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Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein!

Interview mit Kathrin Weßling zu ihrem Buch "Drüberleben"

Kathrin Weßling
© Yelda Yilmaz

„Drüberleben“ ist ein sehr persönliches Buch. Sie erzählen darin die Geschichte einer jungen Frau, die sich freiwillig wegen Depressionen in eine psychiatrische Klinik einweisen lässt und den Kampf gegen ihre Krankheit aufnimmt. Zwischen Ihrer Hauptfigur Ida und Ihnen selbst gibt es viele Übereinstimmungen, Ida ist Ihr Alter Ego. Was hat Sie dazu gebracht, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?

Es gab einen Tag, an dem ich mir vorgenommen hatte, in verschiedenen Buchhandlungen nach Büchern zu suchen, die sich mit dem Thema „Depression“ beschäftigen. Was ich fand, waren entweder persönliche Leidensgeschichten oder Ratgeber. Und sie alle hinterließen nach dem Lesen das Gefühl in mir: Das bin ich nicht. Und so ist auch niemand, den ich in den Kliniken kennen gelernt habe. Das alles war entweder so übertrieben weltfremd oder so pathetisch, dass ich mich nicht wunderte, dass ein so schräges Bild in der Öffentlichkeit über dieses Krankheitsbild existiert. Also beschloss ich, endlich den Versuch zu wagen, die Geschichte aufzuschreiben, die ich schon Jahre im Kopf hatte und in der sich auch andere wiederfinden könnten. Vielleicht ist mir das gelungen.

Jeder Fünfte leidet mindestens einmal im Leben an einer Depression, sagt die Statistik. Obwohl psychische Erkrankungen wie Depressionen also sehr weit verbreitet sind, werden sie tabuisiert. Was würde sich aus Ihrer Sicht ändern, wenn Menschen offener damit umgehen würden?

Zunächst würden sich viele Menschen einfach früher behandeln lassen, was ihren Leidensweg extrem verkürzen würde. Und vielleicht, aber das ist vermutlich nur eine Wunschvorstellung, würden sich Arbeitgeber, Bildungs- und Arbeits-, sowie Familienminister/innen auch ein paar unangenehme Fragen stellen müssen: Ist der Druck, dem sich die Mehrzahl der Angestellten/ Studenten/ Alleinerziehenden usw. ausgesetzt sieht, wirklich noch tragbar? Läuft da nicht offensichtlich grundsätzlich etwas falsch, wenn immer mehr Menschen sich in psychiatrische Behandlung begeben müssen?
Allgemein gesprochen: Gäbe es ein bisschen weniger Druck und gleichzeitig ein bisschen mehr Offenheit in Bezug auf psychische Krankheiten wäre meiner Meinung nach schon vielen sehr geholfen.

Kathrin Weßling
© Yelda Yilmaz

Sie starteten am 17. Oktober 2010 unter dem Titel „drüberleben“ zunächst ein Blog. Darin stellen Sie sich vor mit den Worten: „Ich heiße Kathrin Weßling und ich bin 25 Jahre alt. Ich bin Autorin, angehende Kunststudentin und ich leide seit 9 Jahren an Depressionen. Die medizinische Bezeichnung nennt sich F.32.2. Ich nehme Medikamente und war in zahlreichen Therapien und Kliniken. Im Moment gehe ich täglich in eine ambulante psychiatrische Klinik in Hamburg. Ich bin eine normale junge Frau.“
Das hört sich so an, als würden Menschen mit Depressionen häufig für nicht normal gehalten werden. Welchen Vorurteilen sind Sie begegnet?


Natürlich werden Menschen mit psychischen Störungen nicht „für normal“ gehalten: Sie entsprechen ja auch nicht dem Bild einer „funktionierenden, starken Norm“, der sich die meisten Menschen angehörig fühlen. Scheitern fällt auf und Scheitern ist vielen unangenehm.
Insgesamt bin ich natürlich den typischen, populistischen Meinungen begegnet: Depressive sind faul, selber schuld an ihrem Zustand, abgemagert oder aufgedunsen, dumm, verantwortungslos, fehlerhaft und so weiter. Dass das Bild einer Depression mannigfaltig und sehr differenziert sein kann, schien vielen Außenstehenden nicht bewusst zu sein. Allerdings, und das hat mich am meisten überrascht, scheint auch einigen Betroffenen nicht bewusst zu sein, dass eine Depression sich nicht immer nur in innerer Leere und Bewegungsunfähigkeit äußern muss, sondern dass einige, wie ich, auch durchaus das Gegenteil erleben: extreme Haltlosigkeit, die sich in gesteigerter Aktivität zeigt. Erschreckend war für mich zu sehen, dass selbst Betroffene oft feindselig gegenüber anderen Erkrankten sind, deren Depression sich anders zeigt als bei ihnen.

