Karine Lambert über ihren Roman Eines Tages in der Provence

Bestsellerautorin Karine Lambert ist nach Und jetzt lass uns tanzen und Das Haus ohne Männer zurück mit ihrem neuen Roman Eines Tages in der Provence. Es ist ein besonderes, poetisches, humorvolles und nostalgisches Buch über das Glück des Seins und die Kämpfe, die es auszutragen gilt, um es zu bewahren. Federleicht und zart verzaubert Karine Lambert ihre Leserinnen und Leser. Im Interview beantwortet sie unsere Fragen.

Karine Lambert
© Karine Lambert
Jedes Ihrer Bücher wurde von einer Anekdote inspiriert, die Ihnen passiert ist. Wie war das bei Eines Tages in der Provence?

Ja, mich rütteln immer Wörter auf, sie schütteln mich durch, genau wie meine Figuren. Ich schreibe Geschichten, die von mir Besitz ergreifen. Die erste Idee zu Eines Tages in der Provence kam mir in einer Buchhandlung, genauer gesagt wurde ich von einem Buchhändler inspiriert, der mir erzählte, man würde den Baum im Innenhof seines Hauses fällen, was für viel Aufregung sorgte. Ich bin nach Hause gegangen und habe sofort ein achtseitiges Exposé geschrieben, dieses Thema wurde von jetzt auf gleich dringlich für mich. Nach und nach sind die Figuren aufgetaucht und die Kulisse hat sich entwickelt.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, in die Perspektive des Baums einzutauchen?

Der Baum ist die Hauptfigur. Er bildet das Herz des Dorfes und der Geschichte. Er hat einen Rundumblick auf alles, was passiert, er beobachtet die Bewohner und entdeckt seine eigene Endlichkeit. Er durchlebt daraufhin sämtliche Phasen bis zur Akzeptanz seines Todes: Er leugnet, er ist wütend, er trauert und resigniert. Die Natur berührt mich, aber ich kenne mich nicht gut aus, ich kann gerade mal eine Birke von einer Hecke unterscheiden, und dann entstand da plötzlich diese Figur … Ich habe viel gelesen, um mir Anregungen zu holen. Doch Geheimnisse müssen ein wenig geheimnisvoll bleiben, ich umkreise sie bloß, ich deute nur an, stelle mir nur vor, dass der Baum denken kann. Das ist das Wunderschöne am Schreiben: Man kann die Fantasie frei schweifen lassen. Ich mag Herausforderungen. Ich musste die richtige Dosis An¬th¬ro¬po¬mor¬phis¬mus finden. Anfangs fühlte ich mich auf Papier wohl, aber sobald ich spazieren ging, war mir, als würden mich die Bäume bitten, sie von ihrem Schweigen zu befreien. Sobald ich das für mich richtige Maß gefunden hatte, ging es mir leicht von der Hand. Ich habe ein Jahr im Kopf eines Baumes verbracht und das war großartig.
Ein kleiner Junge, zwei alte Schwestern, ein Gemeindearbeiter, eine Barbesitzerin … in diesem Roman gibt es zahlreiche Stimmen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Um die Perspektiven vielseitiger zu gestalten – wahrscheinlich ist das die Fotografin, die immer in mir schlummert  Die Anweisung der Stadtverwaltung, dass der Baum gefällt werden soll, bringt das Gleichgewicht im Dorf durcheinander. Ein unwahrscheinliches Komitee bildet sich. Die Mitglieder betrachten die Angelegenheit von allen Seiten, um herauszufinden, was dahinter steckt, einen völlig gesunden Baum zu fällen. Ich wollte, dass man die Gedanken von jedem unmittelbar miterlebt, dass man spürt, was das Schicksal der Platane mit dem Leben aller zu tun hat. Der Baum ist der Spiegel ihrer Wünsche, ihrer Fragen und auch ihrer Dunkelheit. Weil er in Gefahr ist, sind sie fragil, werden mobilisiert, und dies wird sich auf ihr eigenes Schicksal auswirken. Das Leben jedes Einzelnen verändert sich.

Ihr Roman Und jetzt lass uns tanzen handelt von dem Wagemut, Liebe in einem Alter zu leben, in dem man sie nicht mehr erwartet. Im Haus ohne Männer schreiben sie von Frauen, die den Männern abgeschworen haben und von einem Mehrgenerationenhaus. Nun geht es um Natur in Gefahr. Sehen Sie sich als engagierte Autorin?

Ich würde eher sagen: Ich schreibe über Themen, die mich betreffen. Es geht mir zwar nicht in erster Linie darum, aber falls ich ein wenig die Gewissen wachrütteln kann, umso besser. Kennen Sie die Geschichte von einem Kolibri, die Pierre Rabhi erzählt? Einer indianischen Legende zufolge gab es eines Tages einen großen Waldbrand. Alle Tiere hatten schreckliche Angst, waren bestürzt und beobachteten machtlos die Katastrophe. Nur der kleine Kolibri wurde aktiv, holte in seinem kleinen Schnabel einige Tropfen Wasser und kippte sie auf das Feuer. Nach einem Augenblick sagte das Gürteltier, das sich über dieses lächerliche Treiben aufregte: »Kolibri! Du bist doch verrückt! Mit diesen paar Tröpfchen wirst du das Feuern niemals löschen!« Und der Kolibri antwortete ihm: »Das weiß ich, aber ich tue, was ich kann.«

Glauben Sie, dass Sie sich beim Schreiben und bei den Themen Ihrer Romane weiterentwickelt haben?

Es geht immer um die Liebe, um Orientierungslosigkeit und Solidarität. Meine Figuren sind keine Superhelden, sondern Menschen wie Sie und ich, mit Schwächen, Fehlern, mit Wunden, Ecken und Kanten und ihrem ganz eigenen Lächeln. Normale und besondere Menschen, die mit etwas konfrontiert werden, was sie durchschüttelt und sie weiter zu sich und zu den anderen bringt. Die Themen, die Geschichten sind jedes Mal sehr unterschiedlich, ich liebe es, neue Welten zu entdecken. Und ich mag es auch, sie in Szene zu setzen.
Ich hoffe, dass sich meine Art zu schreiben weiterentwickelt und Fortschritte macht. Ich suche meine Sprache, meine Stimme, meine eigene Melodie der Wörter. Ich schreite in Ehrlichkeit und Demut voran. Ich bin eine Autorin auf dem Weg.
Was bedeutet das Schreiben für Sie?

Schreiben ist essenziell, es ist die Luft, die mich am Leben hält.

Übersetzt von Pauline Kurbasik. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Hachette Frankreich.

Eines Tages in der Provence

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