Leserstimme zu
ALLES WAS ICH DIR GEBEN WILL

Hervorragender literarischer Thriller

Von: Michael Lehmann-Pape
24.04.2019

Zunächst scheint es so gut wie nichts zu sein, was Alfaro Manuel, der Hauptperson des Romans, noch zu geben hätte. Außer seinem Tod durch Unfall, wie es zunächst heißt. Doch dass da ein ganzes, geheimes Leben aus den letzten 2, 3 Jahren durch Alfaro verschwiegen wurde, dass er seinem Mann Manuel nichts vom Tod seines Vaters und von diesem umfassenden Erbe erzählt hat, dass trifft tief. Und es trifft, dass Manuel als Alleinerbe aufgeführt wird. Ein Erbe, dass er nicht will, an einem Ort, den er nicht mag, in einem inneren Zustand, in dem außer Wut und Trauer nichts mehr möglich ist. Und dazu noch diese Familie. Der aufbrausende Bruder. Der tote Bruder, die Blumenzüchtende Schwägerin, die eiskalte (perfekt getroffen von Redondo) Mutter seines verstorbenen Mannes, die junge Witwe des jüngsten Bruders mit ihrem Kind. Und es braucht nicht lange, da spürt Manuel, dass hinter all den Fassaden, hinter den jahrhundertalten Traditionen der Familie (die vor allem darin bestehen, alles, aber auch wirklich alles zu unternehmen, damit der „gute Name“ absolut unbefleckt erhalten bleibt) vieles nicht stimmt. Vieles im Verborgenen liegt und vielfache Interessen hinter den stolzen, teils hasserfüllten, teils gleichmütigen, teils freundlichen Gesichtern zu finden wären. Worin Manuel nicht zu wühlen gedenkt, bis dieser alternde Polizist, seit ein paar Tagen erst im Ruhestand und mit einer schwierigen Situation zu Hause bei Frau und Töchtern ihm unangenehm naherückt. Und Fragen aufwirft, die Manuel sich kaum gestellt hätte. Vielleicht ist aber auch dieser ziemlich hässliche Hund „Café“, der ihn innerlich zum bleiben bewegt. Oder der kleine Samuel, Neffe seines toten Mannes, der ihn sofort in sein Kinderherz geschlossen hat. Oder der Priester Lucas, Kinderfreund Alfaros, der mit offenem Herzen Geheimnisse kennt, von denen er selbst in vielerlei Hinsicht gar keine Ahnung hat, wie diese einzuordnen wären. Und es sind genau diese menschlichen Geschichten, die neben der ausgeklügelten „Todesfallgeschichte“ und der sorgsamen und wunderbaren Sprache Redondos den Reiz dieses Romans ausmachen. Was, selten bei Kriminalthrillern und Familiengeschichten (die hier in einem verwoben vorliegen und sich daher der Roman nicht einfach einem konkreten Genre zuordnen lässt), in keiner Form langweilt, wenn Redondo tief in die Hintergründe und die Lebensgeschichten einzelner Personen, vor allem Manuels, eintaucht. Ganz im Gegenteil. All das, was damals auf der Klosterschule geschehen ist, was Café im Haus des verbitterten Polizisten auslöst, was Manuel im Weingut erfährt und was Luca an Beichten zu tragen hat, verbindet sich zu einem flüssigen, temporeichen, tiefgehenden und spannungsvollem Geschehen im Buch, dass den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ruhigem Ton umfassend fesselt. „Herminia schnalzte mit der Zunge. Manuel hätte nicht sagen können, ob es ihr missfiel über dieses Thema zu sprechen, oder ob es sie ärgerte, dass sie nicht genauer Bescheid wusste“. Was ein sinnloser Ärger wäre, denn über vieles, was geschah, wissen nur sehr wenige Personen umfassend Bescheid. Vor allem eine Mutter, die all ihre Kinder verachtet und hasst aber gibt sich keine Blöße und ist viel zu wenig zu erschüttern, um ihr Hinweise zu entlocken. Die Manuel aus eigener Kraft somit recherchieren muss. Bis hin zu der Frage, was sein schwuler Ehemann und der anscheinend doch bestens verheiratete Bruder desselben so häufig in einem Bordell zu schaffen hatten. Eine hervorragende Lektüre.