Leserstimme zu
Die Geschichte vom Prinzen Genji

Rezension: Die Geschichte vom Prinzen Genji

Von: Aufziehvogel (Marcel)
18.03.2015

Damit keine Verwirrung aufkommt, hier eine kleine Anmerkung: In der Rezension wechsle ich häufig zwischen dem deutschen Titel „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ und dem Originaltitel „Genji Monogatari“. Selbstverständlich handelt es sich hier um das gleiche Buch ;) Japan Circa 1021 Die Geschichte vom Prinzen Genji Autorin: Murasaki Shikibu Originaltitel: Genji Monogatari Erscheinungsjahr: Wiederveröffentlichung beim Manesse Verlag, 06. Oktober 2014 Übersetzung und Vorwort: Oscar Benl Genre: Psychologischer Roman, Drama, Romantik "Er trug sie auf den Armen sanft und leise über die Schwelle und verschloß die Innentür. In ihrer Bestürzung über sein unerhörtes Tun wirkte sie unbeschreiblich lieb und betörend. <<Hier sind doch Dinerinnen!>>, mahnte sie zitternd, aber er erwiderte: <<Ich darf hier überall sein. Es nützt nichts, wenn ihr Leute herbeiruft! Seid ganz still.>> Jetzt erkannte sie an seiner Stimme, daß es Genji war, und dies beruhigte sie etwas. Sie fühlte sich noch immer tief verwirrt, doch schon entschlossen, sich nicht allzu herzlos und trotzig zu erweisen. Genji war vom Wein berauscht und hätte es zu schade gefunden, sie gleich wieder fortzulassen. Außerdem war sie jung und sanft und verstand es nicht, sich viel zu sträuben." (Die Geschichte vom Prinzen Genji, Murasaki Shikibu in einer Übersetzung von Oscar Benl, Manesse Verlag) Mit Dinosauriern hatte ich es auf meinem Blog bisher noch nicht zu tun. Schon gar nicht mit einer Autorin, die seit über 1000 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt und von der es als Portraits lediglich Zeichnungen und Malereien gibt. Nichtsdestotrotz hatte ich es in den vergangenen zwei Monaten mit dem wohl bedeutendsten, wie auch bekanntesten Werk der japanischen Literatur zu tun. In 54 Kapiteln, aufgeteilt auf beinahe 2000 Seiten erzählt die Hofdame Murasaki Shikibu die Geschichte vom Prinzen Genji, besser bekannt als Genji Monogatari. Lange in seiner ungekürzten Originalfassung vergriffen, legte der Manesse Verlag die deutsche Übersetzung von Oscar Benl in diesem Jahr neu auf und kann sich zurecht damit brüsken, die einzige ungekürzte und originalgetreuste Übersetzung des Epos in Deutschland zu sein. Unterteilt ist die Geschichte in mehrere Abschnitte. So beginnt Genji Monogatari bei der Geburt des Protagonisten und begleitet ihn bis zu seinem Tode und darüber hinaus. Schon von Geburt an hatte das Leben des kleinen Genji etwas verbotenes. Entstand er aus der Romanze zwischen dem Kaiser und einer Hofdame von einem eher niedrigem Range. Dem Kaiser war sie aber am liebsten und trotz der Missgunst seiner anderen Frauen verspürte er eine Sehnsucht nach dieser einen Hofdame, die er so sehr verehrte. Doch sie war schwach und kränklich und verstirbt kurz nach Genjis Geburt. Am Boden zerstört möchte sein Vater das Kind zu sich nehmen, da es allerdings nicht sein Erstgeborener Sohn ist und aus einem komplizierten Verhältnis stammt, ist es nicht so einfach, den Jungen zu sich zu holen. Die Jahre vergehen und Genji wächst zu einem stattlichen jungen Mann heran und ist gleichzeitig beliebt am Hofe und bei den Frauen. Die Liebe lernt der junge Prinz schnell kennen, doch genau so schnell auch den Schmerz der damit verbunden sein kann. Dieser treibt ihn sogar bis ins Exil. Für Genji beginnt eine psychologische Reise durch das Japan der Heian-Zeit. In einer Besprechung ist es beinahe unmöglich diesen extrem umfangreichen und komplexen Roman zusammenzufassen, und eine informative Inhaltsangabe zu kreieren. Allerdings habe ich es mir auch nicht vorgenommen, dieses gigantische Werk zu analysieren, da gibt es nämlich nicht nur kompetentere Leute als mich im Netz, sondern auch richtige Profis. Dennoch möchte ich, so gut es geht, den Lesern meines Blogs dieses Werk so nahe wie möglich bringen. Was auf den ersten Blick klingt wie eine klassische Liebesgeschichte mit Kitsch und Liebesschmerz, der wird schnell eines besseren belehrt. Schon auf den ersten Seite beschreibt die Hofdame Shikibu sehr melancholisch die Trauer und die Gefühle ihrer Charaktere. Die als relativ friedlich bekannte Heian-Zeit (Japan 794-1192) spiegelt das relativ offene Verhältnis am Hofe gut wieder. Der Kaiser wird nicht als machtgieriger Herrscher beschrieben der seine Untertanen schikaniert. Im Gegenteil. So stellt ihn die Autorin als eine eher zerbrechliche, ja sogar mitfühlende Person dar. Auf eine feine art beschreibt Murasaki Shikibu im Prolog die bezaubernde Szenerie und versetzt viele Abschnitte mit kleinen Gedichten, die alle einen tieferen Sinn haben: <<Nimmer endend, wie der Grillen Stimmen bis zur Erschöpfung klagen, fließen in dieser Herbsnacht mir, ach, die Tränen herab.