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Julia Kröhn im Interview zu ihrem Buch »Das Modehaus – Töchter der Freiheit«

Wussten Sie, dass Julia Kröhn ohne Netflix nicht überleben könnte?

Eine kurze Biografie:
Nach meiner Schulausbildung in Linz (Österreich) habe ich in Salzburg studiert. Ich habe drei Studienabschlüsse in Theologie, Philosophie sowie für das Lehramt für Geschichte, Sozialkunde und Religionspädagogik. Nach meinem Studium habe ich eine Zeitlang als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet, ehe ich mich beruflich neu orientierte. Nach einem Fernsehvolontariat in Frankfurt am Main, wo ich seit 2001 lebe, habe ich viele Jahre als freie Fernsehjournalistin gearbeitet.
2005 erschien mein erstes Buch bei btb; seitdem habe ich weit über dreißig weitere Romane publiziert (Gesamtauflage: 800.000). Viele meiner Bücher wurden übersetzt (Spanisch, Russisch, Polnisch, Bulgarisch). Seit 2011 – dem Jahr, in dem auch meine Tochter auf die Welt kam – arbeite ich hauptberuflich als Romanautorin. Seit fünf Jahren lehre ich Kreatives Schreiben an der Universität Salzburg im Rahmen des dortigen Medienstudiengangs.

Würden Sie uns ein wenig über sich erzählen – Ihre Hobbies, Lebenssituation, Ihren Traum vom Glück, was Sie ärgert, welche Gabe Sie gerne besäßen …?
Ich bin ein schrecklich neugieriger Mensch, der Informationen wie ein Schwamm aufsaugt und diese nahezu unauslöschlich auf seiner inneren Festplatte abspeichert. So wichtig und inspirierend Kommunikation und Geselligkeit für mich sind, bin ich aber auch bekennende Eremitin, die sich dann und wann strikte Klausur verschreibt und aus dem Alleinsein Kraft und Kreativität zieht.
Naja, ganz so streng ist die Klausur seit der Geburt meiner Tochter natürlich nicht. Seitdem bin ich nicht nur Autorin, sondern auch Mutter aus Leidenschaft, und da ich mich nicht in zwei Hälften teilen kann und man zudem als halbierte Person weder zum einen noch zum anderen taugt, zieht das einen Dauerspagat mit sich. Aber das hält immerhin gelenkig :-)

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Schon im Volkschulalter verkündete ich, dass ich mal Schriftstellerin werden wollte. Mit vierzehn Jahren versuchte ich mich dann an meinem ersten »Roman«. Ich habe in den Sommerferien konsequent jeden Tag zwei Seiten geschrieben (mit einer alten mechanischen Schreibmaschine, sodass meine Großeltern keinen wirklich entspannten Mittagsschlaf halten konnten :-)
In den nächsten Jahren blieb ich ähnlich diszipliniert (frei nach dem Motto: »Keine Schokolade, ehe das Tagespensum steht«), doch ich habe ausschließlich für die Schublade produziert. Bevor diese endgültig überquoll gab es Gott sei Dank den ersten Verlagsvertrag, auf den weitere folgten und mich endgültig zur »Schreibaholic« machten.

Was inspiriert Sie/Wie finden Sie Ihre Themen?
Neben dem Schreiben habe ich zwei große Leidenschaften: Das Reisen und die Beschäftigung mit der Geschichte, wobei beides in gewisser Weise zusammengehört. Am liebsten reise ich nämlich an Orte, deren wechselvolle Geschichte spürbar ist. Ich habe kein Lieblingsland, aber es ist von Vorteil, wenn das Meer, schroffe Küsten und irgendwelche Burgruinen, auf denen ich herumklettern kann, in der Nähe sind.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
In meinem Roman Das Modehaus – Töchter der Freiheit geht es, wie der Titel schon sagt, um Mode und Freiheit. Anhand von drei Frauen wird die Entwicklung der Mode im 20. Jahrhundert aufgezeigt, die immer auch ein Spiegelbild für den gesellschaftlichen Status der Frau war: Als Frauen erstmals wählen durften, legten sie auch das Korsett ab. Als sie in den 50er-Jahren an den Herd zurückkehrten, wurden eine schmale Taille und weite Röcke wieder modern. Als Frauen in den 70er-Jahren in die Arbeitswelt drängten, war die Hose für sie plötzlich mehr als nur bequeme Freizeitkluft.

