SPECIAL zu Klaas Huizing

Von Erziehung und Wahn, kleinen Fluchten und großer Freiheit

Daniel Paul Schreber ist der an Psychologie interessierten Nachwelt als berühmter Nervenkranker in Erinnerung geblieben. Doch der Autor Klaas Huizing hinterfragt in seinem Roman „In Schrebers Garten“, erschienen bei Knaus, ob der Sohn des Schrebergarten-Namensgebers tatsächlich so verrückt war, wie unter anderem Sigmund Freud es ihm attestierte – und zeichnet dabei das vielschichtige und aufschlussreiche Psychogramm eines familiären Außenseiters.

Pauls Vater Moritz Schreber hat als Arzt und Orthopäde sowie als Begründer der Krankengymnastik und als Verfechter des Gartens als gesundheitsförderndem Refugium einen großen, wenn auch nicht unumstrittenen, Namen. Seine Söhne Gustav und Paul unterzog er unnachsichtig seinen Methoden körperlicher Ertüchtigung. So band er die Kinder stundenlang mit dem sogenannten Geradehalter an den Tisch, um ihnen eine aufrechte Haltung aufzuzwingen oder wollte sie mit Gymnastik und Gartenarbeit auch innerlich stärken.
Daniel Paul Schreber
Äußerlich scheint sich Paul, geboren 1842 und gestorben 1911, der Übermacht seines Vaters entziehen zu können. Er verweigert das ärztliche Erbe des Vaters, überlebt den dominanten Bruder, wird erfolgreicher Jurist und heiratet eine Frau, die seine Mutter ablehnt. Doch seine Innenwelt ist bevölkert von Dämonen der Vergangenheit, von Angst und von sexuellen Obsessionen. Als der Spagat zwischen Außen und Innen nicht mehr gelingt, wird er verrückt. Schließlich wird er entmündigt und entwickelt sich zu einem berühmten Fall für die Psychiatrie.

Der Roman von Klaas Huizing lädt dazu ein, eine neue Perspektive einzunehmen und Paul Schreber als glücklichen und innerlich freien Menschen kennenzulernen. Gleichzeitig wird durch „In Schrebers Garten“ eine Welt lebendig, die mit ihren Erziehungsmethoden hundert Jahre später gänzlich undenkbar scheint. Umso faszinierender ist der Rückblick auf diese von Zwängen und Normen geprägte Zeit. „Die Welt“ urteilt: „Wie Klaas Huizing diesen starken Stoff mit dezenter Fiktion unterfüttert, hat einige Klasse und ist unbedingt lesenswert.“

Karoline Bien
Mit freundlicher Genehmigung © BeNet Gütersloh


Klaas Huizing © Max Jacobs
Klaas Huizing, 1958 in Nordhorn geboren, lebt und arbeitet heute in Würzburg und in Saarbrücken. Er ist unter anderem Chefredakteur des Kulturmagazins „Opus“. 2003/2004 erhielt er das Jahresstipendium im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia. Seine Romane, die seit vielen Jahren im Knaus Verlag erscheinen, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.