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Special zu den Büchern von Kazuo Ishiguro (Banner)

SPECIAL zu Kazuo Ishiguro

»Der begrabene Riese« – Trailer mit Kazuo Ishiguro

Eine große, bewegende Geschichte über verlorene Erinnerungen, Liebe, Rache und Krieg

Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung.

Ein gewaltiger, intensiver, spannender Roman, der uns mitnimmt auf eine so tiefgründige wie faszinierende Reise. Kazuo Ishiguros unprätentiöser und zugleich betörender Realismus macht ihn zu einem feinsinnigen Meister des Erzählens.

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Überraschende Wendungen

Buchbesprechung zu »Bei Anbruch der Nacht« von Sabine Schmitt

Man stelle sich vor, mitten in der Nacht im Festsaal eines Nobelhotels dabei ertappt zu werden, wie man seine Hand tief in einen gebratenen Truthahn schiebt. Dass man dabei einen Morgenrock trägt und das Gesicht bis auf zwei Sehschlitze komplett einbandagiert hat, macht die Sache nicht besser.

Versagerhässlich
In dieser misslichen Lage befindet sich Steve, der mäßig erfolgreiche Jazz-Saxofonist aus der Titelgeschichte. Wie es dazu kam? Sein Manager hatte ihn überredet, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen, dann endlich werde sich auch der Erfolg einstellen. An Talent mangele es Steve keineswegs, allerdings sei er nicht gerade vorzeigbar, sondern im Gegenteil: »versagerhässlich«. Mit einer hübscheren Visage ließe sich seine Musik sicher besser vermarkten. Außerdem werde sich dann möglicherweise auch Steves abtrünnige Frau besinnen und zu ihm zurückkehren, liegt ihm der geschäftstüchtige Produzent fortwährend in den Ohren.
Angesichts solch erschlagender Argumente bleibt Steve schließlich nichts anderes übrig, als sich unter das Messer eines renommierten Schönheits-Chirurgen zu legen. Nach dem Eingriff wird er in einer extra für die Patienten von Dr. Boris reservierten Etage eines Luxushotels einquartiert. Dort wohnt er Tür an Tür mit Lindy Gardner, einer relativ talentfreien und nicht mehr ganz jungen Dame, die ihre Prominenz hauptsächlich den Medien und den richtigen Verbindungen verdankt.

Nächtliche Wanderung
Lindy, die sich ebenfalls von einer Gesichts-OP erholt, langweilt sich im Dämmer ihres noblen Gefängnisses ebenso wie Steve und sucht seine Bekanntschaft. Eines Tages überreicht sie dem verblüfften Musiker eine kleine Skulptur, die sie auf einer ihrer heimlichen nächtlichen Wanderungen durch die Gänge des Hotels hat mitgehen lassen. Zu dumm, dass die Trophäe am nächsten Tag dem Musiker des Jahres bei einer Feier als Preis verliehen werden soll. Lindy ist davon überzeugt, dass Steve die Auszeichnung viel eher verdient hätte als der dafür vorgesehene Kandidat, dessen musikalische Fähigkeiten eher durchschnittlich sind. Steve fühlt sich geehrt, eines aber ist klar: Um Ärger zu vermeiden, muss das Ding sofort wieder zurück an seinen Platz. Die beiden Vermummten begeben sich auf eine irrwitzige nächtliche Wanderung durch das Hotel. Obwohl sie aus verschiedenen Welten zu stammen scheinen, kommen sie sich dabei kurzzeitig näher.

Der Autor
Kazuo Ishiguro gilt als der wichtigste englische Schriftsteller seiner Generation. 1954 in Nagasaki in Japan geboren, kam er mit etwa sechs Jahren zusammen mit seinen Eltern nach England. Sein erster großer Erfolg war der Roman »Was vom Tage übrig blieb«, der später mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen verfilmt wurde und ihm 1989 den renommierten Bookerprize einbrachte. Aufmerksamkeit erregten auch seine Romane »Als wir Waisen waren« und »Alles, was wir geben mussten«. Ishiguro selbst plante nach eigenem Bekunden bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr Musiker zu werden.

