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SPECIAL zu Knut Hamsun »Pan«

Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten

von Aldo Keel

Erblindet und fast taub, starb Knut Hamsun in der Nacht auf den 19. Februar 1952. «Wir haben so gut wie kein Geld, um ihn zu beerdigen. Er liegt in Lumpen auf dem Sterbebett», klagte seine Frau Marie in einem Brief an die Tochter Cecilia. In Armut geboren, starb Hamsun auch als armer Mann. Dreiundneunzig Jahre wurde er alt. Er war ein Besessener, der alle Qualen auf sich nahm, um Schriftsteller zu werden.

Aufstieg und Fall eines Nationaldichters
Seine Karriere begann er als Außenseiter mit innovativen Romanen wie Hunger und Mysterien. 1920 erhielt er den Nobelpreis. Im Zweiten Weltkrieg kollaborierte er dann aber mit den Deutschen, die Norwegen im April 1940 überfallen hatten, und noch im Mai 1945 pries er Hitler in einem Nachruf als «Krieger für die Menschheit» und «reformerische Gestalt von höchstem Rang». Der Nationaldichter stürzte daraufhin ins Bodenlose und beendete sein Leben als Verfemter und Ausgestoßener. Fünf Personen gaben ihm das letzte Geleit.

Die Ambivalenzen des Lebens
Als er im Januar 1894 in Paris den Roman Pan in Angriff nahm, war er fünfunddreißig Jahre alt. Dieses Buch, das uns in Norwegens wilden Norden und nach Indien entführt, bildet zusammen mit Hunger und Mysterien jenes Dreigestirn, mit dem sich Hamsun in den frühen 1890er Jahren von der realistischen Erzähltradition verabschiedete, um sich an die Spitze der skandinavischen Moderne zu setzen.
Seinen Landsmann Henrik Ibsen, der damals zu den Großen der Weltliteratur gehörte, verspottete er 1891 in einer Vortragsreihe als dichtenden Quacksalber, dessen Figuren mit der Theorie vom dominanten Charakterzug erschöpfend erklärt seien. Moderne Literatur, so führte Hamsun aus, reflektiere die Ambivalenzen des Lebens. «Ich werde meinen Helden lachen lassen, wenn rationale Menschen meinen, er müsse weinen.» [...]

Die neue Welt von ganz unten
Noch immer war die Literatur ein Leitmedium, das für Gesprächsstoff sorgte und neue Themen setzte. Noch immer gehörten die Schriftsteller zur Elite, aber auch zur Prominenz des Landes. Und Hamsun blieb zeitlebens ein Autor, der sich zu verkaufen verstand. Ein Kollege bezichtigte ihn damals des «Yankee-Wesens, das keinen höheren Wert kennt als den Bluff» – ausgerechnet ihn, der gegen Amerika heftige Aversionen nährte. Zweimal, 1883/ 84 und 1886 bis 1888, hatte er, wie Zehntausendeseiner Landsleute, sein Glück in Amerika versucht, und zweimal hatten sich seine Hoffnungen zerschlagen. Als Handlanger auf dem Bau, Predigergehilfe oder Straßenbahnschaffner in Chicago erlebte er die Neue Welt von unten.
Seine Wut schrieb er sich im Büchlein Vom Geistesleben im modernen Amerika (1889) von der Seele, in dem er sich auch als Rassist zu erkennen gab: «Neger sind und bleiben Neger … Statt eine Geisteselite zu bilden, hat man in Amerika einen Mulattenstall gegründet.»
Wer solches schreibt, fürchtet sich selbst vor einem Leben als «Neger». Von der Solidarität der Unterjochten, von der Kraft kollektiver Bewegungen, der Bauern- oder der Arbeiterbewegung hielt er wenig, obwohl er in jungen Jahren als Sohn eines Schneiders und Pächters Armut und Hunger erfahren hatte.

