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Karen Joy Fowler - »Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke«

Karen Joy Fowler über »Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke«

Die Autorin zum Buch

„Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ dreht sich um eine Familie, die einen tragischen Verlust erleidet: Eine ihrer Töchter verschwindet plötzlich und taucht nie wieder auf. Was die Geschichte der Cookes von allen anderen Familienromanen unterscheidet, ist jedoch nicht das Geheimnis um das Verschwinden der Tochter Fern und das dadurch ausgelöste Trauma, an dem die Familie schließlich zerbricht. Es ist die Identität Ferns, über die Sie die Leser lange im Unklaren lassen. Warum enthüllen Sie erst nach knapp einem Viertel des Buches, dass es sich bei Fern in Wirklichkeit um eine Schimpansin handelt?

Meine Gründe dafür sind die gleichen, die meine Hauptfigur und Erzählerin Rosemary im Roman anführt. Wenn ich von Anfang an erzählt hätte, dass Fern eine Schimpansin ist, hätten die Leser Fern vermutlich sogleich anders wahrgenommen – nicht als Schwester, so wie Rosemary und ich möchten, dass man sie sieht, sondern als ein Haustier, als Teil eines Versuchs oder als Kuriosität. Zuerst wollte ich deutlich hervorheben, dass sie Ferns Schwester war, bevor ich alles Weitere verriet. Was ich hier gerade tue. Aaah! Vergessen Sie, was ich gerade gesagt habe!

Der Anstoß für die Geschichte ging von Ihrer Tochter aus. Können Sie etwas mehr darüber erzählen, wie sie auf den Vorschlag kam, Sie sollten das Kellogg-Experiment zum Thema Ihres Romans machen? Bei diesem Versuch hatte der Wissenschaftler Winthrop Kellogg 1931 einen sieben Monate alten Schimpansen in seine Familie aufgenommen und versucht, ihn zusammen mit seinem damals zehn Monate alten Sohn großzuziehen.


Meine Tochter und ich unterhielten uns über meinen Vater, ihren Großvater, der gestorben war, bevor sie geboren wurde. Er erforschte das Lernverhalten, und als ich ein Kind war, waren seine Studienobjekte Ratten, wenngleich er später zu mathematischen Modellen überging. Auch meine Tochter studierte das Lernverhalten von Tieren, aber in der freien Natur. Sie spezialisierte sich auf Seelöwen und das Verhalten bei der Nahrungssuche. Während unseres Gespräches kam ich auf das Kellogg-Experiment, auf das sich Ihre Frage bezieht. Weil es bei uns zu Hause üblich war, beim Essen über solche Themen zu reden, war mir gar nicht bewusst, dass nicht jeder so vertraut mit der Geschichte des Kellogg-Experiments ist. „Wie wäre es wohl, dieses Kind zu sein“, sagte meine Tochter. „Davon sollte dein nächstes Buch handeln.“

Sie erzählen Ihren Roman aus der Perspektive der Hauptfigur Rosemary, die die ersten fünf Lebensjahre zusammen mit der gleichaltrigen Fern aufwuchs. Die Geschichte setzt 1996 ein, 17 Jahre nach dem Verschwinden von Fern. Rosemary ist zu diesem Zeitpunkt 22, studiert an der University of California in Davis und hat alle Ereignisse, die mit Fern, ihrem Verschwinden und der Trauer über ihren Verlust zusammenhängen, fast vollständig verdrängt. Bis sie in der Cafeteria der Universität unter turbulenten Umständen der Schauspielstudentin Harlow begegnet. Warum löst ausgerechnet Harlow in Rosemary die Erinnerung an Fern aus?

