Ein goldener Mercedes, Wind in den Haaren und das Meer vor Augen – vier Jugendliche auf dem Weg nach Lissabon ...

Was Romy, Konrad, Nele und Julian auf ihrem gemeinsamen Weg nach Lissabon erwartet, scheint der perfekte Sommerroadtrip nach dem Abitur zu sein. Doch dass jeder von ihnen weit mehr als nur leichte Sommerklamotten im Gepäck hat, wird dem eher durch Zufall zusammengewürfelten Quartett erst im Lauf der Reise klar. Denn in Wahrheit geht es bei diesem Roadtrip um nichts weniger als die Suche nach sich selbst, dem eigenen Leben, der großen Liebe und wahrer Freundschaft.

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Julian

Das Lenkrad ist so groß wie ein Hula-Hoop-Reifen. Es fühlt sich rau unter meinen Fingern an. Beinfreiheit habe ich hier drinnen mehr als in der Economy Class. Es riecht wie in einem künstlichen Tannenwald, was an dem grünen Duftbaum am Rückspiegel liegt, der schon seit Jahren hier hängt. Die Holzverkleidung am Armaturenbrett sieht inzwischen etwas fleckig aus, hat aber noch immer einen ordentlichen Hauch von Charme, den man in neuen Schlitten vermisst.
Ich lehne mich in den dunkelbraun bezogenen Sitz und drücke die Arme durch, das Lenkrad noch immer fest umklammert, als würde ich die Route 66 entlangbrettern. Durch die schmutzige Frontscheibe sehe ich auf unsere Auffahrt, wo mein Fahrrad wie ein erschossenes Tier liegt und darauf wartet, in der Garage ordnungsgerecht abgestellt zu werden, damit weder Mama noch Papa was zu meckern haben.
Aber das ist mir gerade alles scheißegal.
Ich nehme meine Brille ab und reibe mir die Schläfen. Seit Wochen habe ich Kopfschmerzen, jedes Mal, wenn ich länger als zwei Minuten mit meinen Gedanken alleine gelassen werde und sie es sich auf dem geistigen Kettenkarussell in meinem Gehirn bequem machen. Ich esse Aspirintabletten inzwischen wie Tic Tacs einfach so weg und spüle sie mit einer großen Tasse Kaffee runter. Bei der Arbeit denke ich nicht viel nach, mache genau die Dinge, die von mir erwartet werden, und sammele wie ein Meister Erfahrungen, die mir dann im echten Leben helfen sollen, meine Prioritäten korrekt zu setzen. Ehrlich ge- sagt, war der Bundesfreiwilligendienst die einfachste Möglich- keit, dem ewigen Gequatsche meiner Eltern zu entkommen. So habe ich ein Jahr nach dem Abi Zeit gewonnen, in dem ich mich nicht für einen Lebensentwurf, eine Uni, eine Zukunft entscheiden musste.
Aber damit ist jetzt Schluss.
Mein Handy vibriert auf dem Beifahrersitz, und ich erkenne Romys lächelndes Profilfoto auf dem Display. Romy.
Ich schaue auf die Oldschool-Uhr des Mercedes, die auch nach all den Jahren noch immer haargenau vor sich hin tickt – und die ich jedes Mal auf Sommer- oder Winterzeit stelle. Es ist kurz nach zwölf oder in einer anderen Zeitdimension: Schul­ ende. Heute ist der letzte Schultag und die Sommerferien ste- hen an. Der Abiturjahrgang feiert jetzt sicher schon den ersten Schritt in die Freiheit. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt, letztes Jahr ging es mir genauso.
»Hallo?« Ich nehme Romys Anruf entgegen.
»Julian, wo steckst du? Wolltest du nicht vorbeikommen?«
Wollte ich.
»Ja, es kam was dazwischen.« Mein imaginärer Roadtrip über die Route 66.
»Also packst du es nicht mehr?« Ihre Stimme klingt traurig. Ich streichele das Lenkrad und zucke die Schultern, auch wenn Romy es nicht sehen kann.

