Leserstimme zu
Das Sexleben siamesicher Zwillinge

Ungewöhnlich, hart und nix für schwache Nerven

Von: Alexandra (The Read Pack)
30.03.2015

Für Lucy Brennan ist Fitness mehr als ein Hobby oder Beruf, es ist Berufung und Passion. Lucy ist Fitnesstrainerin und sowohl auf ihre eigene Fitness obsessiv bedacht, als auch extrem im Umgang mit ihren Kunden. Bei einem zufälligen Zwischenfall bringt sie einen Amokläufer mit einem Fußkick zur Strecke, wird dabei gefilmt und ist plötzlich ein Star. Sie ist begehrt fürs Reality-TV und scheint am Ziel ihrer Träume. Als sich eine Zeugin des Vorfalls bei Lucy meldet (die stark übergewichtige, verträumte Künstlerin Lena) und trainiert werden möchte, entwickelt sich aus dieser beruflichen Beziehung ein harter Kampf zwischen zwei extremen Charakteren. Spätestens seit „Großer Bruder“ von Lionel Shriver hat mich die Thematik rund um Schlankheitswahn und Körperkult schwer beschäftigt. Ob äußere Fettschichten, im wahrsten Sinne des Wortes, schwerer wiegen, als innere Werte scheint eine absurde Frage. In einer auf Äußerlichkeiten fixierten Gesellschaft ist diese Frage leider häufig nicht so absurd. Wie Irvine Welsh dieses Thema aufarbeitet und vorstellt, hat mich neugierig gemacht. Dass es extrem werden würde, habe ich dabei schon geahnt. Schon der Titel ist krass und auch die Charaktere bergen großes Konfliktpotenzial. Wie hart aber auch spannend, mitreißend und anders diese Geschichte am Ende wirklich sein wird, habe ich aber kaum erwartet. Lucy und Lena sind zwei toll dargestellte Charaktere, die extremer und unterschiedlicher nicht sein könnten. Toll ist, dass in dieser Geschichte kein Charakter eindeutig „der Gute“ oder „der Böse“ ist. Beide haben ihre (extremen!) Schwächen, sind mal gemein und niederträchtig, mal fürsorglich und sympathisch. So inbrünstig ich Lucy für ihre abschätzige Meinung über Lena gehasst habe, so intensiv habe ich sie geliebt, wenn sie der schüchternen Künstlerin zur Seite stand. Und auch Lena ist nicht bloß ein pummeliges Unschuldslamm! Ein tolles Wechselbad der Gefühle und für mich absolut mitreißend. So kommt es auch, dass eine Geschichte, die an sich kaum große Entwicklung erwarten lässt zum absoluten Sog wird und immer mehr Spannung entwickelt. Die Charaktere tun, was man nun wirklich, wirklich nicht erwarten konnte, bringen immer neue Wendungen und Entwicklungen zustande. Dabei geht es ziemlich hart zur Sache. Lucy ist bisexuell und in der Tat eher freizügig, die Trainings der beiden Charaktere sind brutal. Dazu gibt’s eklige Szenen, Exkremente und jede Menge Gemeinheiten. Das Titelgebende „Sexleben siamesischer Zwillinge“ ist übrigens eine parallel entwickelte Hintergrundgeschichte, die beide Charaktere in den Medien verfolgen und die synchron zur Beziehung der Hauptfiguren Höhen, Tiefen und absurde Wendungen erlebt. Ich habe „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“ mit großer Begeisterung gelesen, war mal erschrocken über die expliziten und harten Szenen, aber immer fasziniert von der immer weiter eskalierenden Situation in der Geschichte. Das Buch ist nichts für schwache Nerven, aber ein ganz anderes Leseerlebnis und definitiv ein Experiment wert.