Leserstimme zu
Des Lebens fünfter Akt

Was Liebe nützt, auch wenn sie manchmal nicht ausreicht, großartiger Roman über Arthur Schnitzler

Von: Stephanie Schuster
10.02.2019

Beim Erobern der Schriftsteller der klassischen Moderne bin ich immer wieder auf den Wiener Arthur Schnitzler gestoßen. Entweder werden seine Stoffe als Vorlage für Filme verwendet (Traumnovelle für z. B. Eyes Wide Shut) oder er wird bei anderen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts erwähnt. Bis ich endlich selbst etwas von ihm las und erstaunt war, wie „modern“ und damit zeitlos Schnitzler schreibt und welch grandioser Beobachter er ist. Seine Figuren handeln, sind in ihrem Umfeld verankert, es gibt keine belehrenden Passagen, sondern spannende Geschichten von interessanten Menschen. Darum wurde ich sehr neugierig, als ich von Volker Hages neuem Roman hörte, der innerhalb Schnitzlers letzten drei Lebensjahre spielt. Hage ist nicht nur Literaturkritiker und hat über berühmte Autoren geschrieben, er beschäftigte sich auch mit der Literatur im zweiten Weltkrieg (in seinem Werk: „Die Literaten und der Luftkrieg“), und dies ist nun sein zweiter Roman. Hier schreibt also jemand, der durchdrungen von Literatur ist, der die Zeit in der Arthur Schnitzler lebte von mehreren Seiten betrachtet hat. Zusätzlich konnte er für dieses Buch erstmals die Tagebücher von Schnitzlers Tochter verwenden, was einen wichtigen Teil des Romans ausmacht. Schnitzler war ein akribischer Tagebuchschreiber und verfügte, dass man sie nach seinem Tod unverändert und komplett veröffentlicht. Darum sind sie heute als zehnbändige Reihe mit fast fünftausend Seiten zu haben. Aber nun zu Hages Roman: Er berührt von der ersten Seite an, durch seine feinfühlige, klare Sprache sind wir Leser sofort dicht an Arthur Schnitzlers Seite und erleben wie er vom Selbstmord seiner Tochter erfährt. Erst hält der Sechsundsechzigjährige es noch für einen Unfall, die Achtzehnjährige war doch so glücklich verheiratet in Venedig. Was war passiert? Also macht er sich mit seiner Exfrau Olga auf die Reise und schottet sich danach nach außen hin ab, um sich innerlich mit den Tagebüchern seiner Tochter auseinanderzusetzen. Gab es Anzeichen für eine Depression? Wie sehr war er als Schriftsteller-Vater Vorbild für sein Kind? Mit wenigen Sätzen fängt Hage sehr gekonnt mehrere Leben ein. Wie weiterleben und dem Alter mit seinen zunehmenden Einschränkungen, aber auch den Angehörigen gerecht werden, nach so einem Schicksalsschlag? Schnitzler bleiben die Frauen, die Geliebten, die Ehefrauen und auch der Sohn, aber kann er ihnen noch gerecht werden, jetzt, nachdem Lili tot ist? Die Tagebücher und die Briefe helfen ihm dabei, seine Erinnerungen aufzufrischen und zugleich zu bewahren. Aber: „Was nützte all seine Liebe, wenn sie nicht ausgereicht hat?“ (Zitat S. 54) Dazu kommt, dass er als Jude zunehmender Feindlichkeit in Wien ausgesetzt ist, als der Antisemitismus in den 20er und 30er Jahren auch in Österreich Politik wird. Ein großartiges Buch, dass Einblick in die Seele eines bedeutenden Künstlers gibt, dank Volker Hage erleben wir, wie Kreativität aus Liebe entsteht mit all seinen Schatten und Lichtseiten. Im Abspann werden die agierenden Personen aus Schnitzlers Umfeld ausführlich vorgestellt. Das bereichert und lädt ein, Arthur Schnitzler zu lesen.