Leserstimme zu
Gott wohnt im Wedding

Hinter der Mauer hat jedes Haus seine Geschichte(n)

Von: Ro_Ke
13.08.2019

Meine Meinung: „Da stehe ich, mit meinen über 120 Jahren, fest auf Grund und Boden, kann hier nicht weg und komme doch überall hin.“ Mich begleitete anfangs beim Lesen das Gefühl, ein fremder Gast auf einer Hausparty zu sein und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich im Geschehen bzw. in den Geschichten der einzelnen Bewohner angekommen bin. Diese sind von Regina Scheer mit sehr glaubhaften und berührenden Viten ausgestattet und mich hat die darin erkennbare Liebe zum Detail in ihrer kommunizierten Beobachtungsgabe stark beeindruckt. So wird selbst zu dem erzählendem alten Haus, dessen weiser Klang in Stimme mir sehr gefallen hat, eine ganz persönliche/familiäre Nähe aufgebaut und auch wenn ich den Schreibstil nicht als sehr emotional, sondern eher „dokumentarisch“ bezeichnen würde, entstehen durch die dargestellten Schicksale echte Emotionen beim Lesen und ich fühlte mich oft mit dem Gedanken nach meiner eigenen Definition von „Heimat“ konfrontiert. Das Thema „Vertreibung“ bzw. „Ausgrenzung“ ist ein zentrales Element und wird von der Autorin am Beispiel der Juden und Sinti und Roma, basierend auf einer großartigen Recherche, ebenso lehrreich wie berührend dargestellt. Ihr gelingt es, die einzelnen Schicksale sehr gekonnt/stimmig miteinander zu verknüpfen und sorgt dabei zudem für neue Blickwinkel auf eine Völkergruppe, der ich sicher nicht immer vorurteilsfrei begegnet bin. Fazit: Ein sehr volles aber auch sehr erfüllendes Leseerlebnis, das zeigt, wie sehr sich der Blick hinter die Fassade(n) lohnen kann.