Leserstimme zu
Parceval - Seine Jagd beginnt

Retter oder Bösewicht? Oder beides?

Von: Laberladen Blog
16.02.2019

Darum geht's: Weil er 15 Menschen ermordet hat, sitzt der ehemalige Polizist Ralf Parceval in Berlin im Gefängnis. Der Polizeichef traut ihm eine Skrupellosigkeit zu, die er sich selbst als Staatsdiener nicht erlauben kann, und holt Parceval heimlich aus dem Knast. Er soll einen Mann mit allen Mitteln verhören, der ein junges Mädchen, die Tochter eines Bauunternehmers, entführt hat und eisern darüber schweigt, wo sich sein Opfer befindet. Dabei ist das ein Spiel gegen die Zeit - das Mädchen muss schnell gefunden werden, damit man es noch lebend entdeckt. So fand ich's: Schon der Einstieg war filmreif und hat das Kopfkino gleich auf volle Touren gebracht. Der dicke BMW, der auf vier geplatzten Reifen nachts einsam auf dem Flughafengelände des BER steht und den zwei Wachleute misstrauisch umschleichen. Um dann entsetzt festzustellen, dass der Innenraum voller Zement ist und der Fahrer noch auf seinem Sitz befindlich darin zerquetscht wurde. Ab da geht es weiter ohne ruhigere Passagen, denn die Handlung wird Szene für Szene vorangetrieben und lässt einen nicht mehr los. Die Kapitel sind kurz und verführen dazu, noch eines und noch eines und dann schnell dieses auch noch zu lesen. Und Parcevals Geschichte an sich tut ihren Teil dazu, denn erst versucht er, so schnell wie möglich das entführte Kind zu finden und dann, als er durch die vorübergehende Freiheit seine Chance sieht, der lebenslangen Gefängnishaft zu entkommen, ist er ständig auf der Flucht und getrieben von nur einem Gedanken, der sein ganzes Leben bestimmt. So ganz logisch geht es nicht immer zu bei diesem ersten Band einer neuen Thriller-Reihe. Man darf nicht allzu viel darüber nachdenken, wie wahrscheinlich es ist, was da passiert und ob der Zufall da nicht einmal zu oft zur Hilfe genommen wurde. Egal, denn der Focus liegt hier auf flotter Spannung und aufregender Action, die mich definitiv mitgerissen und mit astreinem Popcorn-Kopfkino wunderbar unterhalten haben. Und auf Parceval. Die Bösen sind böse und die Guten sind gut in diesem Buch, ganz eindeutig und schnell identifizierbar. Nur Parceval (und Ksenia) stehen dazwischen. Parceval hat einen Massenmord begangen und wurde dafür rechtskräftig verurteilt. Doch wir erfahren - in vielen kurzen Rückblenden ziemlich eindringlich - seine Gründe dafür und man entwickelt ein gewisses Verständnis für seine Taten. Ein Held mit reiner Weste ist er dennoch nicht. Er setzt Gewalt ein, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Er hat seine ganz eigenen Moralvorstellungen und auch wenn er einem als Rächer derjenigen, die sich nicht selbst helfen können, in manchen Situationen durchaus sympathisch ist, geht er doch oft einen ungesetzlichen und für viele damit auch immer falschen Weg. Auch wenn das Thema nicht lang und breit philosophisch betrachtet wird, schwingt durch den ganzen Roman doch immer die Frage, wie weit man mit seinem Sinn für Gerechtigkeit, in seinem Rachedurst und beim Schutz Unschuldiger gehen darf. Parceval tut, was sein Gewissen ihm vorgibt und ist damit Held und Antiheld in einer Person. Mir hätte es gut gefallen, wenn sich dieser Aspekt auch bei anderen Figuren des Romans mehr widergespiegelt hätte, doch der Figur Parceval hat seine Art, Vorgaben von außen zu ignorieren und sich nur auf seinen eigenen inneren Morlkompass zu verlassen, ein interessantes Flair verliehen. Natürlich frage ich mich, welcher Autor sich hinter dem Pseudonym Chris Landow verbirgt. Aber egal, wer diesen spannenden Baller-Film für's innere Auge geschrieben hat, er hat es spannend und unterhaltsam getan und dafür gesorgt, dass ich das Buch quasi in einem Rutsch durchgelesen habe.