VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

Die Vorgeschichte von »Schatten der schwarzen Sonne«

Meine Faszination für Japan nahm ihren Anfang mit Captain Tsubasa, einer Zeichentrickserie über das Footballtalent Tsubasa Ohzora, der im Schatten des Fujiyama lebt. Für einen sechsjährigen verträumten Jungen wie mich, aufgewachsen in einer Trabantenstadt nahe Madrid, verkörperte er Doktor Dolittle, Robinson Crusoe und Kapitän Nemo in einer Person. Abgesehen von dem fantastischen Geschehen auf dem Spielfeld brachte uns jede Folge die Umgebung etwas näher, seine Freunde, seine erbitterten Konkurrenten, die manchmal schwierige Beziehung zu seinen Eltern, der Mutter, einer besorgten Hausfrau, und dem Vater, einem fröhlichen schnauzbärtigen Kapitän zur See. Am meisten geliebt in dieser Filmwelt habe ich jedoch das Setting. Merkwürdige Frisuren. Roher Fisch. Futuristische Eisenbahnzüge. Gebäude mit klaren Linien. Menschen, die wegen absoluter Nichtigkeiten in Verlegenheit gerieten. Selbst das komische Alphabet sah wie ein Geheimcode aus. Obwohl die Serie spanisch synchronisiert war, konnten sie mich nicht für dumm verkaufen. Ich wusste, dass Captain Tsubasas Welt Tausende von Kilometer weit entfernt lag. Genau deswegen fand ich sie so wunderbar. Jede Folge ein Blick in eine andere Dimension. Die Menschen sahen so aus wie wir und bewegten sich wie wir, nur das Land war mir vollkommen fremd.
Über dieses Land musste ich mehr erfahren. Ich ging in die Bücherei, und die Bibliothekarin brachte mir ein Buch mit Fotos von hohen Gebäuden und großen Brücken. Und wie hätte es
anders sein können: Als Erstes schlug ich die Doppelseite mit dem Panoramabild der nächtlich erleuchteten Regenbogenbrücke auf.
„Schau mal, die Farben.“ Die Bibliothekarin tippte mit dem Finger auf die Seite. „Die Japaner nutzen Sonnenenergie. Tagsüber speichert die Brücke die Energie, und nachts erstrahlt sie.“
Damit war es um mich geschehen. Die Fotos nahmen mich völlig gefangen, und ich schwor mir, eines Tages diese Brücke zu überqueren.
Kurz darauf ließen sich meine Eltern scheiden, und ich zog mit meiner Mutter nach London. Ich erinnere mich noch daran, wie befremdlich es war, lange Hosen an den Beinen zu spüren. Und wie anders die Zeichentrickfilme! Arbeitslosenschlangen und Spaghetti Hoops in Tomatensoße. Es war das England John Majors und seiner berühmten „Back to basics“-Rede.
Mit Mitte zwanzig war ich immer noch in London und durch einen glücklichen Zufall bei einer Reisezeitschrift untergekommen. Jahrelang verfasste ich Artikel über so exotische Reiseziele wie Cardiff oder Temple Cloud, dann endlich bekam ich meinen ersten großen Auftrag: Japan. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich las haufenweise Bücher, bereitete mich minutiös vor. Leider hat der Artikel nie das Licht der Welt erblickt, denn die Zeitschrift ging noch während meines Japanaufenthalts pleite. Allerdings war es mir gelungen, das Versprechen einzulösen, das ich mir als kleiner Jungen gegeben hatte. Ich stand auf der Regenbogenbrücke, fünfzig Meter über dem Wasser, und schaute in der Kälte auf die funkelnde Stadt. Die Bucht unter mir füllte sich mit Partyschiffen, und in welche
Richtung man auch blickte, überall Wolkenkratzer, gekrönt von roten Blinklichtern für die Flugzeuge. Auf der Brücke donnerten Lastwagen vorbei, deren Fahrer mich wahrscheinlich für einen Selbstmörder hielten. Zu meiner Verwunderung spürte ich Tränen in den Augen. Die Stadtlandschaft verschwamm zu silbernen und goldenen Sechsecken, ich schob es auf die Kälte. Aber ich hatte es geschafft, ich stand auf der Regenbogenbrücke.
In dem Moment kam mir der Gedanke, dass Japan, oder besser gesagt meine Vorstellung von Japan, immer schon einen Zufluchtsort dargestellt hatte. Und die Brücke immer schon der physische Ausdruck des Übergangs „von hier nach dort“. Ich war endlich „dort“ angekommen.
