Kate Furnivall - Die russische Konkubine

SPECIAL zu Kate Furnivall

Über die historischen und familiären Hintergründe zum Roman

Interview von Elke Kreil

Mrs Furnivall, Sie sind Engländerin, aber Ihre Mutter stammt ursprünglich aus Weißrussland. Sie war als Zweijährige mit ihren Eltern auf der Flucht vor den Kommunisten nach China gelangt. Wann ist Ihre Idee entstanden, einen Roman über die Kindheit ihrer Mutter zu schreiben?
Als meine Mutter im Jahr 2000 starb, beschloss ich, ihre Geschichte für unsere Familie aufzuschreiben. Ich habe drei Geschwister, und jeder von uns erinnert andere Bruchstücke über unsere Mutter. Daher wollte ich alles zusammenführen und anschaulich festhalten. Ursprünglich hatte ich vor, ihren Weg weiter bis nach Indien zu verfolgen, aber damit hätte ich zu viel auf einmal in das Buch gepackt, und es hätte an Spannung verloren.

Hat Ihre Mutter bereitwillig mit Ihnen über ihre Flucht und die Erlebnisse in China gesprochen?
Als meine Mutter in China gelebt hat, war sie wesentlich jünger als Lydia im Roman, deshalb hat sie die Jahre in Indien deutlicher in Erinnerung als die Zeit in China. Aber sie erzählte mit Begeisterung von den Märkten, den Akrobaten, dem Lärm, den buddhistischen Priestern mit ihren Glocken und von den wunderbaren Singvögeln, die überall in winzigen Bambuskäfigen angeboten wurden. Obwohl sie damals noch so jung war, hat sie genau bemerkt, dass es eine strenge Trennung zwischen Chinesen und Europäern gab. Niemals lud ein Chinese einen Europäer zu sich nach Hause ein oder umgekehrt. Man traf sich ausschließlich in Clubs oder Bars, und Kontakte kamen rein geschäftlich oder politisch zustande.

Was hat Ihrer Mutter China bedeutet?
Meine Mutter hat dem Land gegenüber vor allem große Dankbarkeit empfunden. Es gewährte ihnen als heimat- und staatenlosen Flüchtlingen Schutz. Und zeitlebens hegte sie eine große Leidenschaft für chinesisches Kunsthandwerk wie das Porzellan und die Elfenbeinschnitzereien.

Im Zentrum Ihres Romans steht die Liebesgeschichte zwischen der 16-jährigen dänisch-russischen Lydia und dem 19-jährigen Chinesen Chang An Lo. Gibt es dafür Vorbilder aus den Erzählungen Ihrer Großmutter?
Für die Liebesgeschichte gibt es keine Vorbilder, sie ist erfunden.

Wo genau liegt Tschangschu, der Schauplatz Ihres Buches?
Tschangschu ist eine fiktionalisierte Version von Tientsin, dem heutigen Tianjin, in Nordchina. Ursprünglich wollte ich die Handlung in Tientsin spielen lassen, doch am Ende entschied ich mich dafür, eine Stadt zu erfinden. So fühlte ich mich einfach sicherer - über Ereignisse, die in Tschangschu stattgefunden hatten, würde es keine Mutmaßungen oder Diskussionen geben.

Waren Sie selbst in China, um vor Ort die Ereignisse zu rekonstruieren?
Nein, aber es kommt mir so vor. Das China aus den Erzählungen meiner Mutter ist natürlich längst verschwunden, aber eines Tages möchte ich nach Tientsin reisen und mir vorstellen, wie meine Mutter am Ufer des Peiho gespielt hat.