Mit Ihrem Blog „drüberleben“ wurden Sie zum Bloggermädchen 2010 gewählt – und zwar eindeutig: Bei einer öffentlichen Abstimmung im Netz standen zehn populäre Blogs zur Wahl, 26 Prozent der Stimmen gingen an „drüberleben“. Hat Sie dieser Erfolg überrascht?

Natürlich! Mich hat aber viel mehr überrascht, dass das Blog von Beginn an eine solch überwältigende und positive Resonanz erzielt hat.

Drei Monate nach Start des Blogs hatten fast 100.000 Menschen „drüberleben“ angeklickt. Sie erhielten eine Menge Zuschriften und Kommentare. Was haben Ihnen die Reaktionen der Leser gezeigt?

Zunächst, dass mein Eindruck in den Buchhandlungen richtig war: Dass sehr viele Betroffene sich nicht wiederfinden in der einschlägigen Literatur. Und dass sie froh sind, dass auch jemand betroffen ist, der nicht berühmt ist, nicht in der Öffentlichkeit steht und der von all den Kleinigkeiten erzählt, die das Leben in diesen Phasen so beschwerlich macht. Angefangen mit dem Duschen bis zum Aushalten von einfachen Dingen, die plötzlich komplex scheinen, oder der Schwierigkeit, sich in öffentlichen Räumen zu bewegen.
Außerdem natürlich immer wieder: dass es da draußen eine ungeheuer große Zahl an Menschen gibt, die sich verstecken und tarnen und nur in der Anonymität des Netzes den Mut finden, sich mitzuteilen.

Wie entstand die Idee, neben dem Blog auch ein Buch über das Thema zu schreiben?

Das Buch ist unabhängig vom Blog entstanden und enthält auch keine Teile desselben. Es erzählt eine Geschichte, die ich schon seit Jahren erzählen wollte und für die ich nun das Angebot erhielt, sie veröffentlichen zu können.

„Drüberleben“ ist Ihr erstes Buch, aber es lässt deutlich erkennen, dass Sie eine geübte Autorin sind. Im Gegensatz zum Blog zeigt es keine Abfolge von Momentaufnahmen, sondern ist ein literarischer Tatsachenbericht aus dem Klinikalltag und zugleich eine Form der Biografie. Seit wann schreiben Sie und welche Texte haben Sie bisher veröffentlicht?

Ich schreibe seit der Grundschulzeit Geschichten. Viele konnte ich mit den Jahren veröffentlichen und ich habe regelmäßig für verschiedene Magazine gearbeitet sowie als Texterin. Ich wollte nie etwas anderes machen als zu schreiben und zum Glück habe ich auch immer wieder die Möglichkeit dazu bekommen und kann bis heute davon leben.

In „Drüberleben“ setzen Sie sich tiefgreifend mit Depressionen auseinander. Dabei spürt die Hauptfigur Ida immer wieder Ereignissen nach, die den „menschlichen Verkehrsunfall“, also den Ausbruch der Depression, verursacht haben könnten. Hatte das Schreiben über Depressionen für Sie auch eine therapeutische Wirkung?

Nein. Das Schreiben ist natürlich eine Art Aufarbeitung, aber keine Therapie. Therapiert werde ich von meiner Therapeutin. Das Schreiben ist einfach meine Form des Ausdrucks, meine obsessive Liebe zu Geschichten und Ereignissen.

Idas Geschichte ist durchzogen von Humor, Ironie und einer bisweilen komischen Selbstdistanz. Die therapeutischen Sitzungen, die Gruppenarbeit und den Ausflug der Klinikpatienten schildern Sie voller Situationskomik. Welche Rolle spielt in Ihrem Leben der Humor?