Was/Welche Szene daraus war bisher am schwierigsten zu schreiben?
Meine drei Protagonistinnen Fanny, Lisbeth und Rieke sind alle drei auch Mütter – und in dieser Rolle verdienen sie sich nicht immer das »pädagogisch wertvoll«-Siegel. Als Schriftstellerin ging es mir darum, sie in ihrer Mutterrolle möglichst authentisch und entsprechend ihrer Zeit und deren pädagogischen Paradigmen zu schildern. Als Mutter musste ich dabei aber schon manchmal schlucken.

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Ich möchte mich auf keine bestimmte Szene festlegen. Generell waren die, die in den 70er-Jahren spielten, die größte Herausforderung. Da ich selbst 1975 geboren wurde, könnte man meinen, dass mir diese Zeit am vertrautesten ist – doch in Wahrheit gilt eher das Gegenteil. Es ist kaum zu fassen, was sich seitdem gesellschaftlich und politisch getan hat.
Ein Abendessen zu schildern, bei dem russischen Eiern, Mett-Igel und Lambrusco-Bowle aufgetischt werden, und das in einem Wohnzimmer mit oranger Mustertapeten und Flokati, war mindestens so schwer wie ein mittelalterliches Gelage zu beschreiben.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Von den Hauptfiguren finde ich Lisbeth am spannendsten. Sie ist eine vermeintlich kühle, verhaltene Frau, zu der ich am Anfang des Schreibprozesses noch eine große Distanz fühlte. Als sie sich im Laufe der Geschichte aber langsam öffnete, weicher, menschlicher wurde, bin ich mit ihr warm geworden.
Die Favoriten unter den weiblichen Nebenfiguren sind Alma und »Krähen-Klara«, Frauenrechtlerin der ersten Stunde und jede für sich exzentrisch, stark, unabhängig und unkonventionell.
Von den männlichen Nebenfiguren ist mir Théo besonders ans Herz gewachsen, der eine gleichzeitig lustige wie tragische Figur ist.

Gibt es bestimmte geographische Orte, zu denen Sie oder Ihr Buch einen besonderen Bezug haben?
Mein Roman spielt hauptsächlich in Frankfurt – und es war für mich eine besondere Erfahrung, einmal nicht in ferne Länder zu reisen, sondern quasi vor meiner Haustür zu recherchieren. Manche Szenen lasse ich an Orten spiele, an den ich täglich vorbei komme, wenn ich meine Tochter zur Schule bringe oder einkaufen gehe. Ich bin dadurch in meiner Wahlheimat, wo ich seit 2001 lebe, endgültig angekommen. Was ich hier nämlich als gebürtige Österreicherin immer vermisst habe, waren familiäre Wurzeln: Um Verwandte zu treffen, gilt es eine Distanz von mindestens 500 km zurückzulegen. Da nun aber meine Protagonistinnen Fanny, Lisbeth und Rieke hier leben, lieben, leiden, habe ich mir quasi eine »Frankfurter Familie« erschaffen.

Was lesen Sie selber gerne?
Alles querbeet – manchmal was zum Fürchten, manchmal was zum Träumen, manchmal was zum Weinen, manchmal was zum Lachen.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
Tess Gerritsen, wenn ich blutrünstige Thriller lesen will, Liza Marklund, wenn es um psychologische Krimis geht, Isabel Allende, wenn es farbenprächtige Frauensagas sein sollen, Dörte Hansen, wenn ich mich nach einer besonders poetischen Sprache verzehre, Rebecca Gablé, wenn ich in einem 1000-Seiten-Buch versinken will. Und natürlich George R.R. Martin, weil ich von ihm das Blutrünstige, Psychologische, Farbenprächtige, Kalte und Poetische in einem bekomme – und die 1000 Seiten sowieso.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?
Als Kind war das Klara aus Johanna Spyris Heidi, als Pubertierende habe ich mit Desirée aus Anne Marie Selinkos gleichnamigem Roman gelitten. In postpubertären Zeiten habe ich mit Scarlett O'Hara die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs erlebt. Und Adrian Leverkühn (der Protagonist aus Thomas Manns Doktor Faustus) war meine erste große Liebe.
Danach wurde ich in literarischer Hinsicht deutlich promisker, weswegen ich mich heute unmöglich auf eine Figur festlegen kann.

Möchten Sie uns 3 Bücher für die einsame Insel empfehlen?
Ich finde ja, dass sich ein Aufenthalt auf einer einsamen Insel nur dann empfiehlt, wenn sich dort mehr als drei Bücher, nämlich eine ganze Bibliothek befinden. Die drei Bücher, die mich im letzten halben Jahr jedenfalls am meisten beeindruckt haben, waren Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel, Altes Land von Dörte Hansen und Tyll von Daniel Kehlmann

Was ist für Sie die größte Versuchung?
Häagen-Dasz Salted Caramel Eis mit Eierlikör.