Kindheit und Jugend des Knud Pedersen
Seine Kindheit verlebte Knud Pedersen, wie sein Geburtsname lautete, in der halbfeudalen Gesellschaft Nordnorwegens. Auf der Halbinsel Hamarøy, zweihundert Kilometer nördlich des Polarkreises, auf der Höhe der Lofoten, wuchs er auf. Den Neunjährigen überließen die Eltern einem Onkel, bei dem sie verschuldet waren. Von der Schule verabschiedete sich der Jüngling bereits nach fünf Jahren. Er floh das Bauernmilieu und trat eine Stelle als Ladengehilfe bei Kaufmann Walsøe in Tranøy an. Im Roman Landstreicher (1927) erzählt er vom Bauernburschen Edevart: «Er nahm jetzt seine Mahlzeiten gemeinsam mit den anderen Ladengehilfen im Speisezimmer mit dem Chef und dessen Familie ein. Das war ein enormer Aufstieg und beeindruckte ihn stark.»
Als das Gerücht aufkam, der Ladengehilfe Pedersen habe sich in Walsøes Tochter verliebt, wurde er gefeuert. Standesgrenzen waren damals schier unüberwindlich. Jetzt lernte er die Menschen des Nordlands und ihre Geschichten als Hausierer kennen. Eine Schuhmacherlehre brach er nach fünf Monaten ab, um sich anschließend mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Er war zwanzig, als er das Nordland verließ.

Sehnsucht nach dem Land der Mitternachtssonne
Fünfzehn Jahre später träumte er sich in Paris mit dem Roman Pan in das Land der Mitternachtssonne zurück. In Frankreich lebte er asketisch wie ein Mönch. «Seit fünf Wochen sitze ich über anderthalb Seiten. Komme nicht vom Fleck», stöhnte er in einem Brief. Im Juni 1894 verließ er Paris und schiffte sich nach Norwegen ein. In der Stadt Kristiansand ging er an Land. Und schon war die Blockade gelöst. Er schrieb impulsiv und eruptiv; von einem Furor gepackt, arbeitete er ganze Nächte bis zur Erschöpfung. Seine Briefe zeigen, mit welch immensem Aufwand er sein Schreiben inszenierte, später sogar mit psychiatrischer Hilfe.
In Paris machte er die Bekanntschaft Albert Langens, der dort sein Erbe verprasste und mit einer Übersetzung des Romans Mysterien als erstem Titel alsbald einen Literaturverlag gründete. Auch finanziell unterstützte der deutsche Fabrikantensohn den Norweger nach Kräften, als dieser an Pan arbeitete.

Pan – der Roman des Nordlands
Langens Verlag und Deutschland wurden zu Hamsuns Portal in die Welt. Hamsun vergaß das nicht. Zeitlebens blieb er ein Freund Deutschlands. Deutsch lernte er aber nie.
In dem ihm eigenen Englisch machte er Langen den neuen Roman schmackhaft:

«Think of the Nordland in Norway, the regions of the Lapper, the mysteries, the grand superstitions, the midnight-sun, think of J. J. Rousseau in this regions, making acquantance with a Nordlandsgirl – that is my book.»

Als Titel erwog er Edvarda, woraufhin Langen Mitternachtssonne vorschlug. «‹Mitternachtssonne›, what is that? Mitternachtswhat?», konterte Hamsun, dem bald der erlösende Titel Pan einfiel.
Pan ist der Roman des Nordlands. Damals wurde in Oslo der Norden mit Herablassung betrachtet. […] Hamsun war es, der den Norden salonfähig machte.
«Was für ein Sommer hier im Norden!», jubelt sein Ich-Erzähler Thomas Glahn, ein dreißigjähriger Naturschwärmer und leidenschaftlicher Jäger, der einige Monate, vom Erwachen des Frühlings bis zum Einbruch des Winters, in einer Hütte am Waldrand nahe der fiktiven Handelsstation Sirilund verlebt. Über Herkunft und Vergangenheit des Leutnants verliert Hamsun kein Wort. Nur so viel ist klar: Glahn ist ein Fremder, ein Zugereister, ein Aussteiger auf Zeit, der seine Uniform gegen eine Jägertracht eintauscht. Nicht einmal sein soldatischer Beruf wird thematisiert. Eine runde Figur mit einer Geschichte, die im Sinne Ibsens aufgearbeitet werden müsste, ist er also nicht, er ist und bleibt geheimnisvoll, gibt sein Rätsel nicht preis, und gerade das mag die Lektüre stimulieren.