Schatten der schwarzen Sonne nahm seinen Anfang mit einem Zeitungsartikel über den Mord an der Familie Miyazawa, auf den ich bei meinem ersten Japanaufenthalt 2010 stieß. Ein ungelöster Fall, der bereits zehn Jahre zurücklag. Ich erinnere mich an ein Foto der Familie, wahrscheinlich aufgenommen während eines Ausflugs. Sie sitzen auf einer Steintreppe. Der Vater, Mikio, trägt ein ozeanblaues Poloshirt und Mokassins, zwei Finger ruhen auf der Schulter seines Sohnes, der eine Stufe tiefer sitzt. Das einzige sichtbare Zeichen von Zuneigung. Yasuko, die Mutter, blickt streng, auch wenn sie sehr sanft lächelt. Beige Bluse, das Haar sorgfältig geflochten, die Hände im Schoß. Sie sieht aus wie eine Lehrerin. Eine gute Lehrerin, aber eine, die keinen Spaß versteht. Niini, niedlich, rosiges Gesicht, ahmt die Haltung der Mutter nach. Rei sitzt breitbeinig da, spielt mit den
Fingern und blickt mit offenem Mund in die Kamera. Wie sein Vater trägt er Segelschuhe. Niemand lacht herzlich. Niemand vergibt sich etwas. Ich betrachtete eingehend das Foto und fragte mich, wer eine ganze Familie mit einem Sushi-Messer und einem Kissen umbringt und tags darauf seelenruhig das Haus verlässt.
Ich schnitt das Foto aus und legte es in das Buch, was ich gerade las. Ich habe es bis jetzt nicht wiedergefunden.
Einige Jahre später, an meinem dreißigsten Geburtstag, fuhr ich erneut nach Japan. Es war der 16. April 2014, und ich wohnte in einem etwas altmodischen Hotel am Ufer des Ôta. Im meinem Zimmer hing ein Rauchen-verboten-Schild, und ich konnte nicht schlafen. Ich schaltete den Shopping-Sender ein und blätterte in der Zeitung vom Vortag. Dort stieß ich auf einen Artikel.
Mir stockte der Atem. Ich schaute auf das gleiche Foto wie vor Jahren. Die Familie Miyazawa auf den Stufen einer Steintreppe, umgeben von Grün. Vielleicht will ich es so in Erinnerung behalten, doch hatte ich das Gefühl, als riefen sie mir zu: „Hallo, da sind wir wieder.“
Noch in der Nacht fing ich an, zu recherchieren, mittlerweile lag der Fall etlich Jahre zurück. Am 30. Dezember 2000 brach ein Mann in das Haus der Miyazawas ein, ermordete die ganze Familie, benutzte anschließend ihren Computer, aß ihre Eiscreme und verbrachte insgesamt elf Stunden in ihrem Haus. Er verließ es am helllichten Tag am 31. Dezember. Es gab kein Motiv, doch hatte der Killer zahlreiche Spuren hinterlassen – neue Kleidungsstücke, eine schicke Tasche, einen Fischerhut, Sandkörner aus der Mojave-Wüste und roten und violetten
Fluoreszenzfarbstoff in Pulverform. In den Taschen des Sweaters fanden sich Vogelmist und japanische Zelkovenblätter. Außerdem hatte der Täter sein Blut am Tatort hinterlassen. Eine DNA-Analyse legte mütterlicherseits eine europäische Abstammung nahe, vermutlich aus einem Mittelmeerland. Die Untersuchung der Fäkalienreste auf der Toilette ließ auf einen Vegetarier schließen. Auch die Mordwaffe verblieb im Haus, ein Sashimimesser, das er noch am selben Tag für 3.555 Yen, etwa dreißig Euro, erstanden hatte. Auf einem Taschentuch konnten Tröpfchen eines französischen Aftershaves nachgewiesen werden.
Mittlerweile dämmerte der nächste Tag heran, und ich sah mir in meinem Hotelzimmer nochmal die Gesichter auf dem Foto an. Immer noch lief der Shoppingsender, der gerade ein zeitlich begrenztes Kaufangebot für eine CD-Box anpries. Im Hintergrund sang Ayumi Ishida gequält lächelnd ihr Blue Light Yokohama. Auf einer Zeile am unteren Bildschirmrand wurde der Text eingeblendet.
Die Lichter der Stadt leuchten so schön.
Ich bin Dir.
Bitte, ich möchte sie hören.
Die Worte der Liebe von Dir.
Ich gehe und gehe, schaukele wie ein Boot in deinen Armen.
Ich höre Deine Schritte.
Gib mir noch einen zärtlichen Kuss.
Der Duft Deiner Lieblingszigaretten, Yokohama, Blue Light Yokohama.
Das wird immer unsere Welt bleiben.

