Leserstimme zu
Cari Mora

Ein haptischer Genuss, aber leider kein Lesespaß

Von: Yvonne
07.06.2019

Thomas Harris, 1940 in Jackson, Mississippi geboren, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der durch seine Hannibal-Lecter-Tetralogie berühmt wurde. Seine Romane wurden weltweit über 30 Millionen Mal verkauft. Sein größter Erfolg war „Das Schweigen der Lämmer“, das wochenlang die Bestsellerlisten anführte und als Verfilmung mit Anthony Hopkins einen Oskar für den besten Film erhielt. Aber auch die aus drei Staffeln bestehende Serie „Hannibal“ mit Mads Mikkelsen hat mich etliche Stunden abgrundtief gegruselt und bestens unterhalten. Für mich stand daher fest, dass ich unbedingt den erst kürzlich erschienen Thriller „Cari Mora“ lesen würde, zumal der Klappentext folgendes verspricht: „Hannibal Lecter hat einen Nachfolger. Er ist erbarmungslos. Und er kann dich fühlen. Die Schreie einer Frau sind Musik in seinen Ohren. Er ist groß, blass, haarlos, und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Menschen begegnen ihm mit Angst und Ekel. Er ist daran gewöhnt. Denn wenn sie das Monster in ihm erkennen, ist es meist zu spät. Bis der Killer sich Cari Mora aussucht. Die junge Frau hat keine Angst vor dem Grauen und wagt es, dem Dämon ins Auge zu blicken.“ Gelesen habe ich jedoch in diesem Buch von rivalisierenden kriminellen Gruppen, die an das gut in einer Villa in Miami gesicherte Gold des Drogenbarons Pablo Escobar zu gelangen versuchen. Das beinahe das komplette Buch einnehmende Gerangel um dieses Gold fordert etliche Opfer, die zum Teil sehr grausam ums Leben kommen. Doch selbst diese Effekthascherei kann nicht vermeiden, dass dieser Teil der Geschichte recht schnell ermüdend wirkt. Auch wenn die Sprache mittels spanischer Sätze den Personen Authentizität und Lebendigkeit zu verleihen versucht, bleiben diese auch aufgrund der Vielzahl der handelnden Personen blass und beliebig. Anders hingegen die Titelgebende Cari Mora, die gezwungen wurde ihre Jugend bei der FARC zu verbringen und irgendwann vor der Gewalt in ihrem Heimatland Kolumbien fliehen konnte. Vom Leben gezeichnet hält sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, unter anderem ist sie als Hüterin des Hauses in oben genannter Villa angestellt. Dort wird auch der „Hannibal-Lecter-Nachfolger“ vom Klappentext auf sie aufmerksam. Sein Name ist Hans-Peter Schneider und er ist getrieben von unsäglichen Neigungen. Er verdient in der Hauptsache seinen Lebensunterhalt damit, die Gewaltfantasien von Männern zu bedienen, für die Geld keine Rolle spielt und das Leben einer Frau keinen Wert hat. Und während ich mich durch drei Viertel des Buches durch das Goldgerangel quälte, fragte ich mich, welchen Anteil an der Geschichte Cari Mora und Hans-Peter Schneider wohl noch haben werden. Aber dann überschlägt sich der Autor plötzlich hinsichtlich Erzählgeschwindigkeit, fast als müsse er zügig zum Ende finden. Doch die eigentliche Überraschung war für mich, dass ich plötzlich – noch ganz im Lesefluss – die Danksagung aufblätterte, obwohl noch so viel vom Buch übrig war. Tatsächlich war mir nicht bewusst, dass Seite 277 bis 335 des Thrillers „Cari Mora“ mit einer Leseprobe von „Das Schweigen der Lämmer“ belegt sind. Ab dem Zeitpunkt fühlte ich mich um ein ausführlicheres und somit vielleicht besseres Ende geprellt, beziehungsweise fühlt es sich so an, als hätte der Leser für das Buch zu viel bezahlt, weil er die Leseprobe eines Buches mit eingekauft hätte, das bereits in den 1980er Jahren ein Bestseller war und somit vielen Thomas Harris Fans wohl bekannt sein dürfte. Dabei gehöre ich eigentlich nicht zu den Menschen, die die Anzahl der Buchseiten in ein Verhältnis zum Preis setzen, aber hier schlägt wohl die Enttäuschung über das abrupte Ende bei mir noch zusätzlich hohe Wellen. Aber zurück zum Buch, das sich insgesamt doch mehr hinzog, als ich es mir gewünscht hätte und das Ringen des Autors um möglichst brutale und widerliche Arten seine handelnden Personen zutode kommen zu lassen, eher als mühsam und zu viel des „Guten“ empfand. Gefallen hat mir hingegen die Geschichte rund um Cari Mora, die mich letztlich auch dazu bewegt hat, das Buch zuende zu lesen und ein wenig zu recherchieren, was es mit der FARC auf sich hat. Das Beste an diesem Buch ist für mich jedoch tatsächlich der Schutzumschlag, dessen Farbgestaltung mir gefällt und der durch seine glatte und rauhe, glänzende und matte Oberfläche ein haptischer Hochgenuss ist. Aber das reicht leider nicht, um das Buch empfehlen zu können.