Leserstimme zu
Und über mir das Meer

Fiktionale Geschichte, die auf historischen Fakten beruht -sehr einfühlsam und glaubhaft geschildert

Von: schnäppchenjägerin
10.10.2018

Die 16-jährige Hana ist eine Haenyeo, eine Taucherin, die auf der südkoreanischen Insel Jejudo zusammen mit ihrer Mutter nach Meeresfrüchten taucht. Es ist das Jahr 1943, als sie von japanischen Soldaten entführt wird, um ihre jüngere Schwester Emiko zu schützen. Das unschuldige Mädchen wird brutal in die Mandschurei verschleppt und muss dort in einem Militärbordell den japanischen Soldaten gefügig sein. Trotz aller Erniedrigungen, Schmerzen und Quaken lässt sich Hana nicht unterkriegen und träumt den unwahrscheinlichen Traum, ihre Familie wiederzusehen. 2011 reist die ältere Dame Emiko zu ihren Kindern nach Südkorea, um dort an der 1000. Demonstration der sogenannten Trostfrauen in Seoul gegen die japanischen Kriegsverbrechen teilzunehmen. Nach über 60 Jahren der Verdrängung hofft sie dort ihre Schwester wieder zu finden. "Und über mir das Meer" erzählt die Geschichte Koreas anhand des herzzerreißenden Schicksals zweier Schwestern, die während des Zweiten Weltkriegs voneinander getrennt worden sind. Romane über den Zweiten Weltkrieg in Europa habe ich einige gelesen, aber die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs in Asien waren mit bisher nicht geläufig. Sehr bildhaft und berührend erzählt die Autorin mit koreanischen Wurzeln von der Stärke der Haenyeo, die während der japanischen Besatzung in den Tiefen des Meeres mehr Freiheit genossen als der Rest der Bevölkerung. Schockierend ist die Gewalt und Brutalität, die von japanischen Soldaten ausgeht und vor allem die wehrlosen und unschuldigen jungen Frauen und Kinder betrifft. Zehntausende wurden entführt, vergewaltigt und deportiert, um als Trostfrauen zu dienen. Hana ist dabei eine von vielen Zwangsprostituierten, die als Haenyeo nie ihren Kampfgeist und Mut verliert und die vor allem die Gedanken an ihre jüngere Schwester und Familie in Korea am Leben erhalten. Trotz der Gefahr für Leib und Leben und der Hoffnungslosigkeit einer Sklavin im Bordell gibt sie nicht auf, für ihre Freiheit zu kämpfen. Die jünger Emi hat die Verschleppung ihrer Schwester all die Jahre verdrängt und versucht erst als Großmutter, Hana ausfindig zu machen. In Rückblenden erfährt man, wie sie den Krieg erlebt hat und auch ihr Leiden wird - wenn auch nicht in der Brutalität wie Hanas Schicksal - überzeugend und bewegend erzählt. "Und über mir das Meer" ist eine fiktionale Geschichte, die auf historischen Fakten beruht und deshalb besonders schockierend ist. Einfühlsam und glaubhaft schilder Mary Lynn Bracht die traurigen Schicksale der beiden jungen Mädchen, die fesseln und mich das Buch kaum aus der Hand legen ließen. Man fühlt den Schmerz und die Entbehrungen fast selbst körperlich und bis zum Schluss ist es spannend zu erfahren, wie Hana ihrem Schicksal trotz, ob sie es als eine der wenigen "Trostfrauen" schafft, zu überleben und ob die beiden Schwestern nach all den Jahren wieder vereint werden. Die Ereignisse des Jahres 1943 stehen im Fokus des Romans und zeigen die Sinnlosigkeit und Brutalität eines Krieges, der vor allem unschuldige Zivilisten trifft. Wichtig ist aber auch der Blick in die Zukunft, in das Jahr 2011, als die Frauen zum 1000. Mal seit 1992 mittwochs auf die Straße gehen und die Gräueltaten der Japaner anprangern. Entschuldigungen müssen geleistet und Reparationen vorgenommen werden, um Vergangenes wieder gut zu machen. Tatsächlich hat die japanische Regierung erstmals 1993 eingeräumt, "Trostfrauen" gegen ihren Willen für sie arbeiten zu lassen, diese Erklärung aber 2007 wieder zurückgenommen. 2015 haben sich die japanische und südkoreanische Regierung darauf verständigt, dass über die Ereignisse um die "Trostfrauen" in Zukunft geschwiegen werden soll und eine eigens zum Gedenken errichtete Friedensstatue wieder entfernt. Entsetzlich! Umso wichtiger ist es, dass es Bücher wie die von Mary Lynn Bracht #gegendasVergessen, ein für mich beeindruckendes Debüt und fesselndes Drama gibt.