In Tschangshu gibt es eine internationale Siedlung, in der, nach Nationalitäten getrennt, vor allem Engländer, Franzosen und Russen leben. Können Sie uns mehr über diese Siedlung erzählen?
Lassen Sie mich zunächst etwas ausholen, um zu erklären, wie die internationalen Siedlungen entstanden sind: Der Handel mit China hatte sich für die Europäer als äußerst lukrativ erwiesen. Doch China schottete sich ab. Daher nahmen die militärisch überlegenen Westmächte, besonders Großbritannien, die Opiumkriege zum Anlass, China vertraglich zur Öffnung zu zwingen. Neben Reparationszahlungen und einer Reihe anderer Zugeständnisse musste China mehrere Häfen für den internationalen Handel öffnen. Darüber hinaus wurden bestimmte Regionen festgelegt, in denen sich Ausländer niederlassen durften. In diesen Regionen genossen Ausländer exterritoriale Rechte, das heißt, sie waren nicht chinesischem Recht, sondern dem ihres Heimatlandes unterstellt. Die Vereinbarungen wurden von China als demütigend und ungerecht empfunden und lösten fremdenfeindliche Ressentiments aus, die 1900 im Boxeraufstand gipfelten. Doch der Boxeraufstand brachte China nicht die erhoffte Befreiung, sondern eine noch stärkere Präsenz der britischen Truppen.

Bei alledem waren die internationalen Siedlungen China ein Dorn im Auge. Sie waren zwar klein, aber sehr einflussreich. Sie hatten eigene Konsulate, geschäftliche Verbindungsbüros, Gerichte, Polizeistationen, Feuerwehren, Verwaltungen und militärische Streitkräfte. Größere Niederlassungen wie Tsientsin besaßen Pferderennbahnen, exklusive Clubs, öffentliche Parks und saubere Straßen - ein krasser Gegensatz zu den chinesischen Städten, in denen derartige Einrichtungen selten zu finden waren. Die internationalen Siedlungen wurden von Stadtverwaltungen regiert, die sich aus Vertretern der zahlreich ansässigen Nationen zusammensetzten, wie Österreich-Ungarn, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Deutschland, Spanien, den Niederlanden, den USA, Russland und Japan.

Die "ausländischen Teufel", wie die Chinesen sie nannten, stellten jedoch nur einen geringen Teil der Bevölkerung. Verkäufer, Kellner, Bedienstete sowie niedrige Angestellte in der Verwaltung und Polizei waren alle Chinesen, die oft auch innerhalb der internationalen Siedlungen wohnten. Aber sie wurden wie Bürger zweiter Klasse behandelt, durften sich weder in Clubs noch in Parks aufhalten und konnten jederzeit ausgewiesen werden. Einer der Gründe, warum die Kommunisten in China so starken Zulauf erhielten, war, dass sie versprachen, die verhassten Ausländer zu vertreiben. Wer kann es ihnen verdenken …

Eine wichtige Rolle in Ihrem Roman spielt der Handel. Immer wieder wird um Waren, um Leistung und Gegenleistung, um Wohlverhalten und Menschenleben gefeilscht. Was macht für Sie einen guten und was einen schlechten Handel aus?
Im China von 1928, das sich pausenlos im Umbruch befand, nahm jeder, was er bekommen konnte, um zu überleben. Lydia, Valentina, Chang, Theo und Feng, sie alle lassen sich auf einen Handel ein, von dem sie sich versprechen zu profitieren. Zwar hat alles seinen Preis, doch sind sie in diesem Moment bereit, ihn zu zahlen. Valentina und Theo schließen dabei geradezu selbstzerstörerische Vereinbarungen mit Mason und Feng, die drohen, ihr ganzes Leben zu ruinieren.

In gewisser Hinsicht handeln wir alle doch täglich so. Wir schließen Kompromisse und tauschen eine Sache für eine andere. Arbeit für Geld, einen Kredit für ein Haus oder ein Auto, die Freiheit für einen Partner, ein Stück Sahnetorte für ein Kilo mehr auf den Hüften. Wir alle verhalten uns jeden Tag wie die kleine Lydia beim Feilschen mit Mr. Liu!