Traurige Lieder
»Bei Anbruch der Nacht« (im Original: Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall) ist nunmehr Ishiguros siebtes Buch und die erste Kurzgeschichtensammlung. In seinen Geschichten, deren verbindendes Element die Musik ist, beweist er immer wieder Humor, wenngleich die Grundmelodie meist eine traurige ist. So etwa in der ersten Geschichte »Crooner«, die in Venedig spielt und in der ein junger Kaffeehausgitarrist aus dem Ostblock die Bekanntschaft des berühmten Schnulzensängers Toni Gardner macht. Dieser war einst das Idol einer ganzen Generation, nun aber ist sein Stern im Sinken begriffen. Gardner überredet seinen Bewunderer, ihn auf einer Gondel zu begleiten, um seiner Frau gemeinsam ein abendliches Ständchen zu bringen. Der Coup gelingt, Gardners Frau Lindy, der wir später in der bereits erwähnten Geschichte als Patientin eines berühmten Schönheitsarztes wieder begegnen, bricht in Tränen aus. Allerdings sind es keine Freudentränen, wie unser junger Held naiv vermutet. Gardner ist vielmehr im Begriff, seine Frau zu verlassen und die über viele Jahre gewachsene Liebe dem Comeback zu opfern, das die Verbindung mit einer neuen, wesentlich jüngeren Partnerin nun beflügeln soll. Seine bereits in die Jahre gekommene Gattin muss nun ihrerseits zusehen, dass sie auf dem Heiratsmarkt noch einen aufstrebenden Stern erwischt.

Verheißung
Musik ist die Verheißung, die in allen Geschichten im Raum schwebt, sich jedoch niemals erfüllt. Einmal ist es das Streben nach Erfolg und Anerkennung, wie im Fall des als nicht vorzeigbar geltenden Saxofonisten, ein anderes Mal das Bemühen, den schwindenden Ruhm mit allen Mitteln festzuhalten. In »Cellisten« versuchen sich die Protagonisten mit Hilfe der Musik über das Mittelmaß ihrer Existenz hinwegzuheben, in »Malvern Hills« erfährt ein junger Gitarrist von einem Schweizer Ehepaar, wie viel es die Musik gekostet hat. In »Ob Regen oder Sonnenschein« ist die Musik das Einzige, was ehemalige Studienfreunde miteinander verbindet. Auch in dieser Geschichte ist der Grundton ein tragischer.
Raymond, Ende vierzig, lebt als Sprachlehrer immer noch die Fortsetzung seines Studentendaseins. Als er Emily und Charlie, ein befreundetes Ehepaar, in England besucht, wird er zum Spielball der Beiden, die gerade tief in einer Beziehungskrise stecken. Beide kanzeln Raymond als »Loser« ab und malen dessen Existenz in dermaßen tristen Farben, so dass sich ihre eigene Situation leuchtend dagegen abzuheben scheint. Der friedfertige Raymond hat den Angriffen auf sein Selbstwertgefühl nur wenig entgegenzusetzen. Als er jedoch in Emilys Notizbuch eine abfällige Bemerkung über sich entdeckt, reißt selbst ihm der Geduldsfaden. Wütend zerknüllt er einige Seiten und steht nun vor dem Problem, das Ganze wie eine Attacke des unberechenbaren Nachbarköters aussehen zu lassen. Um alles möglichst realistisch erscheinen zu lassen, verwüstet er auf allen Vieren kriechend und mit Einsatz seiner Zähne das Wohnzimmer. Allerdings ahnt er nicht, dass er dabei beobachtet wird…

Nachhall
Seine Geschichten rund um die Musik erzählt Ishiguro jeweils aus der Ich-Perspektive seiner Figuren. Der Ton ist stets distanziert, Gefühle wie Trauer, Schmerz und Erniedrigung sind dennoch zwischen den Zeilen spürbar. Das Besondere jedoch ist, dass jede Geschichte eine unvorhersehbare und völlig überraschende Wendung nimmt. Das Ende allerdings bleibt meistens offen. Als ob der Autor seinen Figuren die Chance geben wollte, doch noch den richtigen Weg einzuschlagen, das Ruder noch einmal herumzureißen. So klingen Ishiguraos »Nocturnes« noch lange nach.

