Leserstimme zu
Ismael

Die Entwicklung unserer Gesellschaft aus einem anderem Blickwinkel

Von: Weltenwanderer
25.01.2019

Ich hab das Buch vor über 20 Jahren zum ersten Mal gelesen, da war ich Anfang 20. Es hat damals mein komplettes Weltbild verändert und ja, auch mein Leben. Durch die völlig andere Perspektive, die man hier auf die Entwicklung der Menschheitsgeschichte bekommt, hat sich meine Sicht auf viele Dinge sehr verändert. Heute, beim nochmal lesen, war ich wirklich erstaunt wie viele Dinge sich in mein Gedächtnis gebrannt haben - teils im Unterbewusstsein, teils aber auch an der Oberfläche. Wenn man dieses Buch liest, muss man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber die Essenz, die dabei durchsickert, öffnet eine Tür (danke an Melanie für diesen schönen Vergleich), die man danach wohl nie mehr wieder ganz schließen kann. Worum gehts überhaupt? Der Klappentext erscheint mir sehr nichtssagend für das, was das Buch aussagt, aber ja, es geht um einen Gorilla, der einem Menschen ein völlig anderes Weltbild erklärt und unsere Kultur ab absurdum führt. "Ihr seid die Gefangenen einer Zivilisation, die euch mehr oder weniger zwingt, die Welt zu zerstören, um zu leben." S. 29 Ist das so? Ich bin jemand, der schon immer alles in Frage gestellt hat. Ob es sich um die Politik handelt, die Regeln unserer Gesellschaft, die Nachrichten, egal um was es geht, ich nehme nicht alles einfach als Wahrheit hin, nur weil es öffentlich gesagt, getan oder propagiert wird. Ich denke, deshalb bin ich auch sehr empfänglich für die Botschaft, die Daniel Quinn hier an uns Menschen heranträgt, da ich diesen ständigen Konsum und das Prinzip der Wachstumsgesellschaft nie verstanden habe und bis heute auch nicht verinnerlichen kann. Doch nach welchen Regeln soll man Leben? Wie funktioniert eine Gesellschaft? Gibt es dafür eine allgemein gültige Definition? Viele verpachten für sich die Vorstellung, dass es eine "einzig wahre" Richtlinie gibt, d. h. alle Menschen sind gleich und sollten dann wohl auch alle mit den gleichen Mitteln glücklich und zufrieden leben können. Plädieren wir aber nicht dafür, dass jeder das Recht hat, so zu leben, wie es ihm gut und wovon er überzeugt ist? Hat nicht jeder das Recht, seinen eigenen (Lebens)Weg zu finden? Unsere Kultur ist einige tausend Jahre alt. Sie begründet sich auf der Ansicht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist und sich jedes Recht herausnehmen kann, die Erde und damit alles Leben zu beherrschen, um selbst überleben zu können. Der "Mensch" lebt allerdings schon 30.000 Jahre (oder länger?) - er hat also zuvor schon 20.000 Jahre gelebt, überlebt, ohne das Bedürfnis, sich auszubreiten und damit jede Lebensgrundlage für die kommenden Generationen zu zerstören. Schaut man sich die wenigen, übrig gebliebenen Naturvölker an, die irgendwo in den entlegenden Winkeln der Welt im Einklang mit der Natur leben, kann man sehr gut sehen, wie es funktionieren könnte. Und doch zwingen wir ihnen unseren Lebensstil auf, weil es "besser", "priviligierter" und "zivilisierter" ist - dabei zerstören wir die letzten Möglichkeiten, die Erfahrungen zu lernen, die diese Völker seit Jahrtausenden zum Überleben kultiviert haben. Was wir primitiv nennen ist eine Lebensphilosophie mit dem Urvertrauen in das Leben selbst - die Zivilisation ist der Weg, der auf primitive Mittel zurückgreift: nämlich zerstören, um zu überleben. 30.000 Jahre also haben Menschen mit ihrer Kultur überlebt, ohne die Erde oder auch nur ihr Umfeld so zu zerstören, dass es die Natur negativ beeinflusst. Das alles wird uns als "falsch" eingeimpft und so zwingen wir sie in unser Denkschema von Glauben, Kultur und Wachstum, alleine weil wir glauben, dass unsere Lebensweise besser ist, obwohl wir sehen, dass wir in der kurzen Zeit unserer "Kultur-Revolution" unser Vertrauen verloren haben. Das Vertrauen, das alles, was passiert, als Wegweiser angenommen werden kann. Immer getrieben von der beständigen Angst, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Diese Überheblichkeit wird uns irgendwann zu Fall bringen und macht mich einfach nur traurig. Denn wenn man auch nicht alles für bare Münze nehmen muss, was Daniel Quinn hier erzählt, spüre ich sehr wohl das Gefängnis, in dem ich gezwungen bin zu leben. Natürlich höre ich hier immer wieder Stimmen: dann mach einen auf Aussteiger! Aber ja, auch ich trage Ängste in mir und Gewohntes aufzugeben ist kein leichter Schritt, wie sehr es mich auch drängt - vor allem: wo kann man denn mittlerweile noch hin? Natürlich gäbe es Wege, aber auch ich habe mich weiterentwickelt und mich mit vielen Dingen und Gefühlen arrangiert. Deshalb spüre ich auch die Hoffnung, mein eigenes Vertrauen wieder wachsen zu lassen und die Welt mit offenen Augen zu sehen. Mich zugehörig zu fühlen mit allen anderen Lebewesen auf dieser Erde, die in einer wunderbaren Symbiose existieren und sich darauf verlassen, dass die Natur das weiter- und überleben von selbst regelt. Nicht morgen, sondern heute lebe ich und alles was kommt, liegt nicht in meiner Hand. Wir sind keine "Götter", die darüber zu entscheiden haben, sondern diejenigen die dankbar sein sollten für jeden Moment, den das Leben uns schenkt. Das alles sind Gedanken, die der Autor beim Lesen in mir ausgelöst hat. Nicht jeder mag sich damit anfreunden können, aber um einmal eine andere Sichtweise zu gewinnen, sich neue Inspirationen zu holen, sollte man sich ruhig trauen und sich auf dieses neue alte Terrain wagen.