Leserstimme zu
Flavia de Luce 10 - Todeskuss mit Zuckerguss

Eine Hochzeit und ein Todesfall

Von: Erlesene Seiten
26.08.2019

Als Fan der ersten Stunde lechzt man nach jedem Wort und würde mit Begeisterung noch hundert weitere Geschichten von Flavia verschlingen. Was den Büchern meines Erachtens jedoch abhanden gekommen ist und weshalb auch viele Leser die späteren Bände als nicht ganz so fesselnd empfinden mögen wie die ersten, ist das große, rätselhafte Endgeheimnis, das mit jedem Band ein bisschen mehr gelüftet wird. Am Anfang rankte sich noch alles um Flavias verschollene Mutter. Danach wurde der Mythos um eine Geheimorganisation aufgebaut. Aber nachdem Flavia aus dem Internat geschmissen wurde, geht es ausschließlich um das Leben auf Buckshaw und in der unmittelbaren Umgebung. Versteht mich nicht falsch, ich liebe sämtliche Figuren und bin ein begeisterter Leser aller Flavia-Geschichten. Aber nach zehn Bänden fragt man sich schon, worauf die Handlung am Ende hinauslaufen soll, um Flavia einen würdigen Abschluss zu bereiten. Denn dass dieser Band der letzte aus der Reihe sein soll, will und kann ich nicht glauben. Nein, nein, nein. Mehr noch als das Fehlen eines Zieles, auf das die Bände am Ende hinauslaufen, verdrießt mich jedoch die Stagnation der Entwicklung vieler altbekannter Figuren. Besonders natürlich die Beziehung von Flavia zu ihren Schwestern. Feely taucht in „Todeskuss mit Zuckerkuss“ lediglich zu Beginn auf und verschwindet wortlos in die Flitterwochen. Daffy wird in die Bibliothek verdammt, wo sie an ihren Memoiren schreibt. Mehr erfahren wir über beide Figuren im gesamten Buch nicht. Obwohl Feelys Hochzeit sogar maßgeblich für die Covergestaltung war, ist das Thema innerhalb der ersten 20 Seiten abgehandelt. Einzig von Dogger erhält der Leser tiefgründige Einblicke. Und auch Flavia ist wieder ein Stück erwachsener geworden. Gleichzeitig ist es Alan Bradley gelungen, mehr die Flavia aus den Anfangsbänden aufleben zu lassen: Ihren leidenschaftlichen Hang zu allem Morbiden, ihr umfangreiches Wissen über Chemie und die Experimente in ihrem Labor. Hinter allem steckte wieder mehr Herz, mehr Flavia. Flavia ist im zehnten Band definitiv in Höchstform. Den Mordfall fand ich dieses Mal stark konstruiert. Einige Wendungen sind schwer nachvollziehbar und das Motiv so mancher Figur erscheint fragwürdig. Warum der Finger in der Hochzeitstorte landete, ist mir letztendlich immer noch schleierhaft. Die Begründung dafür erscheint fadenscheinig und nur bedingt logisch. Alan Bradleys Schreibstil schafft es jedoch nach wie vor, von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Die Ermittlungen von „Arthur W. Dogger & Partner – Diskrete Ermittlungen“ schreiten rasant voran. Der Fall zählt wohl zu den facettenreichsten der gesamten Reihe. Bradleys Humor ist schwarz, morbide, aber sowas von intelligent. Er unterhält auf höchstem Niveau. Ein ganz großer Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!