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SPECIAL zu Karla Weigand

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine Zeitreise machen: In welcher historischen Epoche hätten Sie selbst gern gelebt und in welcher Rolle?

Karla Weigand: Grundsätzlich lebe ich am liebsten in der Jetztzeit. Unsere Gegenwart ist ereignisreich und spannend; außerdem – zumindest in Europa – frei von Kriegen, Seuchen und Hungersnöten. Die Emanzipation der Frauen hat enorme Fortschritte gemacht, auch wenn manches noch zu verbessern ist. Übrigens: Im Mittelalter besaßen die Frauen eine Reihe von Rechten, derer man sie später beraubt hat und die in der Neuzeit wieder mühsam erobert werden mussten …

Ich könnte mir durchaus vorstellen, zur Zeit des Konstanzer Konzils (Das Erbe der Apothekerin) gelebt zu haben. Auch die Epoche der Französischen Revolution (Die Kammerzofe) fände ich spannend; genauso faszinierend war bestimmt die Ära der Hexenverfolgungen (Die Hexengräfin) und die Zeit kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (Die Hexenadvokatin). Selbst am Hof des Sonnenkönigs, Ludwigs XIV., als Hofdame zu leben, wäre für mich denkbar (Im Dienste der Königin).

Ums Jahr 1000 herum würde ich auch nicht ungern gelebt haben. Kaiser Heinrich II. (Die Heilerin des Kaisers) war keineswegs der frömmelnde, staubtrockene, fantasielose Verwaltungsmensch, als den man ihn im 19. Jahrhundert dargestellt hat. Nicht jeder kann schließlich ein Barbarossa oder Friedrich II. sein.

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Wie stoßen Sie auf die Schauplätze und Figuren und wie viel Zeit verwenden Sie auf Recherchen, ehe Sie mit dem Schreiben beginnen?

Karla Weigand: Die Schauplätze liegen praktisch überall! Als sehr geschichtsbewusster Mensch fühle ich mich auf Schritt und Tritt von historisch relevanten Orten umgeben. Viele Spuren der Vergangenheit liegen offen zutage, andere sind mühsamer zu eruieren – was allerdings enormen Spaß macht.

Eine möglichst umfangreiche Recherche ist m. E. unabdingbar für jeden guten historischen Roman. Die Fakten müssen stimmen und einer eventuellen Nachprüfung standhalten. Authentizität macht sich bezahlt und führt zu Glaubwürdigkeit und dadurch auch zur Akzeptanz beim Leser. Sind die Quellen widersprüchlich, heißt es abwägen; manchmal gelingt es, mehrere Sichtweisen zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Die Recherche zu einem Roman ist die Hauptarbeit des Schreibens. Je mehr ich über einen Zeitabschnitt weiß, desto leichter fällt es mir, eine Protagonistin und die Haupt- und Nebenfiguren zu „erfinden“, sowie die in den Zeitrahmen passende Handlung. Die Recherche endet erst dann, wenn der Roman beendet ist. Sooft sich neue Gesichtspunkte ergeben, kann das dem Geschehen eine andere Wendung verleihen. Abweichungen vom Exposé sind die natürliche Folge.

Zur Recherche selbst ist zu sagen: Lesen, lesen, lesen! Alles, was irgendwie in die betreffende Zeit führt und den Ort der Handlung berührt, gehört dazu. Wie lebten die Menschen, was trieb sie um? Welche Sorgen, welche Nöte, welche Krankheiten, welcher Aberglaube und welche Repressalien der Obrigkeit machten ihnen zu schaffen? Worauf hofften sie? Ertrugen die Menschen geduldig ihr Schicksal oder wehrten sie sich gegen Not und Unterdrückung?

Alte Geschichtsbücher, alte Hefte und Journale sind wahre Fundgruben, ebenso Aufzeichnungen früherer Lehrer und Dorfchroniken ehemaliger Schultheißen oder Pfarrer. Hilfreich erweisen sich nicht selten Gespräche mit ganz alten Leuten, das Stöbern in Familienbibeln und das genaue Hineinhören in örtliche Sagen und Legenden, die alle einen wahren Kern enthalten. Auch das Internet kann manchmal eine gute Quelle sein.

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Wie lange brauchen Sie normalerweise, bis ein Buch druckfertig ist?

Karla Weigand: Mit allen Durchsichten, nötigen Verbesserungen und Korrekturen und der Endkontrolle: ein knappes Jahr.

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Welche Figur aus Ihren bisherigen Romanen ist Ihnen am meisten ans Herz gewachsen und aus welchem Grund?