Verraten Sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Mein liebstes »Frankfurt-Gericht« ist die berühmte Grüne Soße, die zu Kartoffeln und harten Eiern gegessen wird. Dafür Dickmilch und Sauerrahm in eine große Schüssel geben und vorsichtig vermengen. Mit 100 ml normaler Milch etwas verdünnen und mit Pfeffer, Salz, Zucker, Senf, Öl und Weinessig würzen. Dazu kommen dann klein gehackt Kräuter: Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch.

Was ist für Sie die optimale Entspannung?
Ohne Netflix könnte ich nicht überleben. Oder anders gesagt: Ich bin ein ganz großer Fan von amerikanischen Fernsehserien (aktuelle Lieblingsserien: The Good Fight, Homeland, Greys Anatomy, The Good Doctor u.v.a.m.) oder von ähnlich hochwertiger deutscher Fernseh-Unterhaltung (z.B. Babylon Berlin oder Ku’Damm 56/59)

Haben Sie ein Lebensmotto?
»Der Künstler ist nichts ohne die Begabung, aber die Begabung ist nichts ohne Arbeit.«
(Émile Zola).
Sprich: Nicht nur die Liebe zum und das Talent fürs Schreiben haben mich zu der gemacht, die ich bin, sondern auch meine preußische Disziplin (und das, obwohl ich meines Wissens gar keine preußischen Gene habe :-)

Gibt es eine Person, die Sie persönlich fasziniert?
Alle Frauen der Geschichte, die gegen jedwede Konvention und trotz heftigem Gegenwind um ein selbstbestimmtes Leben gerungen und sich für die Freiheit, gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverwirklichung ihrer Geschlechtsgenossinnen eingesetzt haben.

Welche menschliche Leistung des letzten Jahrhunderts bewundern Sie am meisten?
Die Errungenschaften der Frauenrechtlerinnen. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts durften die Vertreterinnen meines Geschlechts nicht wählen, nicht studieren und trugen – quasi körperlich wie geistlich – ein Mieder. Heutzutage ist jedes Mädchen, das geboren wird, eine potenzielle Bundeskanzlerin, Präsidentin, Vorstandvorsitzende, Universitätsprofessorin etc. …

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen
Für den Roman bin ich probeweise in die Kleidung meiner jeweiligen Protagonistinnen geschlüpft – Mode der 20er-Jahre, 50er-Jahre und 70er-Jahre.
Dabei herausgekommen sind nicht fünf, aber drei überraschende Erkenntnisse:
- Das 20er-Jahre-Outfit fühlte ich erst komplett an, als ich – obwohl ich eigentlich militante Nichtraucherin bin – zum paffen anfing.
- Das 50er-Jahre-Outfit war das, was mir nach Aussage von Freunden und Bekannten am besten stand, in dem ich mich zugleich am unwohlsten fühlte. Es schien, als würde meine Lebensflamme auf 20 % runtergedimmt werden.
- Das 70er-Jahre-Outfit erinnerte mich an das Tapetenmuster meines Kinderzimmers – und fühlte sich trotzdem oder gerade deswegen wie eine Karnevalsverkleidung an.

Ein kurzer Gruß an Ihre Leser/innen:
Sicher können Sie sich noch an eigene »Modesünden« erinnern – ob Leopardenleggings oder XXL-Schulterpolster, Schlaghosen oder Metallic-Look. Aber wie Oscar Wilde so schön sagt: »Mode ist jene kurze Zeitspanne, in der das völlig verrückte als normal gilt.«
Ich lade Sie ein, mit mir bzw. meinen Protagonistinnen Fanny, Lisbeth und Rieke
auf modische Zeitreise zu gehen – ob in die schillernden 20er-Jahre, als die sogenannten Flapper Girls Kleider und Haare kurz wie nie trugen, in die entbehrungsreiche Nachkriegszeit, als selbst aus Regenschirmen, Moskitonetzen oder Bademänteln Kleider genäht wurden, oder in die 70er-Jahre, als plötzlich alles erlaubt schien – ob Hippiestyle oder strenges Kostüm, Schiwago-Look oder Ultraminirock.

Das Modehaus - Töchter der Freiheit Blick ins Buch

Julia Kröhn

Das Modehaus - Töchter der Freiheit

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