Ich empfinde mich gar nicht als sonderlich humorvoll, jedoch wird mir des Öfteren das Gegenteil attestiert. Vermutlich habe ich einfach gelernt, bestimmte Situationen nicht mehr so ernst zu nehmen. Literarisch ist Humor bzw. Sarkasmus einfach eine nicht zu schlagende Möglichkeit, anderen Menschen Dinge verständlich zu machen, die in ihrer Ernsthaftigkeit vielleicht zu abschreckend, zu erdrückend gewesen wären.

Kathrin Weßling
© Yelda Yilmaz

Sie haben zahlreiche Poetry-Slams gewonnen, ernteten für Ihre humorvoll-bissigen, gesellschaftskritischen Texte viel Beifall und waren häufig auf der Bühne zu sehen. Was hat Ihnen bei diesen Auftritten besonders gut gefallen, und reizt es Sie, nun wieder öfter im Rampenlicht zu stehen?

Das Spannende bei einem Poetry Slam oder bei Lesebühnen ist die Unmittelbarkeit der Reaktion: Das Publikum zeigt in Sekundenschnelle, ob es mag, was es hört – oder eben nicht. Was mir aber immer viel wichtiger war: die Gemeinschaft der Autoren, Slammer, Poeten. Poetry Slam und Lesebühnen bieten die Möglichkeit, nicht mehr allein zu Hause mit den eigenen Texten zu arbeiten, sondern im Austausch über sie und in einer Art „Familie“ sich auszuprobieren. Im Grunde war also der größte Reiz für mich: hinaus aus der Einsamkeit des Schreibers und rein in eine Gemeinschaft, rein in die Möglichkeit, die Reaktion auf den eigenen Text unmittelbar mitzuerleben.
Das Rampenlicht an sich reizt mich eher nicht. Ich empfinde mich als scheuen Menschen, der mehr Angst vor Auftritten und Bühnen hat, als dass er sie lieben würde (auch, wenn ich mir das meistens nicht anmerken lasse).

„Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“, lautet der Untertitel Ihres Buches. Sie möchten an der Geschichte von Ida auch zeigen, dass man nach einer Zeit voller Dunkelheit, Angst und Panik wieder Lebensfreude spüren kann. Was hat Ihnen geholfen, die Freude an einfachen Dingen und den Weg in ein „normales Leben“ wieder zu finden?

Ich glaube, dass der wichtigste Schritt jener war, der mich aus dem Gefühl der Ohnmacht heraustreten ließ. Ich fühlte mich oft völlig ohnmächtig gegenüber der Erkrankung und ihren Folgen. Erst als ich begann, mich selbstständig in jedem Bereich zu machen, empfand ich wieder ein Gefühl der Freude. Ich begann einfach, all die Dinge zu machen, die ich mir vorher nicht zugetraut hatte: Ich mietete mir endlich eine eigene Wohnung, machte mich beruflich selbstständig, nahm einen Hund bei mir auf, kaufte mir ein Auto und fing an, für mich Verantwortung zu tragen. Das mag für die meisten Menschen merkwürdig klingen, aber wenn man sehr lange keine Kontrolle über das eigene Leben hatte, sind diese Dinge große emotionale Schritte in Richtung Zufriedenheit. Sie bedeuten: Ich verankere mich wieder in meinem eigenen Leben, ich lege wieder die Eckdaten meiner Existenz fest, die nicht mehr schwammig, sondern stabil sein soll. Das alles war sehr wichtig für mich.
Nicht zu leugnen ist jedoch: Erst zahlreiche Therapien und die medikamentöse Behandlung der Erkrankung machten diese Schritte überhaupt möglich. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass jemand nur zwei, drei Dinge ändern müsste und dann wäre alles wieder Zucker und Kirmes.

Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach dem Erscheinen des Buches?

Ich schreibe zurzeit an meinem zweiten Roman und arbeite bei verschiedenen literarischen Projekten mit, die in den nächsten Monaten erscheinen. Darüber hinaus: mit meinem Hund durch die Wälder zu streifen, mit meinen Freunden und meinem Freund Zeit zu verbringen und zu versuchen, Anker zu schlagen. Im Grunde: all das, was ich jahrelang nicht konnte, nachzuholen.
(© Elke Kreil, Goldmann Verlag)