Als sie zum ersten Mal aufeinander treffen, hat Harlows Betragen viel von Ferns Verhalten an sich, und Rosemary wird sofort zur Komplizin, obwohl sie dadurch sogar ins Gefängnis wandert. Die Rolle ist ihr aus den gemeinsamen Jahren mit Fern vertraut, und es ist die bequeme, mühelose Wiederaufnahme dieser Rolle, die in Rosemary die Erinnerung auslöst. Harlow ist für mich wie die Katze im Kinderbuch „The Cat in the Hat“: ein Überraschungsgast, der alles durcheinander wirbelt. Das Haus ist aufgeräumt, das Leben ist in Ordnung, und dann klopft jemand an die Tür. Ich liebe diese Figuren – die Chaosstifter.

Es hat immer wieder Versuche gegeben, Schimpansen als gleichberechtigte Familienmitglieder gemeinsam mit Menschen aufzuziehen. Das Augenmerk richtete sich dabei vor allem auf die Schimpansen und die Frage, inwieweit das menschliche Umfeld sich auf die Entwicklung der Primaten auswirken würde. Sie rücken jedoch den umgekehrten Einfluss ins Blickfeld: den der Schimpansin Fern auf das Verhalten von Rosemary. Was ist darüber aus den Studien bekannt, die Sie im Roman erwähnen?

Soviel ich weiß, war das Kellogg-Experiment das einzige, in das ein menschliches Kind einbezogen wurde. Dieser Versuch, der wie mein fiktiver ursprünglich auf den Zeitraum von fünf Jahren angelegt war, wurde Knall auf Fall abgebrochen, als das Kind anfing, die Verhaltensweisen des Schimpansen ebenso rasch anzunehmen wie der Schimpanse die menschlichen. Wir wissen heute (zumindest glauben wir das), dass das Gehirn eines Kleinkindes stark veränderbar ist und sich in gewissem Maß dem Vorbild der Gehirne in seiner Umgebung anpasst. Daher würde es sich unmittelbar auf die Struktur seines Gehirns auswirken, wenn ein Kind so eng zusammen mit einem Schimpansen aufwachsen würde.
Über die älteren Kinder, die in Häusern lebten, wo diese Versuche mit Schimpansen fortgesetzt wurden, konnte ich so gut wie nichts finden. Das habe ich mir alles ausgedacht.

Wie haben Sie über das Verhalten von Schimpansen recherchiert und über die Versuche, sie wie Menschen aufzuziehen?

Ich arbeitete mich durch Berge von Literatur. Anscheinend wurde jeder, der das Experiment durchgeführt hat, Schimpansen in menschlicher Umgebung aufzuziehen, aufgefordert, einen Bericht darüber zu schreiben, und ich habe mich bemüht, alle zu lesen. Ich las über Schimpansen in freier Wildbahn. Ich besuchte Schimpansen und Menschen im Kommunikationszentrum Ellensburg, Washington, und unterhielt mich mit beiden. Schließlich weiteten sich meine Recherchen auf das Kognitionsvermögen von Tieren im Allgemeinen aus, und ich belegte an der Universität meines Wohnortes ein Seminar über Tierstudien. Mit dem Fortschreiten des Buches ging ich thematisch immer stärker in die Breite, statt mich zu fokussieren; Kognitionsforschung bei Tieren ist ein faszinierendes Gebiet, auf dem sich permanent so rasch etwas verändert.

Haben Sie bei Ihren Nachforschungen etwas über Schimpansen erfahren, was weitgehend unbekannt ist, was man aber unbedingt wissen sollte? Zum Beispiel warum wir in rührseligen Tier-Spielfilmen nie erwachsene Menschenaffen, sondern immer nur Babyschimpansen zu sehen bekommen?

Ich erfuhr, dass das fröhliche Grinsen, das wir häufig bei Schimpansen auf Grußpostkarten oder in Filmszenen sehen, in Wirklichkeit ihr Gesichtsausdruck bei Angst ist. Man betrachtet also kein glückliches, sondern ein verängstigtes Tier. Ich erfuhr, dass die kleinen Schimpansen in Spielfilmen vor den Aufnahmen oft Schläge mit Stöcken erhalten, die aus Zeitungspapier gedreht werden. Während einer Szene muss der Schlag dann nur noch angedeutet werden um sicherzustellen, dass der Schimpanse kooperiert. Auf diese Weise können Filme die übliche Erklärung verwenden – während der Filmaufnahmen wurde Tieren kein Schmerz zugefügt – weil die ganze Gewalt bereits vorher ausgeübt wurde. Ich erfuhr, dass bei Spielfilmaufnahmen mehr Tiere verletzt und getötet werden, als ich je geahnt hätte.

