SPECIAL zu Lee Child

Mörderisch gut

Rezension von Brigitte Beck

Vor dem Tor eines Colleges spielt sich eine blutige Szene ab: Eine in rasanter Fahrt herausfahrende Limousine wird von einem anderen Wagen abgedrängt, ein Insasse trotz seiner Leibwächter gekidnappt. Doch die Rettung steht schon bereit. Der Ich-Erzähler stoppt das Entführerauto, erschießt die Gangster und zerrt den Entführten, einen Studenten, in seinen Wagen. In diesem Moment taucht ein weiterer Mann auf - und der Erzähler erschießt ihn, bevor er realisiert, dass es sich um einen Polizisten handelt. Er rast mit dem Geretteten davon und erfährt, dass dieser Richard Beck heißt, der Sohn eines Teppichimporteurs ist und schon einmal entführt worden war. Voller Angst bittet der Junge unseren Helden, ihn nach Hause zu fahren, und dieser stimmt schließlich zu.

Die Reise führt zu einem einsam gelegenen Haus am Meer. Der Ich-Erzähler stellt sich den Eltern des Jungen vor: Jack Reacher, ein Mann der vor sechs Jahren seinen hochrangigen Posten bei der US-Militärpolizei quittiert hat und seitdem untergetaucht war. Jetzt ist er zum Polizistenmörder geworden und findet Unterschlupf als Leibwächter Richards in der festungsartigen Villa der Becks. Doch bei Jack Reacher ist nichts so, wie es scheint. Bereits am Ende des ersten Kapitels beginnt man zu ahnen, dass alles, was geschehen ist, den Zweck hatte, Reacher in die schwer bewachte Villa zu bringen.

Zehn Tage zuvor. Eine folgenschwere Begegnung: Reacher sieht zufällig einen Mann, der eigentlich seit zehn Jahren tot sein sollte. Er forscht nach dem Kennzeichen seines Autos und ruft damit zwei Agenten der Drogenbehörde, Susan Duffy und Steven Eliot, auf den Plan, die hinter Zachary Beck, dem Vater Richards, her sind. Sie vermuten, dass sein Teppichgeschäft als Tarnung für den Drogenhandel dient. Reacher lässt sich auf ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ein: die beiden sollen ihm helfen, den Verräter und Waffenhändler Quinn, den er seinerzeit glaubte, liquidiert zu haben, dingfest zu machen, und er will die beiden dabei unterstützen, Teresa, eine spurlos verschwundene Agentin, die auf Beck angesetzt worden war, wieder zu finden.

In der Beck-Villa ist Reacher auf sich allein gestellt in einer feindlichen und bedrückenden Umgebung. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt sind Duffy und Eliot, die er notfalls über Mail erreichen kann. Maximal fünf Tage hat er Zeit, seine Ziele zu erreichen. So lange hält die Batterie seines Mail-Senders, und höchstens so lange können die Polizisten die Leibwächter Richards, die für die Becks als tot gelten, festhalten.

Außer Zachary Beck, seiner Frau Elizabeth und seinem Sohn Richard leben in der Villa eine Köchin, ein Hausmeister, der Sicherheitschef namens Duke und ein tollpatschiges Dienstmädchen. Außerdem logiert im Pförtnerhaus ein Riese namens Paulie, der äußerst gefährlich wirkt. Das Personal in der Villa begegnet Reacher mit Misstrauen; zunächst wird er von Duke in seinem Zimmer eingesperrt und kann sich nicht frei im Haus bewegen. Dann bekommt er eine Bewährungsprobe: Er soll eine Lieferung Teppiche zu einem 200 Meilen entfernten Ort bringen. Diese Reise gibt ihm Gelegenheit, sich heimlich mit Duffy und Eliot zu treffen. Sie prüfen auch die Ladung - es handelt sich tatsächlich nur um Teppiche.

