Leserstimme zu
Der Koran und die Frauen

Erhellende Koranauslegung, der der Schritt in die Moderne nicht ganz gelingt

Von: Vivien
27.05.2019

Kritik am Islam wird gerade in westlichen Ländern am Umgang mit muslimischen Frauen festgemacht, welche auch durch Kopftuchdebatten von politischer Seite weiter geschürt wird. Dabei bleibt auf der Strecke, sich mit den Hintergründen des religiösen Frauenbilds zu beschäftigen. Das keine 200 Seiten lange Buch von Idriz will gerade dazu anregen, Vorurteile aufgreifen und die Stellung der Frau aus dem Koran heraus erklären. Idriz widmet zu Beginn ein ganzes Kapitel nur der Erläuterung, warum er als männlicher Imam sich herausnimmt, über Frauen zu schreiben. Er hat eine moderne Einstellung zu Geschlechterverhältnissen in seiner Gemeinde und regt dort seit Jahren sowohl Frauen als auch Männer zu mehr Engagement an - mit Erfolg. Sein Buch fokussiert allerdings gerade nicht die heutige Zeit, sondern arbeitet mit dem Koran, zieht teils mehrere Jahrhunderte alte Auslegungen hinzu und das reicht häufig, um zu verdeutlichen, dass der Islam in dieser Grundfestung keine gar frauenfeindliche Religion ist. Im Gegenteil zeugen einige Koranzitate von einem deutlich besseren Frauenbild, als es beispielsweise in der Bibel der Fall ist. Da sich Idriz' Argumente zum Großteil auf Zitate stützt, muss man sich zuerst vergegenwärtigen, dass die Auslegung sehr von der Lesart der Sprache abhängt. Es mag im Koran davon die Rede sein, man dürfe im Äußersten seine Frau schlagen; dort kann aber auch stehen, man dürfe sich von ihr trennen. Ohne Kontext ist das schwierig zu entscheiden, weshalb sich auch manche Muslime auf diese Stelle berufen, um Gewalt zu rechtfertigen. Der Autor ordnet sie allerdings ein in weitere Aussagen des Propheten, die auf eine friedliche und gewaltfreie Auslegung hindeuten. Das ist nur eins von zahlreichen Beispielen aus dem Koran, an denen auch innerhalb des Islams zahlreiche Debatten geführt werden. Ebenso braucht es das Wissen über die vorislamische Zeit, was Idriz in einem Kapitel sogar einbindet, um zu zeigen, dass auch der gesellschaftliche Kontext eine große Rolle bei der Auslegung spielt. Polygamie und ein Erbrecht von 2:1 für den Mann sind nicht per se Zeichen einer ungerechten Behandlung von Frauen, wenn man der Argumentation des Autors folgt. Das Kopftuch als eine Art der Emanzipation zu erfassen, braucht ebenfalls geschichtlichen Kontext. Man muss sich als eher unkompetenter Leser auf die Aussagen des Autors verlassen und es ist schwer, die Auslegung nochmal zu reflektieren. Gerade weil wenige explizite Bezüge zu unserer Zeit aufkommen und Idriz es beispielsweise beim leidigen Thema Kopftuch unterlässt, die Bedeutung für heute zu thematisieren, wirkt es erklärend für den Koran selbst. Aber irgendwie fehlt einfach der nächste Schritt, was einen modernen Islam ausmachen sollte. Das kann nicht nur die Forderung nach weiblichen Imamen sein, was er zumindest aufgreift, als er über die Frau in der Moschee schreibt. Dabei kommt aber ein schaler Geschmack auf, wenn er mehr Engagement von Frauen fordert unter anderem mit folgendem Satz als Begründung: "Wo die weiblichen Hände fehlen, dort werden Sauberkeit, Ordnung und Ästhetik fehlen." Was hier nicht geleistet und leider nicht thematisiert wird, ist der Schritt in die Moderne. Wie lassen sich heutige Selbstverwirklichungen und Lebensweisen mit dem Koran vereinbaren? Beispielsweise sichert der Koran den Frauen auch die Möglichkeit zur Scheidung zu, aber wie steht er zu einer Muslimin, die gar nicht erst heiraten möchte? Hat er dem klassischen Hausfrauenbild etwas entgegenzusetzen? Das sind ganz basale Fragen, die im 21. Jahrhundert inzwischen eine große Rolle spielen, und deshalb ist es nach über 150 zum Großteil interessanten und erhellenden Seiten eher frustrierend, dass der Autor sein letztes Kapitel an muslimische Frauen in Deutschland richtet, aber ihnen keine allgemeine Selbstbestimmung ans Herz legt, sondern es "Ein abschließendes Wort an die muslimische Frau in Deutschland, die heiraten oder sich scheiden lassen will" betitelt.