Seltsame Helden
Ibsen suchte die unbewussten Handlungsmotive seiner Figuren aufzudecken – ein Impetus, dem letzten Endes ein christliches Weltbild zugrunde lag, das die Übereinstimmung von Wort und Handlung einforderte. Hamsuns Gott jedoch ist tot. Es lebt der große Pan, der die Macht der Natur verkörpert. In diesem Kosmos tritt Glahn als von Reizen und Impulsen gesteuerter Nervenmensch auf, ähnlich wie die seltsamen Helden der beiden anderen großen Romane der 1890er Jahre, Hunger und Mysterien. Auf diese Weise entzieht sich Hamsun dem moralischen Anspruch der realistischen Erzähltradition.
Jedes Kapitel sei ein Gedicht, freute er sich. Und noch ein halbes Jahrhundert später dachte er in solchen Kategorien. Als er wegen seiner Kriegskollaboration mit den Deutschen zur Rechenschaft gezogen wurde, bat ihn der Gerichtspsychiater, seinen eigenen Charakter zu beschreiben. Hamsun sagte, er habe Hunderte Figuren geschaffen, und diese seien allesamt «ohne sogenannten Charakter». «Sie sind gespalten und bruchstückhaft, nicht gut und nicht schlecht, sondern beides, launisch von Gemüt und unberechenbar in ihren Handlungen. Und so bin zweifellos auch ich.» […]
Glahns dunkle Herkunft mystifiziert Hamsun zusätzlich, indem er den Leutnant mit allerlei geheimnisvollem Personal umgibt. Auf Glahns Pulverhorn ist Pan abgebildet, der lüsterne Gott der Jäger und des Waldes. Der Bocksfüßige ist auch mit von der Partie, wenn der Frühling erwacht und damit die erotische Glut.

Ein Traumreich der Freiheit
Für Glahn ist das nordländische Arkadien das Reich der Freiheit jenseits des Alltags, das Traumland abseits der Stadt – die Hamsun vier Jahre zuvor im Roman Hunger als Ort entfremdeten Lebens erfahrbar gemacht hatte. Und das Meer umschließt dieses Traumreich. [...] Die suggestive Sprache erklärt und argumentiert nicht, sie erzeugt Stimmungen, genauso wie die Pan-Gemälde Arnold Böcklins, den Hamsun hoch verehrte.
Der große Pan, von dessen Tod Plutarch berichtet, hat er also in Hamsuns Nordland überlebt? Ist Glahn etwa der «wahre Mensch» im Gegensatz zum deformierten Kulturmenschen? Eindeutig ist Hamsuns Prosa selten. Glahn, der Naturschwärmer in Jägerkluft, richtet sich als gutsituierter Bürger in der Hütte am Waldrand ein, die einer Bärenhöhle gleicht und deren Inneres mit Vogelflügeln, Fellen und einem ausgestopften Adler fast biedermeierlich dekoriert ist. Auch eine Waschfrau steht zur Verfügung. […] Im Wald wähnt Glahn sich erhaben. […]

Die feudale Gesellschaft Norwegens
In der Geschichte der norwegischen Nordprovinzen war das 19. Jahrhundert die Epoche mächtiger Handelsherren, im Volksmund «Fjordbarone» genannt. Die Handlungszeit des Romans ist um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt, die Nordlandkapitel spielen 1855.
An der Spitze der regionalen Gesellschaft stand damals der Handelsherr, der alle duzte und bei dem alle verschuldet waren. Er war Reeder, Bankier, Großbauer und Exporteur in einer Person. Ihm gehörten die Boote, aber auch der Laden, so dass das Geld in jedem Fall in seine Schatulle zurückfloss. […]
Noch fühlte sich die öffentliche Hand nicht zuständig für die Förderung literarischer Talente. Wer Geld benötigte, war auf einen Mäzen angewiesen. Ein Zeitungsartikel von 1915 über Die Väterlichkeit des Patrons offenbart Hamsuns patriarchalisches Gesellschaftsverständnis: «Früher war es so, dass der Herr, der Patron des Bezirks, einem Jugendlichen mit besonderen Talenten den Weg zu einer ungewöhnlichen Ausbildung und zur Kunst ebnete. Diesen Zustand hat der Sozialismus beendet, der den Patron vom Sockel stieß. Doch so übel war der Patron nicht, er besaß, was lebensnotwendig war: Freiheit im Denken, Väterlichkeit in Bezug auf seine Umgebung, er hatte gegenüber seinen Leuten Verantwortungsgefühl. Wer besitzt aber heute ökonomische und intellektuelle Macht, um einen talentierten Jugendlichen zu fördern? Der Reiche von heute ist Spekulant, ihm fehlt die Väterlichkeit des Patrons. Soll etwa die Gemeinde das Genie erziehen? Die Gemeinde besteht doch aus Schustern.» Im Roman indes ist von der wortreich beschworenen «Väterlichkeit des Patrons» wenig zu spüren. […]