Sabine Schmitt
Mainz, Oktober 2009



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Elke Heidenreich empfiehlt »Bei Anbruch der Nacht«

Menschlich in einer unmenschlichen Welt

Buchbesprechung zu »Alles, was wir geben mussten« von von Sabine Höfer

Kathy, Ruth und Thommy leben im idyllisch gelegenen Internat Hailsham, irgendwann Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, irgendwo in England. Sie bekommen eine gute Ausbildung, in der Wert auf künstlerische Erziehung gelegt wird, auf die Förderung der Kreativität. Einmal im Jahr gibt es einen Basar, auf dem die Jugendlichen ihre selbst angefertigten Kunstwerke tauschen können. Zu diesem Anlass erscheint alljährlich »Madame«, die die besten Kunstwerke mitnimmt, angeblich, um sie in einer Galerie auszustellen.

Der Alltag der Internatszöglinge ist harmonisch. Nur gelegentlich schleichen sich kleine Irritationen im Bericht der Ich-Erzählerin Kathy ein: Wieso werden die Betreuer der Kinder Aufseher genannt? Wieso kommen nie Eltern zu Besuch? Und irgendwann trifft diese spartanisch freundlich erzählte Geschichte den Leser voll in die Magengrube. Und von da an immer wieder, bis zum Schluss.

Die harmlose Kathy und ihre Freunde sind Klone, gezüchtet als Ersatzteillager für Menschen. Solange sie im Internat sind, versucht man, diese Wahrheit von ihnen fernzuhalten. Und die Kunstwerke werden eingesammelt, so erfährt der Leser ganz zum Schluss, um die artgerechte Aufzucht im teuren Hailsham zu rechtfertigen; sie sollen beweisen, dass die Klone eine Seele haben, dass sie menschlich sind.

Nie stellen die jungen Leute ihre Rolle als Ersatzteillieferanten in Frage. Obwohl sie nicht sicher sind, ob nach der vierten Spende, wenn sie »abgeschlossen« haben, tatsächlich die Geräte ausgeschaltet werden, oder ob sie nicht viel mehr bei vollem Bewusstsein weiter ausgeschlachtet werden. Sie kommen nicht auf die Idee zu rebellieren.

Kathy ist bereits »Betreuer«, Thommy »Spender«, als sich die beiden als Paar finden. Nur allzu gern möchten die sie dem Gerücht glauben, dass Liebende einen Aufschub erwirken können. Tatsächlich sind sie menschlich in einer unmenschlichen Welt, von der sie immer nur das Beste annehmen. Wegen dieses Fehlers, der eigentlich eine Gabe sein sollte, ist es den Figuren in Ishiguros Entwicklungsroman nur bis zu einem gewissen Grade möglich, sich überhaupt sinnvoll zu entfalten. Sie schreiben ihre Abschlussarbeiten nicht fertig, sie haben (folgenlosen) Sex, sie ziehen nicht in Erwägung zu studieren – im Grunde warten sie tatenlos darauf, dass man sie endlich umbringt.

Der Roman von Großmeister Ishiguro kam zeitgleich mit Michael Bays Klon-Film »The Island« auf den Markt. Aber während im Film das ethische Problem des »Zweitmenschen« überwuchert wird von Materialorgien und Technikschnickschnack, hat Ishiguro seinen Roman nahezu spartanisch ausgestattet und in unsere jüngste Vergangenheit gestellt, wie um zu sagen: Die Entscheidungen sind schon gefallen. Ihr habt nicht verhindert, dass das Machbare auch gemacht wird. Apropos: Würden Sie sich einen Klon anschaffen, um Ihr Leben zu verlängern?

Sabine Höfer
Oktober 2005


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