Leserstimme zu
Ich gebe dir die Sonne

Am Anfang schwierig, letztendlich wunderschön

Von: verlorenimbuecherregal
09.12.2018

Am Anfang sind Jude und ihr Zwillingsbruder Noah unzertrennlich. Noah malt ununterbrochen und verliebt sich Hals über Kopf in den neuen, faszinierenden Jungen von nebenan, während Draufgängerin Jude knallroten Lippenstift entdeckt, in ihrer Freizeit Kopfsprünge von den Klippen macht und für zwei redet. Ein paar Jahre später sprechen die Zwillinge kaum ein Wort miteinander. Etwas ist passiert, das die beiden auf unterschiedliche Art verändert und ihre Welt zerstört hat. Doch dann trifft Jude einen wilden, unwiderstehlichen Jungen und einen geheimnisvollen, charismatischen Künstler... Am Anfang war ich relativ skeptisch, da ich sehr hohe Erwartungen an dieses Buch hatte, aber nicht ganz warm mit Noah und Jude, bzw. dem ganzen Setting geworden bin. Bis ca. Seite 100 war ich mir unschlüssig, ob ich das Buch abbrechen soll – letztendlich bin ich aber froh, es durchgezogen zu haben. Noah und Jude werden so intensiv portraitiert, ihre Emotionen so echt dargestellt, dass ich, als sehr empathische Person, immer mit den beiden mitgefühlt habe, und ich schlussendlich doch in ihren Bann gezogen werden konnte. Am Anfang verwirrt hat mich die eingeführte Übernatürlichkeit, da ich mit einem komplett bodenständigen, realitätsnahem Buch ohne Fantasyanteil gerechnet hatte – aber das hat sich bald aufgeklärt. Die Geschichte wird in Zeitsprüngen aus Noahs und Judes Sicht abwechselnd erzählt, was das Buch sehr interessant gemacht hat – und die Kapitel mit fiesen Cliffhangern enden hat lassen. Neben normalen Teenagerproblemen, Noahs Selbstfindungsanläufe hin zu seinem Coming Out und Jude als sich ausprobierende, Grenzen testendes, wagemutiges Mädchen, erzählt diese Geschichte vom Erwachsenwerden auf sehr künstlerische Weise, da beide die Kunst im Blut zu haben scheinen. Auch Kunstwerke werden so philosophisch anmutig geschildert, dass man sich ohne viel Ahnung von Kunst zu haben, oder die Werke zu sehen, direkt in diese Kunst verliebt, was es für mich sehr besonders gemacht hat, da ich so etwas bisher noch nicht gelesen habe und generell wenig künstlerisches Interesse, geschweige denn, eine Begabung in dieser Richtung aufweise. Judes und Noahs Schicksale verweben sich so wunderschön miteinander, nach der Distanz, die die beiden Charaktere mit steigendem Alter aufgebaut haben, wirkt das unfassbar leichtfüßig und fast schwebend. Auch erfährt man so durch die einzelnen Fetzen erst gegen Ende die ganze Geschichte und die ganzen Beweggründe, sodass es dann nochmal einen „Erleuchtungspunkt“ gibt. Das hat dieses Buch, trotz meiner anfänglichen Schwierigkeiten damit, so besonders gemacht, dass ich es definitiv (auch wegen der tollen Verarbeitung des wichtigen Themas Homosexualität) weiter empfehle und 7,5/10 Punkte vergebe. Titel: Ich gebe dir die Sonne Autor: Jandy Nelson Verlag: cbj Preis: 9,99€/17,99€