Leserstimme zu
Gott wohnt im Wedding

Gelungene Verknüpfung von fiktivem Roman mit Zeitgeschichte

Von: Waschbaerin
17.09.2020

Dass es sich bei dem Roman „Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer um keine leichte Lektüre handelt, war mir, nachdem ich die Inhaltsangabe sowie die Leseprobe gelesen hatte, sofort klar. Dies ist nicht nur ein Roman, sondern es wird auch deutsche Geschichte erzählt. Der Roman beginnt mit dem Bau eines Mehrfamilienhauses und schildert, welch buntes Völkchen in den folgenden Jahren unter seinem Dach beherbergt wird. Bereits der Baubeginn war mit vielen Problemen behaftet. Finanziell übernahmen sich nacheinander die unterschiedlichen Bauherrn und gingen pleite. Die Bauhelfer holte man sich aus der Schrippenkirche. Tagelöhner. Männer die dankbar waren für jeden Verdienst (S.87). Nach der Religion fragte niemand. Oder vielleicht hatte man auch nichts gegen Juden, von denen auch viele Kornhasen, also Obdachlose waren (S.88) Auf der Straße gab es eine ganz eigene Sprache. Wahrlich ein schwieriger Anfang. Doch das Haus stand später fest auf seinen Grundmauern. Überdauerte den schrecklichen Krieg, die vielen Menschen die dort ein- und auch wieder auszogen. Doch die Investoren der Neuzeit gaben ihm keine Chance. Der Wedding, ein Arbeiterviertel. Hierhin zieht es Leo Lehmann aus Israel, als er nach so vielen Jahren Deutschland einen Besuch abstattet, begleitet von seiner Enkelin Nira. Erbschaftsangelegenheiten müssen erledigt werden. Noch einmal will Leo dahin zurück, wo er aufwuchs und während des Krieges mit seinem Freund Manfred als U-Boot leben musste, damit sie in keinem KZ landen würden. Wir treffen auf Simon diese starke Persönlichkeit, der so mutig war und keine Angst zu haben schien den Unterdrückten zur Flucht zu verhelfen. Er, der den Krieg überlebte, aber später im Frieden keine Kraft mehr hatte weiter zu leben. Gerdrud, diese alte Dame, die ihr ganzes Leben in diesem Haus verbrachte, im Krieg Leo und Manfred immer wieder einen Schlafplatz überließ. Es sind schöne, als auch sehr traurige Erinnerungen, die Leo mit dem Leser teilt. Deutsche Geschichte eben, in ihrem Auf und Ab. Doch in dem Haus lebten viele Nationalitäten. Russinnen, die Flauschmäntel nähten und diese zurück ließen, als sie quasi über Nacht wieder verschwanden. Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern, Rumänen und dann Sinti und Roma, die bereits vor dem Krieg hier lebten und auch später wieder. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung von all den unterschiedlichsten Strömungen bei Sinti und Roma hatte. Sie hatten ihre deutschen Namen und dann ihre Rufnamen in ihrer eigene Sprache. Waren sie Deutsche, später Polen um dann wieder ausgebürgert zu werden um am Ende wieder die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Für den Leser sind diese Kapitel sowohl sehr verwirrend als auch informativ. Äußerst angetan war ich bei der Erwähnung von Django Reinhardt. Vielen Musikliebhabern ist er noch heute ein Begriff. So viele Personen mit all den Namen, den weitreichenden und verschlungenen familiären Verbindungen, die man beim Lesen kaum auseinanderhalten kann. Zwischendrin hat dieses Buch auch einige Längen, so dass ich dachte "nicht noch einen anderen Zweig der Familie erwähnen". Manchmal war es etwas überfrachtet. Und trotzdem zog mich dieses Buch so sehr in seinen Bann, dass ich es zeitweise - insbesondere gegen Ende - nicht mehr aus der Hand legen konnte. Liebe, Wut, Hass und Verrat sowie Gewalt und Erpressung ereigneten sich innerhalb der Mauern dieses Hauses! Ein großes Lob an die Autorin Regina Scheer. Für dieses Buch muss sie eine intensive Recherche betrieben haben. Nur so ist es zu erklären, dass ihr mit diesem Roman eine überzeugende Verknüpfung von Zeitgeschichte und fiktiver Handlung gelang.