SPECIAL zu Katarina Fischer

Das Leben ist jetzt und nicht später

Wo ist der Rückspulknopf, wenn man ihn braucht? Das denkt sich die noch nicht ganz dreißigjährige Daphne, als sie am Ende des Jahres mit ihren Freunden neben dem blubbernden Schokobrunnen sitzt und allzu komplizierte Fragen gestellt werden. Zum Beispiel die, die man gerne im Alltag vermeidet: Was macht dich glücklich? Denn das Leben ist jetzt und kann nicht immer auf später verschoben werden. Sie schmieden einen Pakt: Alle haben ein Jahr Zeit, um das Glück zu finden. Alles ist erlaubt.

Interview mit Katarina Fischer

Wie kam es zu diesem Titel?
Katarina Fischer: Der Titel ist entstanden, während ich die Silvesterszene geschrieben habe. Daphne, eine junge Frau Ende zwanzig, hat ihre Freunde zum Jahreswechsel in ihre Wohnung eingeladen. Und der größte Teil von ihnen befindet sich an einem toten Punkt in ihrem Leben, hat keinen Plan für die Zukunft und weiß einfach nur, dass es so, wie es ist, unbefriedigend ist. Alle hatten gedacht, dass schon irgendwann irgendetwas passieren würde, das ihr Leben interessanter, aufregender oder sinnvoller macht, merken aber, dass dieses Irgendwann schön längst verstrichen ist. Warten allein genügt nicht mehr. Eben: ‚Jetzt ist bald und nichts ist los‘.
Daphnes beste Freundin Betty sagt diesen Satz an einer Stelle in dieser Eröffnungsszene. Von außen betrachtet ist sie eigentlich in der schwierigsten Situation von allen Anwesenden: schwanger von einem Typen, der sich um sie nicht wirklich kümmert, ohne echten Job. Aber sie ist ein sehr entspannter Mensch, der keine Angst vor dem Leben hat und es meistens locker nimmt. Wenn ich Dialoge schreibe, stelle ich mir vor, wie die Figuren sich in der Realität unterhalten würden und für Betty ist ‚Jetzt ist bald und nichts ist los‘ eine typische Aussage. Auf den ersten Blick sehr simpel und vielleicht sogar etwas verquer, aber wenn man genauer darüber nachdenkt ist das, was Betty sagt, in seiner Einfachheit immer überraschend treffend. In diesem Fall hat sie mich sogar selbst überrascht. Ich habe den Satz geschrieben und dachte währenddessen: das fasst meine ganze Idee zusammen. Und so wurde er dann zum Titel. Ich bin sehr zufrieden damit.

Ist wirklich nichts los in ihrem Roman?
Katarina Fischer: Im Gegenteil. Jede der Figuren in ‚Jetzt ist bald‘ erlebt in diesem Buch auf die eine oder andere Weise eine große Veränderung, was den Beruf betrifft, die Liebe, den Wohnort oder ganze Lebensentwürfe. Hauptfigur ist Daphne, ihr Leben steht im Vordergrund, aber ihre Freunde bekommen alle genug Raum, um ihre eigenen Geschichten zu erleben. Dadurch hat das Buch viele Facetten, geht auf Aspekte des Erwachsenwerdens und verschiedene Wege ein, seinen Platz im Leben zu finden. Es beschäftigt sich mit der Frage, was eigentlich wichtig ist. Darauf gibt es keine Universalantwort, deswegen fand ich es wichtig, das Thema aus möglichst vielen Ecken zu beleuchten. Und je nachdem, welche Figur sich mit welchem Problem auseinandersetzt, ist das mal nachdenklich und mal sehr witzig. Es ist einiges los.
In „Jetzt ist bald und nichts ist los“ fängt das Schlamassel an, als Heldin Daphne eine Silvesterparty macht und nach zwölf alle plötzlich, statt sich auf das neue Jahr zu freuen und zu tanzen, neben dem blubbernden Schokobrunnen unbequeme Fragen stellen, zum Beispiel, was einen glücklich macht.

