Leserstimme zu
Inspektor Jury und der Weg des Mörders

Verschlungen, unterhaltsam, aber auch hier und da zu konstruiert erzählt

Von: Michael Lehmann-Pape
11.06.2019

Vorweggesagt, der Titel passt perfekt zum Inhalt, denn am Ende geht es um reale und geographische Wege, die eine harte Nuss zu knacken sind für Inspektor Jury und seinen, wie immer meist griesgrämigen, Searganten Wiggins. Wer ist der Mörder und wie hat er sich verkehrstechnisch bewegt, das ist nicht nur wichtig für die Auflösung des Falles, damit beginnt zunächst der neue Jury auch. Denn dass da einer vor einem elitären Spielclub in London ein attraktives Paar einfach so erschießt und sich dann in aller Seelenruhe mit vorgehaltener Waffe ein Taxi zu Waterloo Station nimmt, das ist schon außergewöhnlich. Wie auch die Reisebegleitung des Mannes dann auf dem Flug nach Kenia. Was aber ein Glücksfall für den wieder bestens in Szene gesetzten Krimi ist. Denn die „Begleitung“ entpuppt sich als nahezu „unverwüstlich“, clever und mutig, was sich bei Weitem nicht nur in diesem Fußmarsch in Kenia bei Nacht erweisen wird, sondern für Melrose Plant, nach „Anlaufproblemen“ sowohl Hilfe als auch Inspiration darstellen wird. Denn dieser befindet sich in Kenia. Natürlich ohne es zu Anfang zu wollen. Aber Richard Jury hat so seine Tricks, andere von „Notwendigkeiten“ zu überzeugen. Und sei es, Erz-Konkurrenten eben stattdessen anzufragen. Wobei jener Trueblood natürlich auch eine wichtige Aufgabe übernimmt, die er auf seine legere, coole, lässige Art mal wieder übererfüllt. Und so ist Jury einem Täter auf der Spur, der ihn inmitten dunkler Geschäfte, erfolgreicher Galerie-Besitzer, afrikanische Kunst und nicht einfache Familienverhältnisse führen wird bis hin zu einem eigentlich nicht erreichbaren Pub in London, der für Fahrer schwarzer Taxis eine Art Heimat darstellt. Wobei es dem Werk, ehrlich gesagt, ebenfalls überaus gut zu Gesichte steht, dass die privaten Lebensumstände Jurys, anders als im ein- oder anderen Vorgängerband, bis auf humorige und etwas schräge private Bekannte, keine sonderliche Rolle spielt sondern einzig und allein der Fall und die Wege der Recherchen und deren Auflösung den roten Faden bildet. Was Grimes nicht hindert, auch Nebengeschichten zu erzählen (wie die der Jugendzeit Trueblodds, die sich aber jederzeit bestens zu lesen und als organisch ohne Brüche eingefügt im Buch darstellen. Ob nun Plant in Afrika mit seinen inneren Annäherungen und dem festen Vorsatz, am Besten die ganze Kolonialgeschichte rückgängig zu machen, ob Trueblood im Kasino mit geschickten Fingern, die an Rasierklingen intensive trainiert wurden in der Jugend oder ob Patty, die Göre vom Londoner Flughafen, oder auch im Blick auf viele Nebenpersonen (die Safari-Gruppe und andere), mit leicht wirkender Hand setzt Grimes all diese Personen breiter oder konzentriert in Szene, so dass im Gesamten eine lebendige Lektüre wie „mitten aus dem Leben“ erzählt entsteht. Wobei die ein oder andere Begegnung (im Safari-Camp) doch recht konstruiert wirkend erst zustande kommt und schon die ersten Szenen des Kriminalromans auch ein stückweit gekünstelt vorliegen, denn im Ernst kann man kaum annehmen, dass sich ein Killer in einem Taxi gemächlich durch halb London bewegt und unbeschadet einen Bahnhof und einen Flughafen betritt, um in aller Seelenruhe abzufliegen. Einer gewisse mit teils vagen Zufällen arbeitende polizeiliche Untersuchung, deren Auflösung realen Situationen auch nicht in jeder Hinsicht standhält. „Richard, jetzt lesen Sie mir mal von den Lippen ab…..“ „Wir sind am Telefon“. Dennoch, mit trockenem Humor versehen und einer gewissen Leichtigkeit, einem interessanten Fall und mit allseits auch unterhaltsam zu lesenden Ermittlungen und Ereignissen ist das Buch durchaus eine gelungene Lektüre.