Leserstimme zu
Weiß der Himmel ...?

Ein Buch, eine Einladung

Von: Mario Keipert
17.01.2019

Prüfers Töchter zählte im letzten Jahr zu meinen Lieblingskolumnen: Es handelt sich dabei um die Art Text, wegen dem man eine Zeitung nicht nur nahezu widerstandlos kauft, sondern wegen dem man dann genau weiß, wo die Zeitung – in diesem Fall das ZEIT Magazin – als erstes aufzuschlagen ist. Jede Woche schreibt Tillmann Prüfer im hintersten Drittel des Magazins (und dankenswerterweise auch online) eine Seite über eine seiner Töchter, unterhaltsam, pointiert und mit der Prise Aberwitz, die das Leben mit Kindern wie kaum etwas anderes jederzeit bereithält. So schafft es der Autor, dass man die eigenen Kinder erleichtert wiedererkennt. Dann kann es ja so außergewöhnlich schlimm nicht sein, wenn andere Väter dieselben Geschichten, nur besser formuliert, erzählen können. Ich brauchte 30 Seiten in Weiß der Himmel...?, bis ich realisierte, dass es sich bei dem Autor, der nach dem frühen Tod eines Freundes "über die Frage nach Leben und Tod stolpert", um eben jenen Kolumnisten aus dem ZEIT Magazin handelt. Auch hier gelingt es ihm, auf sehr persönliche Art von Erfahrungen zu erzählen, die andere vielleicht auf ganz ähnliche Weise gemacht haben. Erschüttert vom Tod des Freundes, "stolpert" Prüfer an einem Sonntagmorgen in eine Berliner Kirche. Die kleine Gemeinschaft, die festen, auf den ersten Blick kaum verständlichen Ritualen folgt, die Kraft der Musik, die Unvollkommenheit des Settings, die eigene Verunsicherung bei gleichzeitiger Sympathie – bei der Schilderung dieses ersten, unbeholfenen Kirchgangs sah ich mich daran erinnert, wie ich selbst in die Kirche am Zwickauer Stadtrand stolperte, in einem Herbst vor wenigen Jahren erst, das im Wagen schlafende Neugeborene als Wegweiser und Alibi. "Warum fällt glauben vielen Menschen meiner Generation so schwer?" Prüfers weitere Stationen: ein Kloster im Südtirol, das nachhaltige Irritationen bereithält, und eine eher ernüchternde Reise nach Israel. Ernüchternd, bis Prüfer in der Grabeskirche vor dem Schrein steht, der Jesu Grab darstellen soll. Immer wieder kehrt er in die Gemeinde zurück, in der er sich zunächst so fremd gefühlt hat, arbeitet schon bald im Gemeinderat (in Sachsen Kirchenvorstand genannt) mit. An einem Pfingstmontag hält er in einer Hamburger Kirche einen Vortrag darüber, dass Glaube und Zweifel für ihn zusammenhängen. "In Berlin, der Stadt, in der die Kirchen leer sind, gibt es einen boomenden Markt an geistlichen Angeboten. ... Spiritualität ist hier eine Handelsware," so Prüfers Beobachtung. Selbst zunehmend Stammgast in einer dieser leeren Kirchen, fragt er sich: Wieso sollte einem der christliche Glauben näher sein als gegenwärtige spirituelle Trends, Religionen ohne Gott, Naturreligionen? Wie soll man glauben, wo man doch so viel zu wissen glaubt? Führt Glaube ohne Zweifel in religiösen Fundamentalismus? Und welche Rolle spielt eine Gemeinde, um zum Glauben zu finden? "Wie soll man glauben, ohne gleichzeitig ein kompletter Idiot zu sein?" Die Antwort, oder vielmehr die Arbeitshypothese, die er findet, lautet: "Religion ist keine spirituelle Kraft, die über uns schwebt, und auch keine feste Überzeugung. Sie ist das, was uns mit anderen Menschen verbindet."