Die Chinesen sind Meister des Handelns und fühlen sich durch einen Ehrenkodex an die Vereinbarungen gebunden. Wie verhalten sich demgegenüber Europäer?
Die Europäer hatten ebenfalls strenge Abkommen und Verhaltensregeln, besonders die Briten, deren starrer Moralkodex ihnen genau vorschrieb, was schicklich war. Eine "ehrbare" Person brach nie ein Versprechen, auf ihr Wort konnte man sich verlassen, ihr Handschlag galt so viel wie ein hochoffizielles Dokument. Eine "ehrenhafte" Person (übrigens eines der Lieblingsworte meiner Mutter, die etwas immer nach seiner "Ehrenhaftigkeit" beurteilte) durfte weder lügen noch betrügen.

Aber das galt nicht für den Handel mit "Eingeborenen". Die Briten hielten die Chinesen für schreckliche Lügner, denen man nicht trauen durfte. Was die Briten jedoch nicht begriffen, war, dass die Chinesen nur logen, damit sie das "Gesicht wahren" konnten. Hätten sie beispielsweise etwas in einem Laden bestellt und gesagt: "ich möchte es gern am kommenden Montag abholen", hätte der Händler darauf freundlich lächelnd "Ja" geantwortet, selbst wenn er gewusst hätte, dass die Ware unmöglich vor nächsten Freitag hätte eintreffen können. Wahrheitsgemäß "Nein" zu sagen, wäre einfach unhöflich gewesen, weil Sie dann Ihr Gesicht verloren hätten. Was also in Augen der Engländer eine Lüge war, war aus Sicht der Chinesen reine Höflichkeit.

Für Lydia gehört das Handeln ebenso zum Überleben wie Stehlen und Lügen. Welchen Einfluss hat ihre Mutter Valentina auf diese Überlebensstrategien?
Valentina vermittelt Lydia kein Gespür für Moral oder geistige Werte. Ihr Lebenswandel ist keineswegs illegal, doch sie ist liederlich und zeigt Lydia nicht, dass man seinen Lebensunterhalt auch mit harter Arbeit und einem ganz gewöhnlichen Job verdienen kann - selbst wenn es einem bisweilen zum Hals heraushängt. Mit ihrer Selbstsucht und Bequemlichkeit bürdet sie ihrer Tochter eine enorme Last auf, denn dadurch wird das Stehlen für Lydia zum Ausweg aus den elenden Verhältnissen.

Ist Valentina trotz alledem eine gute Mutter?
Nein, Valentina ist eine furchtbare Mutter. Sie ist ihrer Tochter ein schlechtes Vorbild und lässt sie herumstreunen. Sie gibt ihr keinen Halt, nichts was ihr über die Probleme der Armut und der Pubertät hinweghelfen könnte oder über das verstörende Gefühl, eine Außenseiterin zu sein. Sie weigert sich, ihr Russisch beizubringen und unterbindet jeglichen Umgang mit der Familie, die Lydia einen Einblick in die versunkene Pracht ihrer russischen Heimat hätte geben können. Dabei wäre es bitter nötig, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, und das hätte der Kontakt zu ihren Wurzeln bewirken können.

Doch andererseits betet Valentina Lydia an. Sie bezieht Lydia in ihre ganz persönliche Welt und das Einzige, was ihr wirklich etwas bedeutet, ein: das Klavierspiel und die Musik. Am deutlichsten zeigt sie ihre tiefe Liebe, als sie sich selbst für eine gute Ausbildung ihrer Tochter verkauft. Und die Ehe mit Alfred geht sie nicht zuletzt wegen Lydia ein. Nur weil Lydia diese besondere Liebe empfangen hat, kann sie später auch Chang An Lo auf ganz außergewöhnliche Weise lieben.

