Leserstimme zu
Cari Mora

Wenn der rote Faden fehlt ...

Von: Buchperlenblog
24.05.2019

Er weidet sich an der Angst von Frauen, verstümmelt und verschönert sie, ganz den Wünschen seiner Kunden angepasst. Außerdem liebt er das große Geld und sucht unter dem alten Haus des verstorbenen Drogenbosses Pablo Escobar nach dessen versteckten Goldreserven. Doch dann fällt ihm Cari Mora, die junge Haushüterin, auf. Wenn der rote Faden fehlt Hannibal Lecter. Dieser Name löst in den meisten Menschen sicherlich den ein oder anderen wohligen Schauer aus, der im Nacken beginnt und sich dann bis hinab in die kleine Zehe ergießt. Und mit Hannibal, dem Soziopathen schlechthin, dem Kenner und Feinschmecker menschlicher Genüsse, mit diesem wird nun also, 13 Jahre nach Erscheinen des letzten Hannibal-Bandes, geworben. Hans-Peter Schneider, ein haarloser, weißer Deutscher mit Hang zu klischeehaftem Musikgeschmack, soll nun der grausame Nachfolger eben jenen Serienkillers sein, den jeder kennt. Doch Schneider trägt leider die Langeweile schon im Namen, denn obwohl sich eine Frauenleiche in einem übergroßen Wassertank neben ihm in Nichts auflöst, und in einigen Passagen auch von Schneiders perversen Vorlieben die Rede ist, bleibt er als großer Bösewicht merkwürdig blass. Sein größter Antrieb scheint das Geld zu sein, die Verstümmelungen nur ein Vergnügen nebenbei, kaum der Rede wert. Deshalb lockt ihn auch der zu erwartende große Fang des versteckten Goldes Escobars nach Miami. Dass die schöne Cari Mora dort das Haus hütet, ist ein netter Zusatzeffekt. Er will sie für einen seiner Kunden haben, unbedingt, aber unternehmen wird er lange Zeit nichts. Viel mehr geht die Handlung plötzlich in eine diffuse Mischung aus Bandenkrieg und Schatzsuche über. Cari Mora hängt irgendwo in der Mitte, aber so richtig greifen kann man ihre Rolle dabei nicht. Immer wieder werden neue Personen eingeführt, die nur wenig später entweder tot oder vergessen sind, zu keinem baut man eine tiefere Bindung auf. Selbst Cari wird lediglich oberflächlich beleuchtet. Einzig ihre Vergangenheit war wirklich interessant, ihr frühes Leben als Kindersoldatin in Kolumbien, dem sie so manche Fertigkeit verdankt. Und als dann endlich die Handlung dorthin ging, wo sie hin sollte, ja, da war das Buch ganz plötzlich zu Ende. Auserzählt in einem kurzen Spannungsbogen, eingebunden in eine ziemlich seichte Sprache. Nun kann man natürlich ins Feld führen, dass schon in den früheren Büchern des Autors der namensgebende Finsterling recht wenig zur eigentlichen Tat schreitet, seine Festessen mehr in unserem Kopf denn auf dem Papier passieren. Doch Hannibal war durchdacht genug, fand genügend Raum zur Entfaltung in unserer Fantasie. Thomas Harris schuf mit ihm einen der interessantesten, gewandtesten Bösewichte der Literaturgeschichte, doch mit Hans-Peter Schneider gelang ihm diesmal kein besonders gehaltvolles Bratenstück. Fazit Weder Fisch, Fleisch noch vegan. Ein bisschen Schatzsuche, ein bisschen Spannung, zu viele unwichtige Personen, zu wenig Informationen und Tiefgang. Von einem Nachfolger Hannibals zu reden – reine Blasphemie. Nett für nebenbei, aber absolut kein Muss. Ta-ta.