Karla Weigand: Das ist schwer zu beantworten. Irgendwie identifiziert man sich mit jeder seiner Protagonistinnen auf eine ganz bestimmte Weise. Besonders liebe ich das Bauernmädchen Julienne Bertot aus Die Kammerzofe, ein intelligentes Geschöpf von schlichter Herkunft, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, das aufgrund von Verlässlichkeit, Loyalität und Gewitztheit die soziale Sprossenleiter emporsteigt: eine junge Frau, die sich trotz herber Schicksalsschläge niemals unterkriegen lässt.
Ähnlich geht es mir bei der Protagonistin Magdalena aus Das Erbe der Apothekerin: Glück ist gut und schön, so man es hat – aber wo steht geschrieben, dass man ihm zur rechten Zeit nicht ein bisschen nachhelfen darf?

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Wann und wie ist der Entschluss in Ihnen gereift, Ihren ersten Roman zu schreiben?

Karla Weigand: Dazu muss ich sagen, dass ich sehr frankophil bin und mich ein Ereignis wie die Französische Revolution ungeheuer berührt. Im Laufe der Zeit hatte ich Material darüber zusammengetragen – ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, etwas davon literarisch auszuwerten.

Den entscheidenden Anstoß gab mein Mann, der Autor Jörg Weigand, dem ich dafür von Herzen danke. Er erkannte, dass ich Talent zum Schreiben habe und auch das nötige Durchhaltevermögen für lange Texte. Er ermunterte mich nicht nur, „das Wagnis einzugehen“, sondern half mir bei umfangreichen weiteren Recherchen und Übersetzungen. Beherrscht er doch – im Gegensatz zu mir – das Französische fließend.

Er war mir eine unsagbar große Hilfe bei meiner „Erstgeburt“, vor allem, weil er mich monatelang ungestört und klaglos nach Lust und Laune werkeln ließ, ohne sich über „Vernachlässigung“ zu beschweren. Immerhin dauerte es bei meinem Erstling zweieinhalb Jahre, bis er fertig war (Erscheinungsjahr 2006).

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Was ist für Sie der schönste Aspekt an Ihrer Arbeit?

Karla Weigand: Eindeutig die Tatsache, dass ich mich durch die Recherchen und die intensive Arbeit am Text bereichert fühle. Ich empfinde es als sehr aufbauend und förderlich, dass man auch in nicht mehr so ganz jungen Jahren noch Vieles dazulernen kann!

Außerdem: Was gibt es für einen Autor Schöneres, als das eigene „Werk“ zum ersten Mal gedruckt in Händen zu halten? Wenn das Buch dann auch noch bei der Leserschaft Anklang findet, dann entschädigt das für alle Ärgernisse, denen beispielsweise ich mich als absoluter Technik-Depp, der häufig Probleme mit dem PC hat, ausgesetzt sehe …

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Was fasziniert Sie persönlich am Mittelalter, dem historischen Hintergrund, vor dem sich viele Ihrer Geschichten abspielen?

Karla Weigand: Was mich ganz allgemein an der Vergangenheit fasziniert, ist die banale Tatsache, dass die Menschen sich mit ihren Gefühlen, Sorgen, Nöten, Hoffnungen, ihrem Wollen und Streben, ihren Anstrengungen – auch mit ihrem Versagen und ihren Enttäuschungen – immer gleichbleiben.

Die Gefühle des Einzelnen vor 1000 Jahren unterscheiden sich nicht von den Emotionen eines heutigen Menschen. Lediglich die Werte haben sich geändert und die Gewichtungen haben sich z.T. erheblich verschoben.
Ein Beispiel: Wer im aufgeklärten Zentraleuropa würde heute noch freiwillig zu einem Kreuzzug aufbrechen oder wen könnte man in unserer Zeit noch dafür begeistern, „für Kaiser und Reich“ zu sterben? Abgesehen davon, dass wir keinen Kaiser mehr haben …

Glücklicherweise hat sich Einiges geändert. Wer würde sich bei uns wegen angeblich „verletzter Ehre“ noch auf den Kriegspfad begeben oder die Blutrache ausüben? Hin und wieder kommt es vereinzelt noch zu Konfrontationen mit solchen uns fremd gewordenen Bräuchen, und wir stehen dann jedes Mal fassungslos vor den Folgen.

Aber Empfindungen wie Liebe, Hass, Güte, Sorge um den Nächsten, Neid, Missgunst, Verantwortungsgefühl, Gleichgültigkeit, Verzeihen, Nachsicht etc. sind dieselben geblieben und das wird hoffentlich für immer so sein – sofern es niemandem gelingt, in unser Gehirn einzudringen und unsere Gefühlswelt zu manipulieren.

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Geben Sie uns einen kleinen Ausblick in die Zukunft: Worauf dürfen sich Ihre Leserinnen und Leser noch freuen?

Karla Weigand: Nach meinen Romanen, die entweder in Frankreich, im Badischen oder in Franken, in München bzw. in Oberbayern oder im schwäbischen Bodenseeraum angesiedelt waren, wird mein nächster Roman im Norden Deutschlands spielen – soviel kann ich schon mal verraten; und die Zeit der Handlung wird um 1700 sein.

Die Friesenhexe und ihr Vermächtnis Blick ins Buch

Karla Weigand

Die Friesenhexe und ihr Vermächtnis

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