Was gehört für Sie zu einem guten Silvester?
Katarina Fischer: Ich werde mehr und mehr zum Silvestermuffel. Es hängen einfach zu viele Erwartungen an diesem Abend, weil er ja laut Kalender der Partyabend des Jahres ist. Und dann um Mitternacht der Countdown… Wenn man sich von Kalender und Uhr diktieren lässt, wann man Spaß zu haben hat, dann kann man am Ende eigentlich nur enttäuscht werden. Leider habe ich es noch nicht geschafft, am 31.12. einmal an einem Ort auf der Welt zu sein, an dem ich von Silvester verschont werde (ich verbringe Weihnachten zu gern mit meinen Lieben daheim), aber irgendwann werde ich das mal in Angriff nehmen, um herauszufinden, ob mir dann etwas fehlt.
Eben weil der Kalender es einem an Silvester so vorschreibt, sich von einem vergangenen Jahr zu verabschieden und ein neues zu begrüßen, ist dieser Zeitpunkt eigentlich dazu prädestiniert, dass man sich hinsetzt und sich einmal ernsthaft Gedanken über sein Leben macht, ob es in die richtige Richtung läuft oder man lieber einen anderen Weg einschlagen sollte. So wie es Daphne und ihre Freunde tun. Obwohl ich glaube, dass das gar nicht nötig wäre, wenn man sich einfach jeden Tag ein bisschen bewusster machen würde, wohin man sein Leben lenkt. Und Daphnes Problem ist zum Beispiel auch gar nicht ist, dass ihr nicht bewusst ist, dass sie unzufrieden ist und etwas ändern muss. Sie ist aber leider komplett orientierungslos bei der Suche nach einer Lösung und weiß nicht, was sie will. Ihr hilft letztendlich auch nicht dieses Silvestergespräch weiter, sondern eher das Schicksal, dass ihr einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst. Früher oder später passiert so etwas immer, wenn man zu träge ist.

Nach der Party macht sich Daphne auf, das Glück zu suchen und hat ein Jahr Zeit. Ist das nicht wahnsinnig kurz, um herauszufinden, was man im Leben will bzw. was einen glücklich macht?
Katarina Fischer: Daphne ist zunächst ja auch weder begeistert noch überzeugt von diesem Pakt, der ihr diesen Zeitrahmen von zwölf Monate vorschreibt. Es zeigt sich aber, dass die größten Veränderungen manchmal nur sehr wenig Zeit brauchen. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, fällt mir auf, dass, immer wenn etwas Schwerwiegendes passiert ist, alles andere gleichzeitig auch passiert ist. So ein Jahr besteht eben aus einigen wenigen kurzen Phasen in denen die Dinge sich bewegen und vielen langen Phasen des Alltagtrotts. Das werden die meisten sicherlich unterschreiben können.
Und was die Kürze des Zeitraums betrifft: Wichtig ist ja nur, dass man anfängt. Wenn man es nicht schafft, sein Leben in einem Jahr zur vollen Zufriedenheit umzukrempeln, dann ist das gar nicht so schlimm. Wichtig ist nur, dass man dann ein kleines Stückchen weiter ist, als man es vor zwölf Monaten war. Und das allein ist ja schon ein Gewinn.
Es geht im Übrigen in dem Buch nicht darum, das Glück zu finden. Schon gar nicht in einem Jahr. Es gibt es diverse Ratgeber, die so etwas versprechen, ich weiß aber nicht, wie das geht. Das Buch dreht sich vielmehr darum, einmal zu fragen, ob man mit diesem Leben, das man so vor sich hinlebt, zufrieden ist. Oder ob man nur den Weg des geringsten Widerstandes geht. Und wenn das der Fall ist, kann man weiterfragen: reicht mir das? Oder will ich etwas ganz anderes. Ich finde, wenn man im Gegensatz zu vielen anderen Menschen auf der Welt diese Freiheit hat, sollte man sie nutzen. Und wenn man das tut, besteht eine große Chance, glücklich zu werden. Darauf würde ich wetten.

Wie schon in „Liebe geht anders“ schreiben Sie ungemein ironisch, ehrlich, humorvoll und direkt, und das, wenn es um eine zentrale Frage im Leben geht, wo es leicht fallen würde, durchaus nachdenklich zu werden - und zu bleiben. Was ist Ihr Geheimnis?
Katarina Fischer: Ich habe nicht wirklich ein Geheimnis, ich bleibe einfach bei der Wahrheit. Ich bin ein sehr nachdenklicher Mensch und begegne meinen persönlichen Problemen oft keinesfalls humorvoll oder ironisch. Wenn ich sie aber in einem Buch verarbeite, erreiche ich dadurch vermutlich den nötigen Abstand, den man für eine ironische Sicht auf die Dinge braucht. Wenn man nicht direkt drin steckt, fühlt man den Schmerz nicht so stark und kann auch mal einen Witz darüber machen. Man sollte nur einfach wissen, was man da beschreibt, es schon einmal gefühlt haben, dann macht man sich auch nicht lustig darüber, sondern wird authentisch.
Was das betrifft, stand ich übrigens vor einem kleinen Problem mit der Figur von Betty, denn damit, wie es ist, schwanger zu ein, kenne ich mich noch nicht aus. Ich bin aber glücklicherweise in einem Alter, in dem gefühlt im Monatstakt Freundinnen schwanger werden. Da konnte ich dann ganz bequem nachfragen.
Eine Freundin, die ‚Liebe geht anders‘ gelesen hat, hat mir danach gesagt: in deinem Buch weißt du immer genau, wie man worauf richtig reagiert. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich mehr Zeit habe, die Situationen, in die meine Figuren geraten, zu reflektieren. Im echten Leben muss man ja meistens sofort reagieren, und da macht man auch mal Fehler. Aber die führen dann wieder zu neuen Gefühlen und Geschichten, mehr, worüber man schreiben kann. Und das ist ja rundum positiv.

