lebensstil im Irak nie hinterfragt. Doch dann entdeckt sie die kriminellen Machenschaften ihres Großvaters, in die auch ihr Ehemann verstrickt ist. Bald schon erweist sich, dass auch sie ihrem Großvater in nichts nachsteht und ebenso kalt berechnend und brutal zu handeln imstande ist, wenn es ihr notwendig erscheint. Aus der anfangs auf sympathische Art naiv wirkenden Clara wird eine echte Tannenberg. Ihre Ehe zerbricht, sie verliert ihre Freunde - und schließlich auch ihren Seelenfrieden.

Unterstützt von einem bunt zusammengewürfelten Team aus Archäologen, Studenten und Saisonarbeitern machen sich die Tannenbergs an die Arbeit und graben fieberhaft nach den tönernen Schätzen. Aufgrund ihrer engen Kontakte zur Regierung weiß Tannenberg um den genauen Zeitpunkt der Invasion der US-Streitkräfte und treibt die Ausgrabungen deshalb energisch vom Krankenbett aus voran.

Ein gemischtes Völkchen
Was der todkranke Patriarch jedoch nicht weiß: nicht nur Abenteurer und Wissenschaftler suchen nach den Tafeln. In die große Schar seiner Mitarbeiter hat sich auch der Auftragskiller seiner vier Todfeinde eingereiht, der nur auf den richtigen Moment lauert.

Auch das Syndikat, das seit Jahrzehnten unschätzbar wertvolle Kunstschätze aus korrupten Staaten schmuggelt, steht nicht mehr hinter Tannenberg. Seine vermeintlichen Freunde haben ihre eigenen Pläne und schrecken ebenfalls nicht vor dem Einsatz eines Auftragsmörders zurück.

Und dann reisen auch noch neugierige Journalisten an, die über den drohenden Krieg berichten wollen und Interesse an der Ausgrabung zeigen. Und ein an alldem gänzlich Unbeteiligter ist ebenfalls vor Ort, einer dem Clara Tannenbergs Leben am Herzen liegt: Gian Maria, der Priester, dem der Plan, die junge Frau und ihren Großvater zu ermorden, gebeichtet worden war. Und so ist es denn eine bunte schillernde Gruppe von Menschen, die sich in der Nähe des Ausgrabungsortes versammelt und jeder einzelne von ihnen wartet auf den entscheidenden Augenblick.

Als einer der Killer schließlich seinen Auftrag erledigt, Claras Ehemann sein wahres Gesicht zeigt und die Grabungen endlich Erfolg haben, überschlagen sich die Ereignisse. Der Termin der Invasion rückt unerbittlich näher, und das halbe Grabungsteam ergreift die Flucht vor dem zweiten Golfkrieg.

Clara Tannenberg zeigt eine unfassbare Härte und nutzt die Macht ihres Großvaters, um ihre Ziele endlich durchzusetzen. Doch der Preis für ihren vermeintlichen Sieg ist hoch. Bei der feierlichen Ausstellung der unter Blut, Schweiß und Tränen gefundenen Tonbibel verliert Clara Tannenberg nicht nur ihren größten Schatz…

Ein Meisterwerk
Julia Navarro gelingt es meisterhaft, jedem der zahlreichen Akteure ihres Romans eine eigene, persönliche Geschichte zu verpassen, die sich ganz wunderbar in den Plot einfügt und die verschlungene Handlung durch überraschende Wendungen bereichert. Trotzdem verliert man als Leser nie die Übersicht, sondern taucht mit jeder neu vorgestellten Figur nur noch tiefer in die spannende Geschichte um die Suche nach den Tontafeln ein.

Dass es diese Tafeln gibt, weiß der Leser im Gegensatz zu den unermüdlich Suchenden sicher, denn die Autorin gönnt ihm regelmäßig Einblicke in ihre tatsächliche Entstehungsgeschichte. Abraham diktierte tatsächlich einem Schreiber die Schöpfungsgeschichte, der sie sorgfältig und liebevoll in Ton ritzte.

Schon mit "Die stumme Bruderschaft" hat Julia Navarro einen gefeierten Bestseller gelandet. "Die Bibel-Verschwörung" wird ihren Ruhm als begnadete Autorin noch weiter festigen. Ihre Figuren haben an Tiefe gewonnen, die Protagonisten sind schillernd, lebensecht und ihre persönlichen Lebensumstände überzeugend geschildert. Auch die Beschreibungen der verschiedenen Länder und ihrer kulturellen Eigenheiten, das gilt besonders für die dörflichen Strukturen im ländlichen Irak kurz vor Kriegsbeginn, sind außergewöhnlich lebendig beschrieben. Der Leser meint, den Wüstenstaub bei den Ausgrabungen zu schmecken und fiebert bei der endlosen Suche im ewigen Sand regelrecht mit.

Die großartig recherchierten und geschickt eingesetzten unterschiedlichen Zeitebenen, in die die Autorin die einzelnen Handlungsstränge des Romans verlegt, machen das Buch zu etwas ganz Besonderem. Es ist geradezu ein Geniestreich, die Beantwortung der vielen offenen Fragen und die Auflösung der schier unerträglichen Spannung so lange zurückzuhalten, bis es beinahe nicht mehr auszuhalten ist. Die grauenvollen Erfahrungen einiger Protagonisten, die die Autorin von der ersten Seite an nur andeutet, sind am Ende derart erschreckend, dass selbst ausgemachte Pazifisten die Rachegedanken der Betroffenen nachvollziehen können.

Was treibt uns an im Leben? Das ist die große Frage, die über diesem Roman steht. Was ist uns wichtiger: Die eigenen Interessen rücksichtslos durchzusetzen oder an einer Gesellschaft mitzubauen, in der auch Schwache ihren Platz finden. Julia Navarro bündelt am Schluss ihres Buches die Schicksale aller Beteiligten und präsentiert eine moralische Lösung, die nachdenklich stimmt.

Und so gelangt der Leser zu der überraschenden Erkenntnis, dass das brennende, alles vernichtende Streben nach Rache und Ruhm die Eigenschaft zu besitzen scheint, die Guten und die Bösen auf eine Weise gleich zu machen, die einen schalen Beigeschmack hinterlässt. Wie weit darf man gehen, um sein Lebensziel zu erreichen?

Ein Buch mit Sogwirkung.

Bianca Reineke
Cuxhaven, Mai 2006