Ihr Buch kritisiert scharf das Leid, das Tieren unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Forschungen zugefügt wird. Gibt es aus Ihrer Sicht Umstände, unter denen Tierversuche notwendig und ethisch zu rechtfertigen sind?

Wenn es um die Herstellung von Kosmetika oder um die Unterhaltungsspektakel von SeaWorld und Ringling Bros. geht, lautet meine Antwort eindeutig nein. Bei der Erforschung des Primatenverhaltens geht man momentan viel stärker auf die Schimpansen ein, und ich habe keine Einwände dagegen, vorausgesetzt, die Lebensbedingungen sind angemessen. Wildtiere sollten am besten in freier Wildbahn leben, aber das ist nicht immer möglich.
Am schwierigsten ist die Frage für den Bereich der medizinische Forschung zu beantworten, und mir fehlt die Fachkenntnis, um hier mit voller Überzeugung mehr sagen zu können, als dass man jeden einzelnen Fall, und jeden Versuch mit Probanden sorgfältig überprüfen sollte. Es gibt viele Krankheiten, über die wir mehr herausfinden müssen. Ich bin zuversichtlich, dass für ihre Erforschung neue Methoden gefunden werden.

Vordergründig geht es in Ihrem Roman darum, Familiengeheimnisse zu enthüllen und aufzudecken, warum Fern verschwand und sieben Jahre später auch noch Rosemarys über alles geliebter älterer Bruder Lowell. Doch Ihr Buch hat eine viel tiefere Dimension, die scheinbar nebenbei abgehandelt wird. Es geht um Identität, das Wesen des Menschlichen und die Möglichkeit, Wahrheit durch Sprache zu erfassen. Können Sie etwas mehr über die Bedeutung der Sprache in Ihrem Roman erzählen?

Ich habe mir über jede Figur hinsichtlich ihrer Beziehung zur Sprache Gedanken gemacht. Tatsächlich dreht sich das Buch im Wesentlichen um die Frage, wer in der Lage ist zu sprechen und wer nicht, wer spricht und wer nicht, wem zugehört wird und wem nicht. Damit einher geht die Schwierigkeit herauszufinden, was wahr ist und was nicht.

Die Identität eines Menschen ist eng verbunden mit der Fähigkeit, sich an seine Herkunft und an Vergangenes zu erinnern. Rosemarys Identitätskrise rührt aber nicht allein daher, dass wichtige Ereignisse im Leben ihrer Familie verschwiegen und verdrängt wurden. Durch die prägenden frühen Lebensjahre mit Fern ist Rosemary auch dazu gezwungen, sich mit ihrer evolutionären Herkunft auseinandersetzen. Können Sie etwas mehr über diese Herausforderung erzählen?

Mir vorzustellen, welche Auswirkungen das Experiment auf Rosemary hatte, bildete den schwierigsten Teil des Buches für mich. Wie ich vorher bereits erwähnte, könnte sich die enge Beziehung zu Fern tatsächlich auch physisch auf ihr Gehirn ausgewirkt haben. Durch die Aufzucht von Schimpansen in menschlicher Umgebung haben die Menschen Tiere geschaffen, die anschließend nicht mehr in die Welt passen. Sobald sie das Erwachsenenalter erreicht haben, gibt es keinen Platz mehr für sie.
Dasselbe würde auf Rosemary zutreffen. Sie weiß, was wir alle gern vergessen: Wenn Schimpansen dem Menschen ähnlicher sind, als wir angenommen haben, dann sind auch Menschen dem Schimpansen ähnlicher, als wir wahrhaben möchten. Daher ist Rosemary vielleicht gar nicht so anormal – sie hat nur einen engeren Bezug zu dieser fortlaufenden Verbindung, ist sich ihrer etwas deutlicher bewusst als wir übrigen. Oder sie ist womöglich ein komplett anderes Tier. Was wirklich zutrifft, wird sie nie herausfinden.