Hauptfigur Daphne oder flutschiger Richard, schwangere Betty oder akademische Maria, Handyverkäufer Hannes oder rosa-naiv-optimistische Lucy – wer liegt Ihnen am meisten am Herzen? Und ist das die Figur, die sich am leichtesten schreiben lässt?
Katarina Fischer: Ich liebe alle meine Figuren, und je nach Tagesform lässt sich mal die eine und mal die andere besser schreiben. Wer mir immer leicht fällt, ist Lucy, weil sie sich charakterlich in sehr engen Grenzen bewegt und sehr berechenbar ist. Sie macht Spaß, ist aber nicht so komplex wie zum Beispiel Richard. Am sympathischsten ist mir Betty, sie nimmt das Leben, wie es ist, ist furchtlos und fair und hat zu jeder Situation einen guten Spruch parat. Aber eben deswegen habe ich manchmal Probleme, sie zu schreiben. Weil ich ihr zu hundert Prozent gerecht werden möchte.

Was schreiben Sie lieber: Streit oder Versöhnung, gemütlicher Trödelladen oder Kiosk im Szeneviertel?
Katarina Fischer: Am liebsten schreibe ich Dialoge, und das bevorzugt in Umgebungen ohne viele Ablenkungen, am Küchentisch zum Beispiel. Küchentische sind die besten Orte für Unterhaltungen. Echte Streitgespräche, mit Schimpfwörtern, schreibe ich nicht so gern, da komme ich mir albern vor, wahrscheinlich, weil ich selbst so nicht streite. Und auch die romantischen Szenen sind nicht so meins. Am meisten liegen mir die Diskussionen, in denen verschiedene Haltungen vorgebracht werden und von allen Seiten betrachtet werden. Dazu ist viel Gelegenheit in ‚Jetzt ist bald‘, weil die Charaktere alle sehr verschieden sind. So kann ich dann auch die verschiedenen Ansichten unterbringen, die ich selbst zu dem ein oder anderen Thema habe. Zu vielen Dingen habe ich mir nämlich auch noch keine feste Meinung gebildet, und es ist interessant, sie auf diese Weise, indem ich über sie schreibe, intensiver zu betrachten.

Was ist bei den Romanen zuerst da: Das Thema oder die Heldin? Oder kann man das gar nicht sagen?
Katarina Fischer: Definitiv das Thema da. Ich hatte den Wunsch, über das Thema ‚Wohin mit meinem Leben?‘ zu schreiben, weil es mich selbst beschäftigt. Ich gehe auf die dreißig zu und habe regelmäßig Zweifel, ob ich zufrieden damit bin, wie die Dinge laufen, oder ob ich etwas anders machen sollte und wenn ja, was. Ob diese Gegenwart in eine Zukunft führen wird, mit der ich glücklich sein kann. Und vielen meiner Freunde geht es ähnlich. Das geht vom gelegentlichen Infrage stellen bis hin zur echten Angst. Und weil das Thema in meiner Realität so aktuell ist, fand ich es wichtig, darüber zu schreiben.

Was ist ihr Lieblingsort in Hamburg?
Katarina Fischer: Es gibt zu jeder Jahres- und Tageszeit andere Orte, an denen ich mich gern aufhalte, das wären jetzt zu viele, um sie hier aufzuzählen, und manche davon sind auch zu privat dazu. Jedem Nicht-Hamburger sei gesagt: Es gibt hier eine Menge wunderschöner Plätze. Leider verändert sich hier einiges und ich beobachte diese Veränderung mit Sorge. Die Schanze hat bereits ihren Charme komplett verloren. Jetzt ist St. Pauli dran, und wenn es so weitergeht, wie bisher, wird auch dieses Viertel bald nur noch ein Schatten seiner selbst sein. Ich hoffe sehr, dass diese Entwicklung, die sich Stadtplanung nennt, aber einfach nur die Identität einer Stadt kaputt macht, gestoppt wird, bevor es zu spät ist. ‚Jetzt ist bald‘ ist definitiv kein politischer Roman. Trotzdem war es mir wichtig, auch diesen Aspekt wenigstens am Rande kurz zu erwähnen, weil er mir sehr am Herzen liegt. Ich bin in dieser Stadt geboren und groß geworden, und ich finde es nicht schön, dabei zuzusehen, wie sie mit Bürotürmen zugebaut wird.

Und was macht Sie glücklich?
Katarina Fischer: Ein freier Tag ist Gold wert. Zeit mit Freunden verbringen, gute Gespräche und das Gefühl, geborgen und gut aufgehoben zu sein. Liebe macht mich glücklich. Und gutes Essen. Gesundheit. Und wenn ich ein Buch fertiggeschrieben habe – wenn ich stolz auf mich selbst sein kann. Dann bin ich auch sehr, sehr glücklich.

Jetzt ist bald und nichts ist los

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