Gesellschaft im Wandel
Die Glanzzeit der Fjordbarone näherte sich um die Jahrhundertwende ihrem Ende. Neue Kreditinstitutionen lösten alte Abhängigkeiten auf; so wurde 1893 die «Nordlands Privatbank» gegründet. Die Lofotenfischerei, die alljährlich von Januar bis April bis zu dreißigtausend Fischer in sechstausend Booten in die einsame Gegend lockte, geriet wegen Ressourcenmangels in eine Krise, während gleichzeitig die Verkehrssituation verbessert wurde. […]
Der Fjordbaron, der dem jungen Hamsun geholfen hatte, geriet jetzt selbst in arge Nöte und forderte das Geld zurück. Doch Hamsun weigerte sich, die Schulden zu begleichen, worauf es zum Prozess kam. Das Gericht folgte den Argumenten des mittlerweile berühmten Schriftstellers, der geltend machte, dass er zum Zeitpunkt seiner Verschuldung noch unmündig gewesen war.
In dem Roman Die Stadt Segelfoss (1915) rühmt Hamsun das Nordland als «Land des Märchens, nicht der Arbeit und Betriebsamkeit». Die festgefügte alte Gesellschaft wird jedoch vom Kapitalismus überrollt. Skeptisch bemerkt eine Romanfigur, die aus dem Ausland zurückkehrt: «Doch, statistisch wächst das Land … Ich meine, was Zahlen und Gewichte betrifft … Ob das aber die Natur des Menschen gestärkt hat, weiß ich nicht.»
Was es für Hamsun unter allen Umständen zu verhindern galt, war Norwegens «Verschweizerung» durch Tourismus und Sanatorien. Für ihn war die Schweiz ein Hort der Krämer. «Man weist uns Norweger auf die Schweiz hin. Ja, was soll man da sagen», knurrte er bereits 1893 in einem Brief an zwei Freunde. […]

«Der Jäger mit dem Tierblick»
Zwischen Glahn und Edvarda, der Tochter des mächtigen Mack, entwickelt sich eine wunderliche Liebesgeschichte. Von Impulsen und Reizen getrieben, können die beiden Liebenden einander nicht finden. Sobald Glahn glaubt, Edvarda erobert zu haben, zieht sie sich zurück. Sobald sie sich hingeben will, verweigert er sich. Um die Romanze gehörig aufzuladen, schafft Hamsun Konkurrenz. Auch ein hinkender Doktor wirbt um die junge Frau. Als Edvarda den geliebten Glahn mit den Worten herausfordert, der Doktor sei trotz Hinkefuß der Überlegene, greift der Leutnant zum Gewehr und schießt sich in den Fuß.
Und dennoch: Glahn verehrt das hochgestellte Fräulein auf die entsagungsvolle Weise eines Troubadours. Als Gespielin dient ihm die Frau des Schmieds, Eva, die ihm verfallen, die aber auch Mack zu Willen ist, von dem sie und ihr Mann ökonomisch abhängig sind.
Glahn ist «der Jäger mit dem Tierblick», der die Frauen verrückt macht, wenn er sie nur anschaut. Weil das nicht domestizierbare Verlangen in Sirilunds Machtgefüge einzubrechen droht, will Mack den Jäger ausschalten. Als Ehekandidaten für seine Tochter holt er einen fahlen finnländischen Baron ins Haus, der allein durch seine Adelsmanschetten brilliert.
Die verwirrenden Liebesspiele nordischer Sommernächte mystifiziert Hamsun, indem er ein Ensemble mythischer Figuren schafft, auf die er den Leutnant treffen lässt: auf Iselin beispielsweise, die mit ihrer erotischen Urkraft alle Jäger im Wald erhört. Pan ist ein Buch über das Wesen der Liebe, die weder Gründe noch Verdienste kennt. […]
Aber Glahns Nordlandsommer geht zu Ende, und der Leutnant verlässt Sirilund. Vier Jahre später versucht Edvarda den Kontakt wieder aufzunehmen. Glahn jedoch erträgt das wahnhafte Liebeswerben nicht mehr. In Indien sucht er die Gefahr und den Tod. […] Edvarda ihrerseits trifft Jahre später, im Roman Rosa (1908), als enttäuschte Witwe erneut in Sirilund ein, immer auf der Suche nach Glahn.

