Leserstimme zu
Neujahr

Frühe Traumata

Von: Travel Without Moving
23.11.2018

Henning, seine Frau Theresa und ihre beiden Kinder verbringen die Weihnachtstage und den Jahreswechsel auf Lanzarote. Henning, der von Panikattacken geplagt wird und der nicht recht zufrieden mit seinem Leben ist, hat sich vorgenommen, mehr Rad zu fahren und macht sich deshalb am Neujahrstag auf den Weg zum Pass von Fermés. Am Pass drängen sich plötzlich lange in Vergessenheit geratene Erinnerungen auf: Henning kennt den Ort, obwohl er sich anfangs nicht explizit daran erinnern kann, doch er reagiert sofort sehr emotional auf das Dorf und die Umgebung. Nach und nach kehren die Erinnerungen an seine frühe Kindheit zurück, und er denkt an die traumatischen Ereignisse, die er bisher verdrängt hat, die aber sein gesamtes Leben geprägt haben. So richtig anfreunden kann ich mich nicht mit Juli Zehs Schreib- und Erzählstil. Am besten fand ich bisher ihren Roman ‚Unterleuten‘, aber auch dieses Buch war mir oft zu schwafelig und stellenweise zu bemüht intellektuell. Wenn ich Zeh lese oder höre, ertappe ich mich immer dabei, dass ich mit meinen Gedanken abschweife, querlese oder weghöre. Und so war das auch bei ‚Neujahr‘, obwohl ich zugeben muss, dass ich den Roman im Verlauf ganz fesselnd fand, lediglich der Einstieg hat es mir nicht gerade leicht gemacht, begeistert zu lauschen und auf die Geschichte gespannt zu sein. Die Beschreibung von Hennings Panikstörung mit den Symptomen, den Gedanken und den Gefühlen, die damit verbunden sind, fand ich durchaus überzeugend. Zeh zeigt hier den Teufelskreis der Angst und wie stark Henning dieser ausgeliefert ist, wie sie sein Leben dominiert. Allerdings empfand ich den Zusammenhang mit den Kindheitserinnerungen ein wenig an den Haaren herbeigezogen, und auch die Auflösung der Geschichte und damit von Hennings Konflikt empfand ich als wenig nachvollziehbar und wenig gelungen. Im Verlauf ist der Roman – wie bereits erwähnt - deutlich spannender, als ich es anfangs erwartet hatte, und er ist stellenweise so unheilschwanger und so packend, dass ich keine Hörpause machen wollte, aber er ist meiner Meinung nach auch extrem überkonstruiert und dadurch wenig realistisch. Florian Lukas liest den Roman angenehm und auf passende Weise. Zwar finde ich seine Stimme wenig markant, doch das fügt sich meines Erachtens sehr gut in den Roman ein, der auch eher unspektakulär und durchschnittlich ist.