Sie nähern sich in Ihrem Roman dem, was das Wesen des Menschen ausmacht – aber nicht wissenschaftlich, sondern mit den Möglichkeiten einer Geschichte. In welcher Hinsicht kann Literatur hier mehr ausdrücken und vermitteln als eine wissenschaftliche Studie?

Wenn ich einen Roman schreibe, bin ich nicht gezwungen, so umsichtig zu sein wie ein Wissenschaftler. Ich muss eine Sache nicht erst beweisen, um so tun zu können, als sei sie wahr. Ich kann die Wirkung auf die Gefühle betrachten; ich kann in jemand anderen hineinsehen, weil sein Geist von meinem Geist erschaffen wurde. Wäre ich Wissenschaftler, wäre das Besorgnis erregend und würde mich in Verruf bringen. Als Romanschriftstellerin gehört es zu meinem Beruf.

Für Ihren jüngsten Roman haben Sie sich intensiv mit den Ergebnissen der Gedächtnis-, Bewusstseins- und Kognitionsforschung auseinandergesetzt. Hat es Sie – über diesen Roman hinaus – als Autorin beeinflusst, dass Ihr Vater Professor für Psychologie war?


Alles, was ich schreibe, ist stark von meinem Vater beeinflusst. Es beunruhigt mich manchmal, dass ich über nichts anderes schreibe. Bestimmt hat das teilweise damit zu tun, dass er Psychologe war. Aber über Gedächtnis- oder Bewusstseinsforschung habe ich nie mit ihm gesprochen. Genau genommen kann ich seine Arbeit, die größtenteils in Form mathematischer Gleichungen voller unbekannter Symbole verfasst ist, überhaupt nicht begreifen. Das Buch enthält ein Beispiel – es handelt sich um eine der Gleichungen meines Vaters. Was sie bedeutet? Ich habe keinen blassen Schimmer.

Es gibt bei den Cookes den Glaubenssatz: „Alles Erreichte ist nicht so wichtig wie der Punkt, an dem man scheitert“. Woher stammt er?


Soweit ich weiß, stammt er von mir selbst. Mich traf die Erkenntnis, dass sich dies auf äußerst ungerechte Weise bewahrheitet. Die Welt wirft sich auf das Schlechte. Jemand sagt etwas Unfreundliches zu einem, und schon ist einem der ganze Tag ruiniert, wenn nicht gleich die ganze Woche. Ein Kompliment hat nicht im Entferntesten diese Wirkung. Ich vermute, dass unsere Gehirne auf Bedrohung gepolt sind und dass diese Hinwendung zur Schattenseite Teil unseres darwinschen Erbes ist. Daher kann man vermutlich daran nichts ändern.

Mit „Der Jane-Austen-Club“ wurden Sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der heitere Roman über einen Lesekreis, dessen sechs Mitglieder sich auch im wirklichen Leben von den Werken Jane Austens inspirieren lassen, avancierte zu einem gefeierten Bestseller. „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ wurde mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet und gelangte 2014 auf die Shortlist des Man Booker Prize. Wie haben diese Erfolge Ihr Leben als Autorin verändert?

Hauptsächlich habe ich viel zu tun. Ich glaube, dass ich in den vergangenen zwei Jahren kaum mehr als ein paar Wochen zu Hause verbracht habe. Teilweise liegt das daran, dass meine Enkelkinder weit verstreut leben. Aber es liegt auch viel an den Reisen und Vorträgen, die sich für mich durch das Buch ergeben haben. Ich muss dazu übergehen, Dinge abzusagen, die ich wirklich gern tun würde, sonst werde ich es nie mehr schaffen, ein Buch fertig zu schreiben.



© Manhattan Verlag
Interview: Elke Kreil