Rückkehr in das Nordland
Auch Knut Hamsun kehrte in das Nordland zurück. Als 1911 in Hamarøy ein Hof zum Verkauf stand, griff er zu. «Jetzt habe ich hier ein Anwesen mit vier Kühen und Pferd gekauft und habe vor, den Rest meines Lebens hierzubleiben – in Pans Welt», freute er sich in einem Brief an seinen Kopenhagener Verleger Peter Nansen.
In der Fischergesellschaft des hohen Nordens wurden viele Höfe von Frauen geführt. Auch Hamsuns Frau Marie, die das Lehrerdiplom besaß und zuletzt als Schauspielerin gewirkt hatte, war von sechs Uhr früh bis spätabends beschäftigt: Stallarbeit morgens und abends, tagsüber die Hauswirtschaft. Marie gefiel das neue Leben auf Anhieb. Hamsun hingegen war ein rastloser und wenig umgänglicher Mensch, der vor der Arbeit auf dem Hof Reißaus nahm, um in der Einsamkeit zu dichten, und die Schweine und Kartoffeln seiner Frau überließ.
In fünf Jahren brachte sie vier Kinder zur Welt. «Ich nehme ein Butterbrot mit und bleibe weg», kritzelte er auf einen Zettel, als die Taufe der Tochter Cecilia bevorstand. […] Während die Tochter getauft wurde, arbeitete der Vater in einer Hütte am Roman Segen der Erde, der ihm immerhin den Nobelpreis einbrachte.
Seine Begeisterung für das Leben in Pans Welt kühlte sich aber rasch ab. […] Nach sechs Jahren hatte er genug. Er verkaufte das Anwesen, um sich mit seiner Familie an Norwegens Südspitze niederzulassen. [...]

Ruhmesjahre
Während der Nordlandjahre war er mit Romanen wie Kinder ihrer Zeit (1913) und Die Stadt Segelfoss zum vielgelesenen und populären Schriftsteller geworden. Der einstige Hungerkünstler fand sich plötzlich in der Rolle eines geistigen Führers der noch jungen Nation wieder.
Norwegen war erst seit 1905 ein souveräner Staat. Zuvor hatte eine Union das Land einundneunzig Jahre lang an die einstige Großmacht Schweden gebunden. Kulturell jedoch waren die Norweger nicht etwa nach Stockholm, sondern nach Kopenhagen ausgerichtet, da ihr Land bis 1814 während langer Jahrhunderte zum dänischen Gesamtstaat gehört hatte. An der Wende zum 20. Jahrhundert war die Bevölkerung von vaterländischen Gefühlen erfüllt, und auch der Außenseiter Hamsun entwickelte sich zum Patrioten.
Der Nobelpreis und die vielen Übersetzungen machten ihn reich. Aus allen Winkeln der Welt trafen Bettelbriefe ein […], um das Herz des norwegischen Krösus zu erweichen. Wie einst der Fjordbaron trat der Schriftsteller Hamsun jetzt als Mäzen auf. […] Auch dem Schriftstellerverband und den bildenden Künstlern spendete er namhafte Summen. Auf Nørholm residierte er standesgemäß als «Dichterhäuptling». In seinem mit Seide ausgeschlagenen Cadillac ließ er sich, hinter schweren gelben Vorhängen sitzend, von Frau Marie durch die Lande kutschieren. […]
Zu seinem 70. Geburtstag im August 1929 erschienen gleich zwei Festschriften, eine norwegische und eine deutsche. Thomas Mann, Arnold Schönberg und Albert Einstein gratulierten. […] 1927 gestand Maxim Gorki in einem längeren Brief, dass er den Norweger für den größten Künstler Europas hielt.

