Leserstimme zu
Mit Schreiben zu neuer Lebenskraft

Am Anfang ist das Wort

Von: Sabine Heine aus Wedemark
28.02.2019

"Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll..." - "Ich habe Angst vor dem, was da hochkommt..." - "Ich traue mir das gar nicht zu..." Da können sie helfen, die beiden Autorinnen des Buches "Mit Schreiben zur Lebenskraft", eines Übungsbuches für Frauen, die an Krebs erkrankt sind. Susanne Diehm und Jutta Michaud sind beide erfahrene Schreib-, Kunst- und Kreativitätstherapeutinnen und kennen den Ausnahmezustand, in den die Diagnose Krebs die Betroffenen versetzt. Die Autorinnen wissen, dass diese Erkrankung nicht auf ein Organ oder einen Körperteil begrenzt ist, sondern alle Lebensbereiche umfasst. Dazu reden Ärzte, Therapeuten, Partner, Familie und Freunde auf die Patientin ein: Was sie tun, was sie lassen, worauf sie sich einstellen und was sie alles aushalten muss: Ein einziges Stimmengewirr, und sobald man allein ist, summt es im eigenen Kopf weiter. Diehm und Michaud leiten in ihrem Buch behutsam dazu an, aus diesem vielstimmigen Chor die eigene Stimme herauszuhören und zu Wort kommen zu lassen. Sie machen eine Reihe von Vorschlägen, die nicht im Ton von "Sie machen jetzt mal Folgendes..." daherkommen, sondern freundlich, taktvoll und originell Wege zeigen, wie man sich seiner selbst in einer Zeit größter Verunsicherung vergewissern kann: Heilung durch Selbstvergewisserung. Die Autorinnen machen zahlreiche Angebote, die sich für alle Patientinnen eignen, unabhängig von Talent oder Vorerfahrung. Die Vision ist, sich im eigenen Schreiben zu spiegeln und ein stärkendes, positives Bild von sich zu bekommen. Normalerweise sind schriftliche Äußerungen auf praktischen Nutzen, auf Leistung oder Gefallen ausgerichtet. Sie sollen von anderen gelesen werden. Diese Regeln sind hier außer Kraft gesetzt, damit andere Kräfte frei werden können. Der Schreibprozess ist ein Wert an sich. Hier ist die Patientin ihre eigene Adressatin für die schlimmsten und schönsten Geheimnisse. Alle Schreibanregungen sind darauf ausgerichtet, sich dem Negativen zwar zu stellen, dabei aber Positives ans Licht zu holen. Sobald man sich an die Aufgabe macht, z.B. den perfekten Tag für sich zu entwerfen, sich selbst als kostbaren Gegenstand zu beschreiben oder zu notieren, was einem einfällt zu "Schwierigkeiten, die ich erfolgreich bewältigt habe", sind Geist und Seele auf ein Ziel gerichtet, gute Gedanken werden verstärkt, und was nicht zur aktuellen Aufgabe passt, wird weggefiltert. Auch wer Pop, Poesie oder Märchen mag oder mit Methoden wie Mind-Maps mehr anfangen kann, wird bei Diehm und Michaud Anregungen finden. Die Übungen vergleicht Jutta Michaud mit dem Öffnen von "Türen und Fenster(n) zum Selbst, zu unseren Herzen und denen der Menschen, die uns wichtig sind"(S.65). Zur Öffnung der Fenster nach innen regen auch die Bilder der Illustratorin und Ärztin Adak Pirmorady-Sehouli an. Sie lockern die Schreibanleitungen mit ihrer kraftvollen Farbigkeit auf und lassen mit ihrer Abstraktheit Raum genug für eigene Interpretationen. Dass die Autorinnen den Kreis der Betroffenen noch um weitere wichtige Menschen erweitern, nämlich Angehörige und andere Personen, mit denen man sich verbunden fühlt oder verbünden möchte, ist ein weiterer Pluspunkt des Buches. Auch Familie und Freunde sind oft in hohem Maße verunsichert. Das Ungeheuer Krebs bewohnt auch ihre Welt und ernährt sich von ihrer Lebenskraft. Bei Diehm und Michaud finden sich auch für sie Übungen, die allen Verletzten heilsame Wege aufzeigen können. Der erste Schritt ist der Griff zum Stift und zu einem Blatt Papier. Ganz einfach. Am Anfang ist das Wort, und damit kann eine heilende Welt entstehen.