Als Valentina sich entschließt, den britischen Journalisten Alfred Parker zu heiraten, verschärfen sich die Spannungen mit Lydia. Handelt es sich dabei um einen typischen Generationenkonflikt?
Die Beziehung zwischen Valentina und Lydia ist sehr eng. Sie haben nur sich und sonst niemand auf der Welt. Valentina an Alfred zu verlieren, bedeutet für Lydia, einen Teil von sich selbst zu verlieren und den Traum aufgeben zu müssen, sie könne ihre Mutter eines Tages aus dem Elend retten. Außerdem betrachtet sie die Ehe mit Alfred als endgültige Zurückweisung ihres Vaters.

Welche Rolle spielt Chang An Lo für die persönliche Entwicklung Lydias?
Bis zu ihrer Begegnung mit Chang hat Lydia am Rande des Existenzminimums einfach vor sich hin gelebt, doch der junge Chinese eröffnet ihr eine völlig neue Welt. Die Welt der Ideen und Ideale. An etwas zu glauben und etwas nicht nur deshalb zu tun, weil es einem gerade nützt. Sie beginnt, reifer zu werden und die Gesellschaft mit anderen Augen zu betrachten. Er überzeugt sie davon, dass auch der Einzelne etwas bewirken kann, egal wie groß der Widerstand sein mag. Daraus erwächst ihr ein völlig neues Selbstwertgefühl, und sie begegnet anderen mit größerem Respekt.

Nachdem Lydia Chang kennen gelernt hat, nennt sie ihr Kaninchen Sun Yat-sen - Im Angedenken an den so genannten "Vater der Nation". Welche politische Idee symbolisiert dieser Name für Chang?
Sun Yat-sen ist für Chang der Retter Chinas und genauso verehrungswürdig wie Jesus Christus für Alfred Parker. Sun Yat-sen steht für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft, für den Schutz der Bauern vor Ausbeutung und für eine stärkere Gleichberechtigung der Arbeiter. Unter der von Sun Yat-sen geführten Republik wurden die Mandarine offiziell abgeschafft, die bis dahin jeden Bezirk wie allmächtige Götter beherrscht hatten. Es setzten Verhandlungen ein, die China vom Frevel der internationalen Siedlungen und den verhassten "ausländischen Teufeln" befreien sollten. Doch als nach Sun Yat-sens Tod 1925 Tschiang Kai-schek die Führung der Nationalistischen Partei (Kuomintang) übernahm, wurden die hehren Ideale aufgegeben. Deshalb wandte sich Chang den Kommunisten zu, denn nun war es Mao Tse-tung, der die Fahne der Gerechtigkeit und Wahrheit hochhielt.

Lassen Sie uns noch kurz einen Blick auf die politische Lage 1928 in China werfen. Warum war es gerade in dieser Zeit für Chang so gefährlich, Kommunist zu sein?
Die Ausgangssituation war folgende: Nach dem Ende des zweitausendjährigen Kaiserreiches fehlte dem riesigen chinesischen Territorium der Zusammenhalt. Die chinesischen Provinzgouverneure wurden immer mächtiger, zugleich sicherten sich Frankreich und England Einflusssphären. China verlor die Mongolei und Tibet an Russland, Japan versuchte vom Norden her große Teile des chinesischen Reiches unter seine Herrschaft zu bringen. In dieser Lage hatten die Kuomintang und die 1924 in Shanghai gegründete Kommunistische Partei zunächst gemeinsame Ziele und bildeten eine nationale Einheitsfront. Sie starteten 1925 von Guangzhou (Kanton) aus gemeinsam den Nordfeldzug, um die Provinzgouverneure zu entmachten, die Nation zu einigen und langfristig auch die Besatzer zu vertreiben. Doch unter Tschiang Kai-schek, der dem rechten Flügel der Kuomintang angehörte, verschärften sich die Spannungen mit den Kommunisten. 1927 kam es zum Bruch, als Tschiang Kai-schek einen Generalstreik kommunistisch geführter Gewerkschaften in Shanghai blutig niederschlagen ließ. Die Kommunisten wurden von den Städtern vertrieben, und die Kuomintang begannen, ihre ehemaligen Verbündeten rücksichtslos zu liquidieren.