Sympathisant des Nationalsozialismus
Dieser Norweger hatte schon immer zivilisationskritische und demokratiefeindliche Ideen vertreten. Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. Gegen kritische Stimmen nahm er das Regime konsequent in Schutz. «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels. […]
Als die Deutschen 1940 in Norwegen einmarschierten, rief Hamsun die norwegischen Soldaten auf, das Gewehr wegzuwerfen. Sie seien zu jung, um ihr Leben zu opfern. Anderthalb Jahre später appellierte er an dieselbe Jugend, sich freiwillig an die deutsche Ostfront zu melden.
Im Dritten Reich wurde er verehrt, auch von dessen Größen. Zu seinem 80. Geburtstag im August 1939 erhielt er – wie Marie Hamsun in einem Brief an die Tochter Ellinor berichtet – Glückwunschtelegramme nicht nur vom norwegischen König, sondern auch von Hitler, Goebbels, Göring, von Ribbentrop und von Schirach.

Geächtet und geachtet
Nach dem Krieg wurde er zur öffentlichen Unperson, zum Sinnbild des intellektuellen Verräters. Da ihm aber ein psychiatrisches Gutachten «dauerhaft geschwächte seelische Kräfte» attestierte, verzichtete der Reichsanwalt auf einen Strafprozess wegen Landesverrats. Laufen lassen wollte man den Kollaborateur aber gleichwohl nicht, weshalb die Direktion für Kriegsentschädigungen die Wiedergutmachung des Schadens forderte, den er dem Land durch seine Feindpropaganda zugefügt hatte.
Hamsun, der einen Landesverratsprozess vorgezogen hätte, wurde von einem Gericht zur Zahlung einer Summe verurteilt, die ihn an den Rand des Ruins brachte. Nochmals bäumte er sich auf und versuchte sich in seinem letzten Buch Auf überwachsenen Pfaden zu rechtfertigen. Seine Verteidigungsrede vor Gericht beschloss der Achtundachtzigjährige trotzig mit den Worten: «Ich habe die Zeit auf meiner Seite, ich kann warten.»
Und tatsächlich: Sowohl der biographische Roman Der Prozess gegen Hamsun (1978) des Dänen Thorkild Hansen als auch das darauf fußende Drehbuch Per Olov Enquists zu Jan Troells Film Hamsun (1996) stilisierten ihren Helden, gegen die historische Evidenz, zum Märtyrer eines großen Dramas. Die Rolle des Bösewichts wurde jetzt Marie Hamsun zugeschoben.
Noch immer bewegt Hamsun die Gemüter vieler Norweger. Seit Jahren wird in Oslo darüber gestritten, ob es opportun sei, einer Straße oder einem Platz den Namen Hamsuns zu geben, des Dichters, der auch ein Verräter war. […] Erstaunlicherweise setzen sich neuerdings vor allem linke Lokalpolitiker für Hamsun ein.
Als Mitbegründer der literarischen Moderne ist «Old King Cnut», wie James Joyce ihn nannte, längst anerkannt. In der langen Reihe skandinavischer Nobelpreisträger sei Hamsun die «einzige unzweifelhaft große Figur», bekundete 1984 George Steiner in The New York Times Book Review.
In Hamarøy aber, in Pans Welt, zweihundert Kilometer nördlich des Polarkreises, wo Knud Pedersen unter schwierigen Verhältnissen aufwuchs, baut Steven Holl einen Hamsun-Turm, der am hundertfünfzigsten Geburtstag des Schriftstellers eingeweiht werden soll. Inspiriert wurde der New Yorker Meisterarchitekt durch den Roman Mysterien, dessen Hauptfigur, der Agronom Nagel, nachts auf einen «Turm im Wald» trifft, «einen schwarzen, achteckigen Turm, wie der Turm der Winde in Athen … Ich stehe vor diesem Turm, ich höre ein: Komm! Und ich gehe hinein.»

Aldo Keel

(Auszug aus dem Nachwort zu »Pan«)

Pan Blick ins Buch

Knut Hamsun

Pan

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