Leserstimme zu
Feinde

Abfall der Gesellschaft: Feinde – Susanne Saygin

Von: DunklesSchaf
23.05.2019

Zwei Roma werden tot und in eindeutiger Pose auf einem Schrottplatz gefunden. Can Arat und seine Chefin Simone bekommen den Fall zugeteilt. Die beiden Roma waren Schrottsammler, keine Stricher, aber die anderen Schrottsammler sagen kein Wort. Can und Simone klappern in tagelanger Kleinstarbeit bekannte Adressen ab, doch die Gemeinschaft der Sinti und Roma schweigt. Dann werden zwei weitere tote Roma gefunden, gleiche Pose, in einem Müllcontainer. Doch die Ermittlungen schwachen ab, ein Anschlag, bei dem ein kleines Mädchen getötet wurde, zieht alle polizeilichen Ressourcen auf sich. Dann meldet sich doch ein junger Roma, der Anhaltspunkte liefert. Diese führen in die Baubranche, zu bekannten Namen, Männern die scheinbar eine weiße Weste haben. Derweil Simone sich von den Oberen zurückpfeifen lässt, ermittelt Can – suspendiert – weiter und kommt dabei nicht nur den Machenschaften der Bauherren auf die Spur, sondern auch ungeklärten Ereignissen in seiner eigenen Vergangenheit. Can Arat ist erst spät in den Polizeidienst eingetreten, ist davor ein wenig gestromert, war mal hier, mal da, gehörte zu einem Kreis um Künstler und Bohemians. Er hat kaum Bindungen, seine Mutter ist tot, sein Vater neu verheiratet in der Türkei, in einer Wohngemeinschaft lebt er mit Isa, eine, die aus dem Kreis der Bohemians übrig ist. Der neue Fall scheint erst nur ein Fall wie jeder andere zu sein, doch schon bald verbindet er sich mit Cans Vergangenheit, als er gleichzeitig beginnt, in der Akte von Marie zu schnüffeln, seiner früheren Liebe, die ermordet wurde. Can scheint unnahbar, wortkarg, unnachgiebig. Einzig seine Kopfschmerzen zwingen ihn auszuruhen, bis auch hier der Grund gefunden ist. Auch wenn sich das nun auf den ersten Blick unwahrscheinlich anhört, dass der Fall Verbindung zu Can hat, fügen sich die Zahnräder der Ermittlung nach und nach ineinander und offenbaren einen groß angelegten Coup in der Baubranche. Can stochert und wühlt, greift auf alte Freunde zurück, reist sogar mit falscher Identität nach Rumänien. Eine gefährliche Ermittlung, denn nicht nur die Handlanger sind nicht zimperlich, auch die großen Bosse halten sich nicht zurück, wenn auch hintergründiger. Bedrohungen des gut funktionierenden und finanziell lohnenden Systems werden ausgeschaltet, ob nun durch Schläger oder indirekte Drohungen. Man folgt Can durch Köln, von Flüchtlingsheimen zum sozialen Wohnungsbau, über Nobelpuff mit Extras zurück zum Präsidium, mit Zwischenaufenthalt im Krankenhaus direkt rein in seine Vergangenheit. Immer wieder werden Passagen daraus eingestreut, wie er Marie kennen gelernt hat, wie er deren Mitbewohner kennen gelernt hat, wie die Beziehung zerbricht – und dann beginnt es von neuem, nur mit Isa als Mittelpunkt. Keine Abschweifungen, sondern wichtig, nicht nur um zu verstehen, warum Can ist wie er ist, sondern elementar für die Ermittlung. Ermittlung und Privates zu verweben macht nicht immer Sinn, doch hier fügt es sich nahtlos zusammen und nimmt einen mit auf einen fast selbstmörderischen Trip, für den Versuch ein mächtiges Verbrechenskartell zu Fall zu bringen. Nicht atemlos, aber mit gehörigem Druck, um weiterzulesen, mit dem Ziel immer mehr Verflechtungen aufzudecken, an der Seite von Can, an der Seite der Gerechtigkeit. Man fiebert mit und möchte, dass denen, die sich nicht wehren können, Gerechtigkeit widerfährt, dass nicht immer die Reichen und Mächtigen gewinnen und die Armen noch mehr in den Dreck stoßen. Fazit: Ein sehr gelungener Debütroman, der einen mitnimmt und fesselt – der Kampf der Gerechten, für die, welche sich nicht wehren können, um den Mächtigen Einhalt zu gebieten. Ein Kampf, so alt wie die Menschheit, aber neu und spannend interpretiert. Ich will doch hoffen, dass wir von der Autorin auf jeden Fall noch mehr hören!