In Ihrem Roman prallen unterschiedliche Kulturen und Lebenswelten aufeinander. Einige Personen sind rigide Vertreter fest definierter Lebensformen und Wertvorstellungen, andere dienen als Mittler zwischen den Kulturen und suchen den Ausgleich. Der erzkonservative Christopher Mason und der weltoffene, tolerante Theo Willoughby sind die zwei stärksten Gegenpole. Was macht Theo für Sie so interessant, dass er zu einer der wichtigsten Nebenfiguren des Romans wurde?
Der größte Teil meiner Geschichte wird aus Sicht von Lydia und Chang erzählt, doch ich wollte auch eine abgeklärtere, reifere Sichtweise einbringen. Da Theo in beiden Welten verhaftet ist, gibt er den Lesern auf der einen Seite Einblick in die koloniale Lebensweise der Briten, ihre Clubs, ihre Treffen, ihre Ziele, ihre Gesinnung und ihre Ausbeutungsstrategien. Andererseits eröffnet er durch seine Beziehung zur jungen Chinesin Li Mei und ihrem Vater Feng die Sicht auf das wirkliche Leben in China, auf seine Bräuche und Regeln, seine Fülle und seine Anmut und vor allem auf seine Machtspiele und Geheimbünde. In beiden Lagern ist Theo ein Spion, und da seine Loyalität keiner Seite gilt, wird ihm Misstrauen entgegengebracht.

Wie Lydia ist er ein Außenseiter, aber im Gegensatz zu ihr hat er sich aus freien Stücken für diese Rolle entschieden. Lydia wurde sie aufgezwungen, er hingegen wollte ganz bewusst mit seiner Familie brechen. Doch ebenso wie Theo mit seiner Liebe zu Li Mei, verharrt Lydia auf ihrer Position als Außenseiterin, indem sie sich für Chang An Lo entscheidet. Theo betrachtet sich selbst als Kämpfer für das Gute, für den Frieden, für mehr Toleranz und gegenseitiges Verständnis. Doch so, wie er dabei vorgeht, vertieft er die Feindschaft zwischen den Völkern. Er verärgert den mächtigen Feng und dessen Sohn Po Chu und vergrößert ihren Hass auf die Fremden. Und indem er sich den Opiumhandel hineinziehen lässt, befördert er den Niedergang des Landes, das er liebt.
Es ist gerade diese Komplexität und Widersprüchlichkeit, die Theo für mein Buch so interessant macht.

Valentina hasst die Kommunisten und verherrlicht das Zarenreich. Nach ihrer Flucht lehnt sie alles Russische ab und bringt Lydia nicht einmal ihre Muttersprache bei. Wie ist ihre Mutter mit dem russischen Erbe umgegangen?
Das war ein unglaublicher Schlag für uns. Meine Mutter verheimlichte ihre Herkunft. Obwohl wir mit den ganzen Geschichten aus China und Indien aufgewachsen sind und wussten, dass Jens Friis sie verlassen und das Valentina danach Alfred Parker geheiratet hatte, erwähnte Mutter nie, dass Großmutter Russin war. Wir wussten nichts über ihre Flucht aus Russland oder über die Angst und Vereinsamung, unter der sie gelitten hatten. Da Mutter Englisch perfekt aussprach, nahmen wir natürlich an, sie sei Engländerin und ihre Eltern wären ursprünglich aus geschäftlichen Gründen nach China übergesiedelt.

