Leserstimme zu
1968

Nicht das, was ich gesucht hatte

Von: Ylva
24.10.2018

Dieses Jahr ist es fünfzig Jahre her - das Jahr 1968 mit all seinen Geschehnissen, Protesten und neuen Ideen. Aus dem Anlass erscheinen viele Bücher und da ich mich bisher wenig mit dem Thema beschäftigt hatte, habe ich die Gelegenheit wahrgenommen und ein Buch zu dem Thema gelesen. 1968 von Claus Koch ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und wurde mir freundlicherweise über das Bloggerportal als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Leider musste ich jedoch relativ schnell feststellen, dass das Buch nicht das war, was ich eigentlich hatte lese wollen, nämlich ein Buch über die historischen Ereignisse, deren Folgen und Ursachen. Stattdessen geht es mehr darum, dass der Autor darauf zurückblickt, wie er die Zeit erlebt hat (dies sagt er aber nie explizit, sondern spricht von "wir", wenn er oftmals sich selbst meint) und er analysiert die Elterngeneration, die während des zweiten Weltkrieges aufwuchs, die Generation derer, die an den Protesten teilnahm sowie die heutigen jungen Erwachsenen. Der Leser sollte also schon ein wenig Vorwissen mitbringen, um manche Bezüge sowie seine Analyse besser zu verstehen. Der Schreibstil war an manchen Stellen schon eine Herausforderung, wenn man die besprochenen Theorien und deren Hintergründe nicht wirklich kennt. Begriffe wie "repressive Entsublimierung" musste ich nachschlagen, um zu verstehen, was gemeint war. Wenn der Leser jedoch mit den theoretischen Texten sowie den Geschehnissen einigermaßen vertraut ist, erwartet ihn eine teils nostalgische, philosophische Analyse dreier Generationen und der Gesellschaft, der man zustimmen kann oder nicht. Mir waren seine Formulierungen oft zu verallgemeinernd, was natürlich nicht ausbleibt, wenn man das Bild einer Generation zeichnen möchte. Manche Implikationen, wie beispielsweise, dass die Generation derer, die zur Nazizeit groß geworden sind, alle mehr oder weniger bindungsgestört waren und ihre Kinder nicht lieben konnten, gingen mir zu weit. Er verurteilt sie sehr harsch und schlägt wenig versöhnliche Töne an. Sein Blick auf 1968 war mir teilweise auch zu nostalgisch verklärt und seine Einschätzung der heutigen Zeit fand ich zu negativ. Er sieht es so, dass heute der Kapitalismus gesiegt hat, wir aber den Feind nicht mehr erkennen und uns deswegen nicht gemeinsam gegen ihn wehren können. Ich fand das Buch interessant, um die Perspektive eines ehemaligen 68ers kennenzulernen, aber insgesamt war es nicht das Buch, das ich erwartet hatte und ich konnte nicht so viel damit anfangen. Mit mehr Vorwissen wäre das sicherlich anders gewesen. Ich vergebe darum leider nur zwei Sterne und würde es dann empfehlen, wenn man eine detaillierte Analyse der drei Generationen lesen möchte. Als Einstieg ins Thema taugt es leider nicht wirklich.