Leserstimme zu
Jesolo

Individuelle Lebensplanung contra gesellschaftliche Erwartungen

Von: Annette Traks
26.03.2019

Andrea (26) ging noch zur Schule, als Georg und sie sich vor 10 Jahren verliebten und ein Paar wurden. Bei allen wichtigen Ereignissen war er seitdem dabei, zusammen sind sie erwachsen geworden, kennen sich mittlerweile in- und auswendig und bilden für ihre Mitmenschen eine untrennbare Einheit. Im Gegensatz zu Georg möchte Andrea, die als Grafikerin arbeitet, (noch) keine Kinder, ebenso wenig will sie zu ihm ziehen - er hat eine Wohnung im Haus seiner Eltern. Als beide wie jedes Jahr in Jesolo an der italienischen Adria Urlaub machen, registriert Andrea, dass sich ihre Beziehung verändert hat. Denn sie erkennt, dass viel zwischen ihnen steht, sie sich besonders in ihrem ganz unterschiedlichen Alltag oft aus dem Blick verlieren, vieles lediglich reine Gewohnheit ist. Mehr noch: Sie hat sogar den Eindruck, dass sie und Georg sich fremd geworden sind und nur noch die Fassade eines glücklichen Paares bilden. Zu ihrem Schreck ist Andrea nach dem Urlaub schwanger. Im Gegensatz zu ihrer Umwelt ist dies für sie aber kein Grund zur Freude. Nach langen inneren Kämpfen entschließt sie sich jedoch, das Kind zu bekommen. Aber damit beginnt der Weg in ein Leben, das sie nie führen wollte: Sie willigt ein, zu Georg ins am Waldrand gelegene Haus seiner Eltern zu ziehen, sie nehmen einen Kredit auf und bauen die Wohnung weitestgehend nach seinen Vorstellungen um. Bei der Möblierung bringt sich seine Mutter stark ein. Den vielen gut gemeinten Ratschlägen ihrer Mitmenschen kann die Schwangere nicht entkommen und muss der Rolle einer werdenden Mutter gerecht werden, die ihr gar nicht liegt. Das Paar fügt sich in die Dorfgemeinschaft ein, fällt nicht auf, denn in ihrem neuen Alltag hat alles und jeder seinen Platz. Resümee: Andrea hält in der Du-Form einen inneren Monolog mit ihrem langjährigen Partner Georg. Dadurch wird nicht nur das Persönliche der Handlung, d.h. das individuelle Schicksal betont, sondern sie erhält auch einen emotionalen Anstrich. So fällt es dem Leser leicht, sich bzgl. Beziehung, Liebe, Muttersein, Familie in die Gedanken- und Gefühlswelt der 26-Jährigen hineinzuversetzen, sie nachzuvollziehen und zu verstehen. Beschrieben werden 10 Monate im Leben einer unabhängigen jungen Frau, die durch ihre ungewollte Schwangerschaft immer mehr in ein festgefügtes familiäres und soziales Schema gepresst wird. Die Handlung • beginnt mit dem Urlaub im italienischen Jesolo, in dem Andrea einiges in Bezug auf ihre Beziehung erkennt, • führt über die Schwangerschaft, in der sie einen Kompromiss nach dem anderen eingeht, • bis zur Geburt. Mit ihr endet der Roman sehr plötzlich und lässt viele Fragen offen. Andreas Wünsche und Vorstellungen von ihrer Zukunft decken sich nicht nur nicht mit denen ihres Partners, sondern stehen auch im Gegensatz zu gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Rollen: In ihrem Alter sollte man an Heirat und das Gründen einer Familie denken, sich auf ein Kind freuen und schließlich in der Mutterrolle aufgehen. An Andreas Beispiel zeigt die Autorin, wie schwierig bis unmöglich es heute immer noch ist, sich angesichts des familiären und sozialen Drucks als Individuum zu behaupten - zumal wenn der Partner andere Vorstellungen von der gemeinsamen Zukunft hat. Sich gut gemeinten Ratschlägen, der familiären Fürsorge und Vereinnahmung sowie den gesellschaftlich tradierten Normen zu entziehen, ist oft nicht zu schaffen. Auch Andrea hält dem Druck nicht stand, geht einen Kompromiss nach dem anderen ein, passt sich an, gibt damit immer mehr von dem auf, was sie selbst möchte, und existiert irgendwann nicht mehr als Individuum. Buchtitel und -cover verdeutlichen dies: Letzteres zeigt eine unendliche Reihe von einheitlich gestalteten Sonnenschirmen und -liegen am Strand (möglicherweise von Jesolo, wo der Roman beginnt). Sie stehen alle sorgfältig in Reih' und Glied - ein Ausscheren aus der Ordnung würde das harmonische Bild zerstören. Alles ist letztlich auf die Frage zugespitzt, wieviel Freiheit man bereit ist aufzugeben für ein sogenanntes sicheres und familiär sowie gesellschaftlich wohlgefälliges Leben. Oder ist man bereit, dem Druck standzuhalten und zu kämpfen, um seinen eigenen Weg gehen zu können - und sei es zu dem Preis, ein relativ sicheres familiäres und gesellschaftliches Netz aufzugeben und sich Repressalien auszusetzen? Steht am Ende dann das individuelle Glücklichsein? Diese Alternative wird von der Autorin allerdings nicht aufgezeigt, bestenfalls durch die Erwähnung von Andreas Mutter angedeutet. Fazit: Die am Beispiel von Andrea und Georg geschilderte Problematik kann auf viele Lebenssituationen übertragen werden: Es wird immer wieder Umstände geben, in denen individuelle Lebensentwürfe auf gesellschaftlich tradierte Normen, familiären und sozialen Druck oder Erwartungen von außen prallen. Der Betroffene steht dann vor der schwierigen Entscheidung, ob und inwieweit er Kompromisse eingeht, seine Ziele aufgibt oder zurückstellt.