Doch im Rückblick erkenne ich eigentümliche Hinweise auf ihre Herkunft. Sie konnte auf Russisch zählen und brachte es uns Kindern bei. Sie kannte ein russisches Wiegenlied, und als jeder Russland als Bedrohung für den Weltfrieden verteufelte, seufzte sie und sagte immer nur "Armes Russland", wie eine Mutter über ein geliebtes, missratenes Kind. Als ich 16 war, entschied ich mich ganz spontan, in einem Abendkurs an der Cardiff University Russisch zu lernen - einfach, weil ich ein Faible für Sprachen habe. Überraschenderweise schloss sich Mutter mir an. Weil sie kein akademischer Typ war, passte das überhaupt nicht zu ihr, und trotzdem war sie Klassenbeste, wenn es darum ging, die fremdartigen Worte richtig auszusprechen.

Aber nach wie vor dachte sich niemand von uns etwas dabei. Ihr ganzes Leben war so außerordentlich, dass wir an ihr unkonventionelles Verhalten gewöhnt waren. Erst 1988, im Alter von 73 Jahren, erzählte sie mir, was wirklich geschehen war. Ich ging einige Fotografien mit ihr durch und hielt Namen und Daten auf der Rückseite fest, damit künftige Generationen wüssten, was auf den Fotos zu sehen ist. Als ich auf eines "Valentina und Lily" schrieb, meinte sie: "Damals hieß ich noch Lydia." Dann brach die ganze Wahrheit über ihre russische Herkunft aus ihr heraus.

Als ich fragte, warum sie mir nie zuvor davon erzählt hatte, gab sie zur Antwort, sie habe sich geschämt einzugestehen, dass Großmutter und sie mittellose Flüchtlinge gewesen seien. Wie merkwürdig! Die Demütigungen durch ihre Außenseiterrolle im russischen Viertel von Tientsin muss sich schon sehr früh so tief in ihre kleine Seele gegraben haben, dass sie niemals Worte dafür gefunden und das Geheimnis dieser Schande tief in ihrem Inneren verborgen hat. Als sie merkte, dass die Familie ganz aufgeregt über diese denkwürdige Enthüllung war, blühte sie auf. Sie sprach leidenschaftlich gern über ihre russische Vergangenheit und die Flucht mit der Transsibirischen Eisenbahn über Omsk und Irkutsk - es war als sei eine alte Wunde endlich verheilt.

Wie wichtig war es für Ihre eigene Identität, dieses Buch zu schreiben?
Als ich begann, das Buch zu schreiben, wusste ich zwar schon seit zehn Jahren, dass ich russisches Blut habe, aber erst als ich durch meine Recherchen viel mehr über Russland und die Leute dort erfahren hatte, konnte ich ein Stück weit verstehen, was es heißt, Russe zu sein. Die Vorstellung, ich hätte die Lebenslust von meinen russischen Vorfahren und den Überlebenswillen von Valentina und Lydia geerbt, gefällt mir. Und wenn ich daran denke, dass meine Großeltern in den exklusiven Salons von St. Petersburg Walzer getanzt haben oder unter den Kronleuchtern der Eremitage und des Winterpalastes gewandelt sind, macht mich das ganz aufgeregt und gibt mir das Gefühl, über meine eigene Welt hinauszuwachsen.

Hätte es Ihrer Großmutter gefallen, dass Sie ihr Leben als Grundlage für einen Roman gewählt haben?
Ich glaube nicht. Es hätte sie in Verlegenheit gebracht, wenn allgemein bekannt ist, dass das Buch auf ihrer Lebensgeschichte beruht. Dass Lydia im Roman so hintertrieben ist, hätte sie bestürzt. Lily war immer "ehrenhaft", Lydia ist das Gegenteil. Ich habe das Buch trotzdem geschrieben, gerade weil ich stolz auf meine Mutter bin, auf ihr russisches Erbe und darauf, wie sie alle Widrigkeiten bewältigt und was sie im Leben erreicht hat. Außerdem möchte ich betonen, dass "Die russische Konkubine" ein fiktives Werk ist. Ich habe die Namen für die Hauptpersonen und die Ausgangssituation übernommen, ebenso die Tatsache, dass Valentina einen englischen Journalisten namens Alfred Parker geheiratet hat. In Wirklichkeit jedoch war Valentina weder eine schlampige Alkoholikerin, noch hat Lily gelogen oder gestohlen.

