Der Preis des Glücks


Sie wollen alles richtig machen – und machen alles falsch. Sie wollen das perfekte Paar sein – in der wunderschönen Pariser Altbauwohnung – mit Kind und Karriere. Und sie scheinen Glück zu haben. Louise, die Bilderbuch-Nanny löst ihr Problem. In wenigen Wochen ist sie unentbehrlich geworden. Unbemerkt wie mächtig hält sie die Fäden der kleinen Familie zusammen.

Doch wie sehr kann man einem fremden Menschen vertrauen? Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und der Verletzlichkeit der Frau. Der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen.

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Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine dagegen war noch am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde. Man hat Spuren des Kampfes gefunden, Hautfetzen unter ihren weichen Nägeln. Im Notarztwagen, der sie ins Krankenhaus brachte, zuckte sie, von Krämpfen geschüttelt. Mit hervorquellenden Augen schien sie um Luft zu ringen. Ihre Kehle war voller Blut gelaufen. Ihre Lungen waren durchlöchert, und sie hatte sich den Kopf heftig an der blauen Kommode gestoßen.

Man hat den Tatort fotografiert. Die Polizei hat Fingerabdrücke genommen, Bad und Kinderzimmer vermessen. Der Prinzessinnenteppich auf dem Fußboden war blutgetränkt. Der Wickeltisch war halb umgestürzt. Die Spielsachen wurden in durchsichtigen Säckchen fortgebracht und versiegelt. Selbst die blaue Kommode wird beim Prozess gebraucht werden.
Die Mutter stand unter Schock. Das haben die Feuerwehrleute gesagt, die Polizisten wiederholt, die Journalisten geschrieben. Als sie das Zimmer betrat, in dem ihre Kinder hingestreckt lagen, hat sie einen Schrei ausgestoßen, aus tiefsten Tiefen, das Geheul einer Wölfin. Es hat die Mauern zum Erzittern gebracht, und die Nacht ist über diesen Maitag hereingebrochen. Sie hat sich übergeben, und so fand sie die Polizei, mit verschmierten Kleidern, im Zimmer zusammengekauert, schluchzend wie eine Wahnsinnige. Sie hat sich die Lunge aus dem Leib geschrien. Auf ein Zeichen des Sanitäters haben sie sie hochgezogen, aller Gegenwehr und allen Fußtritten zum Trotz. Sie haben sie langsam aufgerichtet, und die junge Notärztin hat ihr ein Beruhigungsmittel verabreicht. Die Frau war den ersten Monat im Einsatz.
Die andere, die musste man auch retten. Mit derselben Professionalität, Unvoreingenommenheit. Sie hat es nicht fertiggebracht zu sterben. Den Tod konnte sie nur bringen.
Sie hat sich die Handgelenke aufgeschlitzt und das Messer in die Kehle gerammt. Am Fuß des Gitterbettchens hat sie das Bewusstsein verloren. Die Sanitäter haben sie stabilisiert, ihren Puls und den Blutdruck gemessen. Sie haben sie auf die Trage gelegt, und die Notärztin hat die Hand auf ihren Hals gepresst.

Unten vor dem Haus haben sich die Nachbarn versammelt. Vor allem Frauen sind da. Es ist gleich Zeit, die Kinder von der Schule abzuholen. Sie schauen auf den Krankenwagen, die Augen tränenverschleiert. Sie weinen, und sie wollen etwas erfahren. Sie stellen sich auf die Zehenspitzen. Versuchen zu erkennen, was sich hinter der Polizeisperre abspielt, im Innern des Krankenwagens, der mit heulenden Sirenen losrast. Sie tauschen flüsternd Informationen aus. Schon geht das Gerücht um. Den Kindern ist ein Unglück zugestoßen.

Es ist ein schönes Gebäude in der Rue d’Hauteville, im 10. Arrondissement. Ein Haus, in dem sich die Nachbarn, ohne sich zu kennen, freundlich grüßen. Das Appartement der Massés liegt im fünften Stock. Es ist das kleinste von allen. Paul und Myriam haben im Wohnzimmer eine Wand einziehen lassen, als ihr zweites Kind geboren wurde. Sie schlafen in einem winzigen Raum, zwischen der Küche und dem Fenster, das auf die Straße geht. Myriam liebt Möbel vom Trödler und Berberteppiche. Die Wände hat sie mit japanischen Drucken dekoriert.

Heute ist sie früher nach Hause gekommen. Sie hat eine Sitzung abgekürzt und das Lesen einer Akte auf morgen verschoben. Noch in der Metro, auf dem Klappsitz im Wagen der Linie 7, hat sie beschlossen, die Kinder zu überraschen.
Unterwegs hat sie in der Bäckerei ein Baguette, etwas Süßes für die Kleinen und einen Orangen-Teekuchen für die Nanny gekauft. Den mag sie am liebsten. Sie wollte mit ihnen Karussell fahren gehen. Danach würden sie zusammen fürs Abendessen einkaufen. Mila würde ein Spielzeug haben wollen, Adam in seinem Buggy an einem Brotkanten lutschen.
Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.

Interview mit Leïla Slimani

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Über Leïla Slimani

Catherine Hélie © Editions Gallimard

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Leïla Slimani gilt als die aufregendste literarische Stimme Frankreichs. Sie wurde 1981 in Rabat geboren und wuchs in Marokko auf. Nach dem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po arbeitete sie als Journalistin für die Zeitschrift »Jeune Afrique«. »Dann schlaf auch du« wurde mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und erscheint in 32 Ländern. Ihr ebenfalls preisgekröntes literarisches Debüt »Dans le jardin de l’ogre« wird derzeit verfilmt. Leïla Slimani ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie lebt in Paris.