Leserstimme zu
Summ, wenn du das Lied nicht kennst

2 Stimmen aus dem Südafrika der 70er Jahre

Von: Susanne Martin
09.10.2019

Dieses Buch interessierte mich, weil es im Südafrika der Apartheid angesiedelt ist, dem Jahr der Schüleraufstände in Soweto. In meiner Lehrzeit hatte ich für den Berufsschulunterricht ein Referat zu diesem Thema halten müssen und habe immer noch ein gewisses Interesse an diesem Land, seiner Geschichte und seiner Entwicklung. Kurz zum Inhalt: Die 9jährige Robin lebt in einem priviligierten Viertel von Johannesburg, betreut von Mable, dem schwarzen Hausmädchen der Familie. Ihre Eltern lieben sie, vor allem zu ihrem Vater hat sie ein inniges Verhältnis, er akzeptiert auch ihre etwas burschikose Art, die ihre Mutter ablehnt. Eines Abends gehen die Eltern aus und kehren nicht zurück, sie wurden Opfer der ausufernden Gewalt während der Schüleraufstände in Soweto. Mabel wird verhaftet, denn sie ist eine Schwarze und deshalb auf jeden Fall verdächtig. Zwar gelingt es Robin und ihrer Tante, sie aus dem Gefängnis frei zu bekommen, aber sie verlässt beide. Nun sind Robin und ihre Tante Edith, die unkonventionelle Schwester der Mutter, eine Familie. Edith nimmt Robin mit ihre Wohnung in einem Hochhaus in einem anderen Stadtteil von Johannesburg. Aber das gemeinsame Leben ist schwierig, den Edith ist Stewardess und möchte das auch bleiben. So kommt Beauty in das Leben der Beiden. Beauty ist eine Xhosa und auf der Suche nach ihrer Tochter, die während der Aufstände verschwunden ist. Beauty hat den Verdacht, daß sie sich der Untergrundorganistaion des ANC anschließen möchte und will das um jeden Preis verhindern. Sie ist ganz anders als Mabel, denn Beauty ist Lehrerin und eine gebildete Frau. Und sie ist genau die richtige Person für das traumatisierte Mädchen. Es gelingt ihr, Robin aus ihrem Kokon der Trauer zu reißen. Aber dann trifft Robin zufällig Beautys Tochter im Park und aus Angst, Beauty zu verlieren, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung……. Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen. Bianca Marais erzählt die Geschichte aus 2 Perspektiven: Robin und Beauty kommen jeweils selbst zu Wort. Durch diese beiden vollkommen unterschiedlichen Perspektiven gelingt es der Autorin, die ganze Perversität des Apartheidsystems zu zeigen. Robin ist vollkommen verblüfft, wie selbstbewußt Beauty auftritt und verletzt immer wieder, ohne es zu zu wissen, Beautys Gefühle. Hier spürt man als Leserin deutlich, daß Bianca Marais auch aus eigenem Erleben schreibt: Sie ist 1976 geboren und wurde weitgehend von einem schwarzen Kindermädchen erzogen. In ihrem Nachwort beschreibt sie, wie ihr während der Arbeit an diesem Buch bewusst wurde, wie sehr sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen war: Das schlimmste für sie war, daß es ihr uns ihrer Nan nicht möglich war, wirklich am Leben der jeweils Anderen teilzuhaben. Im Schreibprozess wurde ihr jedoch bewußt, daß „die eigentliche Tragödie war, daß ich in Eunices Leben überhaupt vorkam.“ Denn Eunice hatte selbst 5 Kinder, die sie nur einmal im Jahr sehen konnte. Diese Erkenntnis reift irgendwann auch in Robin. Und das ist vielleicht eine Schwachstelle des Romans: So wie Robin spricht und agiert, denkt und fühlt, tut das in Wirklichkeit kein 9 – 10 jähriges Mädchen. Aber ich habe es schon in vielen Romanen erlebt, daß Kinder oder Jugendliche eher aus der Erwachsenenperspektive handeln bzw. beschrieben werden, es hat meinem Lesevergnügen und meiner Anteilnahme am Schicksal der Hauptpersonen keinen Abbruch getan. Beauty hingegen sucht hartnäckig nach ihrer Tochter Nomsa und bringt sie daurch unwissentlich in Gefahr. Durch diese Perspektive erfährt man viel über das Leben der schwarzen Bediensteten und was ihnen zugemutet wurde, aber auch etwas über die Zwiespältigkeit des Widerstands gegen das System, der die Jugendlichen teilweise auch für seine Zwecke missbraucht hat. Ich kann diesem Roman all jenen empfehlen, die gerne einen guten vielschichtigen Unterhaltungsroman mit Tiefgang lesen, der auch zum Nachdenken anregt. Wer hingegen einen literarischen Roman auf hohem sprachlichen Niveau erwartet, sollte vielleicht auf die Lektüre verzichten.