»Weiß nicht.«
»Na, wir gehen jetzt in den Schlosspark, wenn du vielleicht nachkommen magst?«
Was sie wirklich sagt: Ich würde mich riesig freuen, wenn du mitkommst.
»Ich schaue mal.«
»Ist alles okay?«
Ich will nicht, dass sie merkt: Etwas stimmt nicht. Ich will nicht mal, dass ich es merke. Weil eine Romy-Umarmung immer guttut und für eine ganze Weile die Gedanken verstum- men lässt. Das ist eine ihrer Superheldinnenkräfte, von denen sie nichts weiß. Ihr Lächeln macht einen miesen Tag schöner, ihre Küsse sind die besten rezeptfreien Schmerzmittel über- haupt und ihre Umarmungen, wenn ich den Mandelshampoo- duft in ihren Haaren riechen kann und sie mich fest an sich drückt, sind die besten überhaupt. Irgendwann werde ich ihr das sagen, aber nicht jetzt. Nicht heute.
»Es würde mich total freuen, wenn du es doch noch packst.«
Ihre Stimme kann lächeln. Noch so eine Superpower. Und irgendwie lächele ich jetzt auch.
»Dann sehen wir uns nachher noch.«

Romy

Etwas kitzelt mich im Gesicht und ich reiße die Augen auf.
»Hi.« Julian. Mit einer Gänseblume, die meine Wange streichelt. »Ich wollte dir eigentlich Rosen mitbringen …« Er lächelt schüchtern. »Aber der Bachelor war schneller.« Er reicht mir das Gänseblümchen. »Die hier ist für dich. Möchtest du dieses Gänseblümchen annehmen?«
»Und wie ich das will.« Ich schlinge die Arme um seinen Hals, ignoriere die Blume und ziehe ihn fast auf mich drauf, was er lachend geschehen lässt und dabei seine schwarz gefasste Brille irgendwo ins Gras verliert. »Du hast es geschafft.«
»Na klar, habe doch gesagt, dass ich vorbeischaue.«
Er ist meine Rettung, aber das weiß er nicht, weil ich es ihm noch nie gesagt habe. Stattdessen umarme ich ihn auch jetzt einfach fest und bin nur froh, dass er da ist.
»Wie war der letzte offizielle Schultag?« Er rollt sich neben mich ins Gras, tastet nach seiner Brille und jagt meine Erinnerungen zurück in die Schublade, wo ich sie wieder wegsperren kann.
»Wir haben eigentlich nur ein paar Fotos gemacht, in der Aula unsere Namen hinterlassen und dann schon direkt losgefeiert. Kai hat noch auf dem Schulgelände gekotzt.«
Julian stützt sich auf seinen Ellenbogen und mustert lächelnd mein Gesicht.
»Klingt beeindruckend.«
»Für Kai, ja.«
»Nie mehr Schule.«
»Nie mehr.«
»Bist du traurig?«
Ich kann das Lachen nicht verhindern und schüttele den Kopf.
»Nein. Gar nicht.« Nie mehr Schule, bedeutet auch Neuanfang, selbst wenn Julian das anders sieht.
»Das große Vermissen kommt noch.«
»Weißt du das, weil du ach-sooo-viel älter bist?« Er nickt gespielt ernst.
»Jap, hör auf den Schulrentner.«
»Wie war es denn damals für dich?«
»Doppelt schwer, weil wir ja direkt nach meinem Abi um- gezogen sind, also gleich zweifacher Abschied.«
Julian kommt aus Berlin und fühlt sich in Stuttgart noch immer etwas fremd, weil er hier so gut wie keine Freunde hat, außer die Kumpels vom Handball. Aber den großen Anschluss hat er noch nicht geknüpft.
»Zum Glück hast du jetzt ja mich gefunden.«
Er nickt, schiebt sich die Brille wieder auf die Nase und küsst mein Ohr.
»Mein Glück.«
Das Schöne an Julian ist, dass er nicht weiß, was für ein guter Typ er ist. Nicht nur sein Aussehen, sondern alles, was hinter seinem süßen Lächeln steckt. Mit Brille ist er der Typ Clark Kent, fast unscheinbar niedlich. Mit dunkelblonden Haaren, die immer etwas verstrubbelt sind und die er nie in den Griff kriegt. Das lässt ihn oft jünger erscheinen. Dazu grüne Augen, die hinter den Brillengläsern funkeln und mich immer genau beobachten, wenn ich rede. Julian hört mit seinen Augen zu; das habe ich ihm gesagt, und er wurde fast rot, hat sich verlegen am Hinterkopf gekratzt und die Schultern gezuckt. Weil er nicht weiß, wie besonders er ist.
Besonders für mich.

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