Leserstimme zu
Coma

Den Golfball auf's Korn genommen

Von: Sebastian H.
15.04.2015

Man hörte ja schon so einiges über John Niven… aber so richtig konnte die Skepsis trotz allem guten Zureden von diversen Seiten nicht zerstreut werden. Einmal ist aber bekanntlich immer das erste Mal und so hat sich Florian ein Herz gefasst und mir sein Duplikat des Buches zugeschickt (vielen Dank dafür noch einmal!). Hmm, nach dem Lesen des Klappentextes und dem Nachsinnen über mein eigenes Interesse an Golf (nominell: 0) war die Skepsis natürlich gleich noch einmal größer. Aber nun ja, man soll ja auch den Außenseitern eine Chance geben und so wurde “Coma” von John Niven schließlich doch noch in Angriff genommen. Schnell wird dabei klar, dass der Autor nicht unbedingt auf einen in extreme Höhen ansteigenden Spannungsbogen baut oder eine unglaublich dichte Atmosphäre erschaffen will. Stattdessen stößt er den Leser zunächst einmal in die Welt von Gary, seines Zeichens vermutlich der größte Golfversager Schottlands, und setzt im ersten Viertel erstmal sein Verhältnis zu diesem Sport und zu seiner Familie auseinander. Kurz gesagt: Niven nimmt sich ausreichend Zeit, seine Figuren einzuführen und zu untermauern. Langeweile kommt dabei keine auf, denn auch etwas anderes wird schnell klar: ohne Augenzwinkern und einen Hang zu schwarzem, mitunter sehr bissigen Humor geht hier gar nichts. Und das sorgt natürlich für Stimmung. Sicherlich, hier und da muss man dann doch mal ernsthaft darüber nachdenken oder im schlimmsten Fall googeln, wenn es zu sehr in die Materie geht, aber das stört nur unwesentlich. Nach Garys Unfall dreht die Geschichte dann noch einmal richtig auf und “Coma” nimmt gewaltig Fahrt auf – und zwar tatsächlich bis zur letzten Seite. Sehr unterhaltsam. Die Figuren sind dabei eigentlich alle auf ihre Art und Weise irgendwie sympathisch. Niven schafft es, sogar dem Oberfiesling eine durhaus nette Seite anzuschreiben, die zwar auf den ersten Blick unpassend erscheinen mag, auf der anderen Seite aber mit Sicherheit nicht unrealistisch ist. Denn reines Schwarz/Weiß dürfte auch in der Realität nicht sonderlich oft anzutreffen sein. Natürlich liegt sein Fokus dabei auf Hauptfigur Gary, die als ziemlicher Loser eigentlich der perfekte Anti-Held ist. Und zwar einer mit Tourette-Syndrom. Seine Anfälle auf dem Golfplatz (und auch daneben) haben für ein sehr angenehmes Dauergrinsen gesorgt. Zwar sind nicht alle Charaktere übermäßig vertieft, aber sie wissen zu gefallen und fügen sich gut in die Geschichte ein. Der Stil… Niven ist speziell, anders kann man es nicht sagen. Seine Schreibe ist sehr schnodderig und direkt, es gibt keine großen Ausschweifungen und er kommt direkt auf den Punkt. Mitunter ziemlich skuril, zumeist unglaublich lustig (wenn man diesen speziellen Humor mag zumindest) und immer locker und zum weiterlesen animierend. Ja, ich mag dieses bitterböse, was “Coma” auszeichnet. Und ja, ich mag auch das Platte, was sich besonders in den schon angesprochenen Tourette-Anfällen niederschlägt. Very british, möchte man fast sagen. Fazit: “Coma” dürfte in meiner Highlight-Liste landen. Der Roman hat es aus dem Handgelenk geschafft, alle Skepsis, die ich hinsichtlich John Niven im Allgemeinen und der Thematik dieses Romans im Speziellen, hatte zu zerstreuen. Ein fieser Trip durch die schottische Provinz, der das Leben dort (vermutlich) ziemlich auf die Schippe nimmt und vorführt. Böse, skuril… Empfehlenswert!