Hat der Erfolg Ihres Romans Sie bereits zu einem weiteren Projekt ermutigt?
Ich schreibe an einem neuen großen historischen Roman, der 1917 und 1933 in Russland spielt. Es geht darin wieder um eine in sich geschlossene Gesellschaft, diesmal ein sowjetisches Dorf. Die Ankunft einer jungen Frau aus Sibirien lässt ihre Vergangenheit an die Oberfläche brechen und wühlt starke Gefühle auf.

Am Ende Ihres Buches resümiert Lydia: "Überleben kann man nur, wenn man ein Ziel vor Augen hat." Was hat Ihrer Mutter beim Überleben geholfen, und was könnte für Sie ein solches Ziel sein?
Obwohl meine Mutter eine ruhige, schüchterne Person war, lernte sie in der verhassten Klosterschule in Kalkutta schon früh, sich durchzubeißen. Die Liebe ihrer Mutter brannte in ihrem Herzen wie ein Leuchtfeuer, und immer wenn sie sich ausgestoßen fühlte, suchte sie Trost im Schönen. Sie hat uns Kindern immer eingeprägt, wie wichtig Selbstachtung und Mut sind. Feigheit war in jeglicher Hinsicht für sie zutiefst verächtlich. Aus dieser Überzeugung würde ich immer um mein Leben kämpfen. Aber ebenso wie für Lydia und meine Mutter Lily ist auch für mich die Liebe eine Grundvoraussetzung zum Überleben. Sei es die Liebe zu einem Menschen, zu einer Familie, zu einem Ideal oder einfach die Liebe zum Leben. Sie ist wie ein stählernes Korsett für die Seele und verleiht einem Kraft. Eine der Triebkräfte jedes Schriftstellers ist die Faszination für Menschen, für die menschliche Seele mit all ihren Abgründen und für die menschliche Natur, das Gute wie das Böse. Diese Faszination macht jeden Tag unendlich spannend und inspirierend. Ich bin überzeugt, dass ich in jeder verzweifelten Lage noch etwas finden würde, das es wert wäre, sie zu ertragen.

Das Interview wurde geführt von Elke Kreil

Die Protagonistin

"Ich komme aus einem Haus, in dem die Ideen von Rudolf Steiner, die Gedichte William Blakes, die Préludes Chopins und Alfred Dürers ‚Betende Hände' wichtiger waren als die Frage, woher wir das Geld für die nächste Mahlzeit nehmen sollten", erinnert sich die englische Autorin Kate Furnivall. "Trotz aller Entbehrungen besaßen wir immer ein Klavier." Ihre Kindheit in Penarth, einer kleinen Küstenstadt in Wales, war mitunter eine harte Zeit in einem ungewöhnlichen Haushalt - so ungewöhnlich wie das Leben der Frau, die ihn führte:

Lily Furnivall hatte vier Kinder zur Welt gebracht: John (1941), Stella (1944) und die Zwillinge Kate und Carole (1950). Doch nur drei Monate nach Geburt der Zwillinge wurde Lily von ihrem Ehemann, dem Ingenieur Alan Furnivall, verlassen. Sie hatte ihn Ende der dreißiger Jahre als Stenotypistin bei Imperial Airways in Cardiff kennen gelernt. Lily war nicht das erste Mal in ihrem Leben auf sich gestellt. Schon oft hatte sie erfahren, dass Sicherheiten vergänglich sind, dass Besitztümer über Nacht verschwinden können und dass die einzig verlässlichen Werte im Inneren eines Menschen zu finden sind.