Am Bestimmungsort angekommen, trifft Reacher auf Angel Doll, einen weiteren Gangster, der ihn während der Fahrt überwacht hat. Dieser fühlt sich völlig sicher und versucht Reacher mit dem Fluchtauto, das er mit Richard Beck benutzt hat, in Verlegenheit zu bringen. Er hat nämlich herausgefunden, dass dieses Auto im Besitz der Drogenbehörde war. Reacher fackelt nicht lange und bringt Doll um.

Zurück in der Villa hat unser Held eine schlaflose Nacht. Zuerst durchsucht er die Villa nach Spuren der vermissten Agentin. Er findet einen leeren Raum, der als Gefängniszelle gedient haben könnte. Dann fährt er in einem Wagen, den Duffy ihm bereit gestellt hat, zu Angel Dolls Leiche, um sie zu entsorgen.

Am nächsten Tag wird eine große Lieferung - angeblich Teppiche - erwartet. Reacher soll mit Elizabeth Beck zum Einkaufen fahren. Am Torhaus geschieht etwas Unglaubliches: Paulie begrapscht die Frau seines vermeintlichen Chefs, ohne dass sie sich wehrt. Reacher erfährt daraufhin, dass Paulie gar nicht für Beck arbeitet, sondern für dessen Chef - wahrscheinlich Quinn - und die Becks anscheinend nichts gegen seine Machtdemonstrationen tun können. Elizabeth vermutet, dass Reacher für die Regierung arbeitet. Dennoch gibt sie ihm vier Stunden frei, während sie einkauft. Reacher trifft sich mit Duffy und die beiden kommen sich näher.

Später soll Reacher mit Duke und Beck einige untreue Kleindealer bestrafen. Er nutzt die Gelegenheit, sich Dukes zu entledigen und kann jetzt dessen Stellung bei Beck einnehmen. In der Zwischenzeit haben Beck und sein Boss eine Agentin enttarnt, die ebenfalls in die Villa eingeschleust wurde: Es ist das unscheinbare Dienstmädchen. Sie wurde gefoltert und ermordet. Reacher erkennt die Handschrift Quinns und stellt Duffy zur Rede, weil die ihm nichts von der zweiten Agentin gesagt hatte. Doch Duffy ist ebenfalls völlig überrascht. Sie bittet Reacher, sich nur noch auf die Befreiung Teresas zu konzentrieren und Quinn und Beck zu vergessen. Da entkommen die beiden Leibwächter...

Ein atemlos rasant erzählter, mitreißender Thriller! Das Buch bleibt spannend bis zur letzten Seite und lässt auf weitere Abenteuer mit Jack Reacher hoffen. Eine knallharte Krimistory bar jedweder romantischer Nebenhandlungen, was einen Rezensenten wahrscheinlich dazu bewogen hat, ihn als einen Männer-Roman zu charakterisieren. Mag schon sein, dass er Männern besonders zusagt. Frauen jedoch, die knisternde Spannung schätzen, werden den Helden, der als einsamer Wolf ziemlich sympathisch rüberkommt, ebenfalls mögen - auch wenn man ihm nachsehen muss, dass er mit Gangstern ab und an geradezu beängstigend kompromisslos verfährt.

"Der Janusmann" ist der siebte Roman von Lee Child. Jack Reacher, der ehemalige Spitzenermittler der US-Militärpolizei, ist der Held aller seiner Bücher. Reacher hat keinen Wohnsitz, kein Auto und keiner weiß, wo er sich aufhält - bis er wieder einmal aus dem Nichts auftaucht und sich in einem brisanten Fall wieder bewährt. Von seinem Vorleben, seiner Herkunft, seiner Familie weiß man wenig; in jedem Band gibt es einige Rückblenden auf früher, die einem den geheimnisvollen Mann etwas näher bringen.

Ein weiteres, aufregendes Stück im süchtig machenden Jack-Reacher-Puzzle, auf das sich seine Fans schon jetzt freuen!
Brigitte Beck
München, Mai 2005

Der Janusmann

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