>> <<Auf das Schilfgras, das die Klage unzähliger Insekten erfüllt, fällt noch, Botin des Himmels, der Tau eurer Tränen herab!>> Genji Monogatari, 1. Kapitel - Kiritsubo Lesen sich altertümliche Werke wie Homers Odyssee oder Vergils Aeneis schwer verständlich und auch ein wenig kratzig, so gleitet, um es mal zu vergleichen, die Geschichte vom Prinzen Genji förmlich über Wolken. Die Mischung aus Prosa und kleinen Gedichten machten Murasaki Shikibus Werk Seinerzeit einzigartig. Auch wenn die Behauptung bis Heute umstritten ist, so gilt „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ bei vielen Experten als erster Roman der Weltliteratur. Die Genji Monogatari genießt bis Heute in Japan noch ein hohes Ansehen. Ob Theaterstücke, Manga oder sogar eine groß angelegte Kinoproduktion. Aber auch in westlichen Gefilden wurde Murasaki Shikibus Roman schnell ein Klassiker. Zum einen könnte das daran liegen, dass man einen schnellen Zugang zu den Charakteren findet. Natürlich sind die vielen Namen und Begriffe erstmal eine Herausforderung. Aber dank der wunderschönen Übersetzung des leider mittlerweile verstorbenen Japanologen Oscar Benl (der übrigens, ebenfalls im Buch enthalten, ein höchst informatives Vorwort gehalten hat) verliert man nie den Faden. Fußnoten hat der Übersetzer ebenfalls gesetzt, benutzt sie aber nur bei wirklich sehr unbekannten Begriffen. Der Leser wird also nicht durch ständige Erklärungen aus der Geschichte geworfen und kann die mystische Welt des alten Japans ganz für sich erkunden. Selbstverständlich muss man besonders bei einem solch alten Werk bedenken, dass eine absolut originalgetreue Übersetzung wohl kaum möglich ist. Die komplizierte Handschrift zu entziffern war auch lange in Japan selbst ein Problem und das Werk wurde erst zugänglicher als die japanische Autorin und Frauenrechtlerin Akiko Yosano die Genji Monogatari in die Moderne japanische Sprache adaptiert hat. Ist die Geschichte nicht schon umfangreich genug und lädt zu Interpretationen ein, so besteht seit Ewigkeiten bereits die Debatte, ob die Hofdame Shikibu die alleinige Autorin des Genji Monogatari ist. So gehen viele Meinungen umher, dass die Autorin selbst nur eine bereits begonnene Geschichte fortgeführt hat. Da das Leben von Murasaki Shikibu irgendwann nicht mehr dokumentiert wurde, oder jene Dokumente nicht mehr aufzufinden sind, gibt es keine sicheren Beweise das sie tatsächlich auch den kompletten Roman alleine verfasst hat. So ging besonders Akiko Yosano davon aus, dass die Kapitel 35-54 von Murasaki Shikibus Tochter Daini no Sanmi fortgeführt wurden. Ebenfalls ist es bis Heute ungeklärt ob das relativ offene Ende der Geschichte so beabsichtigt war, oder eine Fortsetzung geplant war die noch weit über den Tod des Protagonisten hinaus weitererzählt werden sollte. Obwohl es bestimmt spannend wäre, all diese Fragen zu klären, bin ich sehr froh darüber das diese Mysterien bisher noch nicht aufgeklärt wurden. Informationen zur deutschen Ausgabe: Wer mehr über die fantastische Ausgabe vom Manesse Verlag erfahren will, auf "Am Meer ist es wärmer" gibt es auch eine ausführliche Präsentation zu der Neuauflage. Die komplett ungekürzte deutsche Ausgabe von Manesse ist als zweibändige Hardcover-Ausgabe im japanischen Leinen Design in einem stabilen Pappschuber erschienen. Das Design des Pappschubers basiert übrigens, falls es nicht sofort ins Auge fällt, auf eine der Original Schriftrollen aus dem Zwölften Jahrhundert. Resümee Ein wenig Zeit, und, noch viel wichtiger, eine gewisse Leidenschaft zur japanischen Kultur sollte man mitbringen, bevor man sich dieses große Werk der Weltliteratur vornimmt. Die tragische Geschichte vom Prinzen Genji überzeugt, trotz ihrer 1000 Jahre alten Vergangenheit, durch intensiv ausgebaute Charaktere, einer malerischen Fantasie und viel Liebe zum Detail. Zwei dieser Eigenschaften braucht man zwar auch um einen Kuchen zu backen, in diesem Falle gilt dieses Rezept aber ausschließlich für die Literatur, die Murasaki Shikibu, eine Dame vom Hofe, hier abgeliefert hat. Mit einer wirklich flüssigen und mit interessanten Bemerkungen versehenen Übersetzung wird es dem Leser nicht schwer fallen, sich relativ schnell in diesen Klassiker hineinzuleben. Uns steht ein langer Winter bevor. Und an diesen kalten Abenden kann man es sich zusammen mit dem Prinzen Genji auf dem Sofa gemütlich machen. Am besten mit warmen Sake dazu und man fühlt sich ein wenig wie in dieser magischen Ära der Heian-Zeit.