In den Moment bekam ich ein Gefühl dafür, was das heißt. Zwar war mir vom Kopf her klar, dass der Täter noch nicht gefasst war, aber es traf mich wie ein Schlag: Jahre nach dieser grausigen Tat war der Fall noch immer ungelöst. Ein Ende war nicht in Sicht. Der Mensch, der das getan hatte, lief frei herum. Jemand, der herumreist. Jemand, der sich jung und modisch kleidet. Jemand, der Kontakt mit Vögeln hat. Jemand, der gerne Spinat isst. Jemand, der französisches Aftershave benutzt. Jemand, der in der Nacht des 30. Dezember 2000 durch die Straßen von Setagaya läuft, mit einem Sashimimesser in der Tasche, das er gekauft hat, um eine ganze Familie damit abzuschlachten.
Ich legte mich schlafen, um diesen anonymen Killer zu vergessen, doch musste beim Aufwachen gleich wieder an den Fall denken. Ich bestieg den Shinkansen nach Kyoto und ging im Kopf die zahllosen kuriosen Details durch. Auf meinem bequemen Platz in dem klimatisierten Hochgeschwindigkeitszug las ich mir meine Notizen durch. Während vor dem Fenster in rasenden Aquarellstreifen die Landschaft von Chūgoku vorbeiflog, fiel mir der Text von Blue Light Yokohama wieder ein, und ich machte mir folgende Notiz: Mordfall, vierköpfige Familie, Roman, Blue Light Yokohama.
Da wusste ich, dass ich einen Roman über den Mord an einer vierköpfigen Familie schreiben musste. Es sollte nicht in erster Linie um die Familie gehen, das wäre zu billig; doch das furchtbare Schicksal, das sie ereilt hatte, ließ mich nicht los. Es mag sich vielleicht reißerisch anhören, aber es gab zu viele gruselige Absonderlichkeiten, die man nicht einfach ignorieren konnte. Zu viele spannende Fragen. Zu viele
ungelöste Rätsel. Letztlich wollte ich über Anonymität schreiben. Die quälende Anonymität. Obwohl ich eigentlich nie Kriminalromane schreiben wollte, schien mir die Idee eines japanischen Detektivs reizvoll. Ich fing mit kleinen Versatzstücken an, aber meine Figur hörte sich immer an wie eine Mischung aus Rick Deckard und Philip Marlow. Ich konnte mich nicht entscheiden, was für ein Mensch er sein sollte, und so machte ich ihn automatisch zu einem harten Kerl.
Ich glaube, es war eine harmlose Zeile in Japan Today, die das änderte.
Ungefähr 246.000 Beamte sind bis heute in der einen oder anderen Weise in den Fall involviert … Vierzig Beamte beschäftigen sich bis auf Weiteres mit dem Fall.
Daneben ein Foto mit schwarz gekleideten Polizeibeamten, die sich am Jahrestag des Mordes vor dem Haus der Miyazawas in einer Reihe aufgestellt hatten und sich ehrfürchtig verbeugten. Wo ich herkam, baten keine Polizisten um Vergebung. Ich sah mir ihre Gesichter an und fragte mich, wer sie wohl waren. Ich stellte mir vor, wie sie auf telefonische Hinweise warteten, vierzehn Jahre nach dem Mord. Wie sie auf Bahnhöfen Flyer verteilten. Endlos Theorien erörterten. Jedes Jahr am 30. Dezember ihren Respekt zollten. Mir kam der Gedanke, dass mein Detektiv einer von ihnen sein sollte. Kein Witzbold und auch kein harter Kerl. Er war allein, auf sich gestellt und voller Trauer, und würde die Schlachten der Toten schlagen. Schatten der schwarzen Sonne wäre nur vordergründig ein Krimi. Im Grunde meines Herzens wollte ich über Menschen schreiben, die von einem Schmerz geplagt sind. Menschen, die etwas verloren hatten. Kommissar Kosuke Iwata war geboren.

Willkommen in dieser Welt.

Nicolas Obregon
London, Juni 2016

Schatten der schwarzen Sonne Blick ins Buch

Nicolás Obregón

Schatten der schwarzen Sonne

Kundenrezensionen (1)

€ 16,00 [D] inkl. MwSt. | € 16,50 [A] | CHF 22,90* (* empf. VK-Preis)

Oder mit einem Klick bestellen bei

Weiter im Katalog: Zur Buchinfo

Weitere Ausgaben: eBook (epub)