Leserstimme zu
Bitterherz

Bitterherz (Samuel Björk)

Von: Poldi
02.07.2019

Die Szenerie ist fast ein wenig unwirklich: Eine Frau im Ballerinakostüm treibt tot in einem idyllischen Bergsee. Die ersten Hinweise werden durch eine Kamera gegeben, die ganz in der Nähe aufgestellt wurde – und durch das Frostschutzmittel, das der Toten injiziert wurde. Holger Munch wird auf den Fall angesetzt und holt auch Mia Krüger wieder mit an Bord, die nach dem Tod ihrer Schwester gerade eine Entziehungskur hinter sich gebracht hat... „Bitterherz“ heißt der bereits dritte Teil von Thrillern um den norwegischen Ermittler Holger Munch, der von Samuel Björk erdacht wurde. Bereits die beiden Vorgänger haben mit einer durchdachten Handlung, viel Spannung und einem komplexen Aufbau bestochen, und „Bitterherz“ steht ihnen dabei in nichts nach. Wieder werden unterschiedliche, scheinbar unabhängig voneinander zu betrachtende Fälle behandelt, was nicht nur dynamisch wirkt, sondern auch viele Überraschungen mit sich bringt – gerade weil eben doch mehr Zusammenhänge bestehen als anfangs gedacht. Und auch der Zeitdruck, dem die Ermittler ausgesetzt sind, ist ein sehr gelungenes Element, das für viel Spannung sorgt und die Intensität des Romans immer weiter nach oben schraubt. Weitere Mordfälle und kurze Einblicke in die Psyche des Täters sorgen dafür, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Allerdings bekam ich auch manchmal das Gefühl, den Überblick zu verlieren, weil man kaum erkennen konnte, wie alles zusammenpasst. Doch Björk hat es geschafft, nie komplett den Faden zu verlieren und irgendwann alles sinnig miteinander zu verbinden. Besonders das Ende kam sehr überraschend und wartet mit einer krassen Wendung auf, die ich so nicht vorhergesehen habe und die dennoch in sich sehr schlüssig ist. Auf der anderen Seite steht hier die Weiterentwicklung der Charaktere, was während der Handlung, im besonderen Maße aber auch für den Einstieg gilt. Sie werden mit neuen Situationen und teilweise mit neuen inneren Dämonen konfrontiert, zeigen neue Seiten an sich und entwickeln sich weiter. Deswegen ist es hier nicht empfehlenswert, mit diesem Band einzusteigen, auch wenn dies bei anderen Reihen des Genres oft möglich ist und sich vieles im Laufe der Zeit erschließt. Hier würden dem Leser aber zu viele der Feinheiten entgehen, die Björk so stimmig eingebaut hat und die den Roman einen zusätzlichen, intensiven Reiz verleihen. Der Schreibstil des Romans ist wieder sehr nahbar und ungewöhnlich geraten, da die unterschiedlichen Perspektiven jeweils mit einem eigenen Rhythmus, einem eigenen Duktus verbunden sind. Das wirkt authentisch und lebendig, wobei mal verschachtelte Sätze, mal kurze, stakkatoartige Wortfetzen zu lesen sind. Björk schafft eine sehr düstere, eingängige Szenerie, legt aber den Wert immer auf die Charaktere und die Weiterentwicklung des Falles. „Bitterherz“ setzt die Reihe um Holger Munch sehr gekonnt fort, bringt viele eigenständige Ideen ein und bleibt dem Grundsatz der ersten beiden Bände dennoch treu. Hier ist wirklich mal lange unklar, wie alles zusammenhängt, hier sind die Charaktere wirklich mal frei von Klischees und entwickeln einen eigenständigen Ausdruck. Das liest sich locker herunter und ist dennoch alles andere als belanglos.