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SPECIAL zu Kim Young-Ha »Im Reich der Lichter«

Interview mit Kim Young-Ha


© Imprima Korea Agency

In Ihrem neuen Roman geht es vordergründig um eine Agentenstory. Wie haben Sie dafür recherchiert?
Kim Young-Ha: Bevor ich mit dem Schreiben anfing, habe ich mit mehreren nordkoreanischen Flüchtlingen gesprochen. Ich ging ins Internet, und eine halbe Stunde, nachdem ich „nordkoreanischer Flüchtling, Ende dreißig, Anfang vierzig, gesucht“ gepostet hatte, klingelte mein Telefon. Es war ein Mann, der einige Monate zuvor aus Nordkorea geflohen war, und in etwa in meinem Alter war. Er hatte in Moskau Film studiert und einen direkten Kontakt zu jemandem aus dem Inneren des Pjöngjang-Regimes. Er gehörte der Elite des Landes an und ihm verdanke ich sehr viele der Informationen und auch viele Inspirationen. Aus Gründen seiner Sicherheit darf ich dazu hier nicht mehr sagen.
Wie auch immer, mein Spion aus Nordkorea ist eher ein moderner Mensch wie K in Kafkas Roman als eine Art James Bond. Er sucht sein eigenes Schloss, aber er scheitert.

Ihr Held, Giyoung, muss sich in Südkorea seine Erinnerungen quasi „antrainieren“, um nicht aufzufallen. Sie selbst haben als Neunjähriger nach einem Unfall Ihr Gedächtnis verloren. Was bedeutet Erinnerung für Sie?
Kim Young-Ha: Na ja, manchmal denke ich, ich bin besessen von den Themen „Verschwinden“ und „Vergessen“. Erinnerungen zu haben, trägt dazu bei, sich seiner selbst bewusst und auch treu zu sein. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass meine Erinnerungen oder mein Gedächtnis von anderen ausgewechselt werden könnten – wie das bei Giyoung oder auch bei den Cyborgs aus „Blade Runner“ der Fall ist. Und ja, mit dem Schreiben versuche ich, mein verlorenes Gedächtnis zu kompensieren.

Auch die Frage der Heimat spielt eine große Rolle in Ihrem Roman: Giyoung muss sich dieser Frage stellen, als er nach Jahren des Vergessens plötzlich den Befehl zur Rückkehr nach Nordkorea erhält. Was macht für Sie Heimat aus?
Kim Young-Ha: Auf mich wirken junge Menschen in Seoul, Berlin oder London immer irgendwie heimatlos. Sie bewegen sich durch ihre Metropolen und kommunizieren per Handy oder Internet. Für sie haben Begriffe wie Heimat und Heimatstadt wenig Bedeutung – sie leben nach dem Motto „Carpe diem“. Ich bin der Meinung, dass der Mensch seiner Vergangenheit und seinen Verletzungen nicht entrinnen kann. Wir können die Schranken, die uns das Leben setzt, ignorieren, aber sie ignorieren uns nicht. Ich meine Beschränkungen wie Tod, Schicksal oder auch einen Befehl von jemandem. Obwohl ich mich selbst auch als etwas heimatlos empfinde und mir im Alltagsleben meine Heimat nicht so wichtig ist, weiß ich immer, wer ich bin und wie ich der wurde, der ich heute bin.

„Ein düsterer Roman, glänzend geschrieben.“ Welt am Sonntag


In Ihrem Roman lassen Sie Giyoung auch einmal sagen, dass er in drei völlig verschiedenen Ländern gelebt hat: Nordkorea, Südkorea in den 80ern des 20. Jahrhunderts und Südkorea im 21. Jahrhundert. Lässt dieser schnelle Wandel überhaupt noch zu, dass man sich irgendwo heimisch fühlt?

Jeder Koreaner (egal ob aus dem Süden oder dem Norden) ist eine Art Flüchtling. Auch wenn sie sich nicht von der Stelle bewegt haben, so ist doch das Land, in dem sie leben, nicht mehr dasselbe – wie ähnlich wie bei José Saramago. Diese Art raschen sozialen Wandels macht Menschen die Koreaner von diesem unglaublich raschen technologischen Fortschritt überfordert sind: Die schnelle Veränderung, die wir durchlebt haben und täglich erleben, wie das allgegenwärtige Internet, die Spielejunkies, Menschen, die sich im Internet verlieren, der Sieg des Audiovisuellen über das Geschriebene, die Literatur: All das ist etwas, was dem Rest der Welt noch bevorsteht. Mein Held ist das menschgewordene Symbol dieser Veränderung.

Allein schon aufgrund der Storyline ist natürlich auch die Teilung Ihres Landes ein zentrales Thema. Bei aller Gegensätzlichkeit der beiden Systeme in Nord- und Südkorea fand ich es in Ihrem Roman aber überraschend, dass Sie die Menschen in einem Punkt sehr ähnlich auf das jeweilige System reagieren lassen: nämlich, dass sie es als gegeben hinnehmen. Woher kommt diese Resignation?
Kim Young-Ha: Sie sind wie zwei Monster, die sich durch einen Spiegel hindurch ansehen. Ich weiß nicht, ob es Nietzsche war, der einmal gesagt hat: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“ Die Kolonialherrschaft der Japaner mag auf beide Volksteile einen Einfluss gehabt haben. Kim Il Sung, der verstorbene nordkoreanische Diktator, kämpfte als Partisan gegen die japanische Armee, und Park Chung-hee, der verstorbene südkoreanische Diktator, war Offizier in der japanischen Armee. Und beide waren auch einmal Kommunisten. Sie waren sich recht ähnlich. Beide regierten ihr Land lange, der eine 20, der andere 45 Jahre. Ich würde sogar sagen, sie beide formten die heutige Identität Koreas. Auch wenn sich seit beider Tod viel geändert hat, bleibt davon heute noch viel.