Lily Furnivall kam am 8. September 1915 als Lydia Friis in St. Petersburg zur Welt. Ihre Mutter Valentina war gebildet und entstamme einer wohlhabenden weißrussischen Familie; von ihrem dänischen Vater Jens Friis hatte Lydia die rotblonden Haare und ihre Sommersprossen geerbt. Lydia war gerade zwei Jahre alt, als in Russland die Revolution ausbrach. Ihre Eltern flüchteten und gelangten auf einem der Züge, die zwischen Omsk in Südrussland und Tientsin (heute: Tianjin) verkehrten, nach China.

Tientsin war Ende des 19. Jahrhunderts die wichtigste Handelsstadt Nordchinas am Pelho, und der Hafen war infolge des Boxeraufstands für ausländische Streitkräfte geöffnet worden. Tausende russischer Flüchtlinge strömten in die Stadt und zogen von hier aus weiter, doch Valentina und Jens wollten in Tientsin das Ende der Revolution abwarten. 1921 fasste Valentina den tollkühnen Entschluss, allein mit Lydia nach Russland zurückzukehren, um ihre Angehörigen zu suchen. Ihre Nachforschungen ergaben, dass sämtliche ihrer Verwandten getötet worden waren, und als beide nach der gefahrvollen Reise Tientsin wieder erreichten, hatte sich Jens mit einer anderen Frau nach Amerika aufgemacht.

Warum Valentina mit Lydia nach diesen Schicksalsschlägen in Tientsin ausharrte und wie sie ihren Lebensunterhalt bestritt, bleibt im Dunkeln. Da es in der Stadt von Angehörigen unterschiedlichster Nationalitäten nur so wimmelte, verwundert es jedoch nicht, dass Valentina schließlich einen Mann fremder Herkunft heiratete. Es handelte sich um Alfred Alban Parker, einen englischen Journalisten im Dienst der Nachrichtenagentur Reuters. Die Ehe sollte ihr einen Pass und Lydia den Namen "Lily" bringen, aber weder eine verlässliche Partnerschaft noch eine neue Heimat.

1923 übersiedelten die Parkers wegen der instabilen politischen Lage in China nach Indien und ließen sich in Kalkutta nieder. Valentina wirkte mit ihren Sitten und ihrem starken russischen Akzent wie ein Fremdkörper in der britischen Kolonialgesellschaft. Akzeptiert wurde sie nie, und als Indien infolge der Erhebungen gegen die Kolonialherren für Ausländer immer gefährlicher wurde, zögerte sie keine Sekunde, ihr Hab und Gut zu packen - darunter ihr heiß geliebtes Miniatur-Klavier und viele antike Kuriositäten - und sich mit Lily nach England einzuschiffen.

Bald nachdem sie sich 1928 in Essex niedergelassen hatten, zerbrach Valentinas Ehe mit Alfred. Den schlimmsten Schlag fügte Alfred ihr zu, als sie sich in einem Pflegeheim von einem Nervenzusammenbruch erholte: Eigenmächtig veräußerte er das Piano und all die wertvollen Kuriositäten, die Valentina den ganzen Weg über China und Indien nach England gerettet hatte. Noch einige Jahre hielten sich Mutter und Tochter gemeinsam über Wasser, dann starb Valentina 1933 an den Folgen eines Klinikaufenthaltes. Sie war beim Äpfelpflücken vom Baum gefallen.

Wenn Lily eines von ihrer Mutter gelernt hatte, dann, sich allein durchzuschlagen. Sie zog nach London und bildete sich an der Abendschule zur Stenotypistin fort. Jetzt, mit Anfang zwanzig, nahm sie zum ersten Mal am gesellschaftlichen Leben teil. Sie kam mit dem Gedankengut Rudolf Steiners in Berührung, das sie ungeheuer faszinierte - nicht zuletzt, weil sie in ihrer Schulzeit an einem klösterlichen Internat in Kalkutta ständig drangsaliert worden war. Von nun an war sie fest entschlossen, ihre eigenen Kinder einmal im Geist der anthroposophischen Lehre Steiners großzuziehen - wo immer sie sich aufhalten und wie immer die Umstände auch sein würden.