Leserstimme zu
Sieh mich an

Jeder hat Narben

Von: Ashelia
14.11.2019

Ich habe vorher noch nie ein Buch zum Thema "Brandverletzte" gelesen. Schon alleine dadurch hatte der Roman einen besonderes Reiz. Doch auch die Umsetzung konnte mich komplett überzeugen, sodass ich schon im Vorfeld eine absolute Leseempfehlung aussprechen möchte. Ava hat bei einem Hausbrand nicht nur ihre Eltern und ihre Cousine verloren, sondern auch 60% ihrer Haut ist verbrannt. Nach einem Jahr voller Operationen soll sie zurück in den Alltag finden. Doch wie soll sie das schaffen, mit all den Narben? Auch wenn sie es in den vergangenen Monaten geschafft hat, sich ein dickes Fell zuzulegen und die Welt um sie herum, die sie erschrocken, neugierig oder voller Mitleid anstarrt, weitestgehend auszublenden, so weiß sie doch, dass es nie mehr sein kann wie "vorher". Niemand möchte mit "jemandem wie ihr" befreundet sein. Sie stellt sich also darauf ein, nach den zwei Wochen Probezeit in der Schule wieder davon befreit zu werden, um sich den Rest ihres Lebens in ihrem Zimmer zu verkriechen. Schon während dieser Ausgangssituation merkt man, dass Ava versucht, alles abzublocken. Sie kann Freundlichkeit nicht an sich heranlassen, denkt sie doch, man würde nur aus Mitleid nett zu ihr sein. Auch gegenüber ihrer Tante und ihrem Onkel - die Eltern der verstorbenen Cousine -, die sie wie eine eigene Tochter aufgenommen und durch all die Operationen begleitet haben, wird sie schnell unfair, da sie das Gefühl hat, sie entscheiden alles über ihren Kopf hinweg und sehen sie nur als "schlechten Ersatz" für ihre tote Tochter. Gleichzeitig versucht Ava, ihre Situation mit Sarkasmus erträglicher zu machen. Ich muss gestehen, anfangs fiel es mir schwer, Ava zu mögen, weil sie so verbissen versucht, sich selbst schlecht zu reden und nicht nach Vorne schauen kann. Natürlich kann ich verstehen, wie schlimm all das Starren der anderen Menschen und die blöden Kommentare für sie sind. Doch es gibt in der Welt dort draußen nicht nur ignorante Idioten - und daran muss Ava erst einmal zu Glauben lernen. Unterstützung bekommt sie dabei von Piper, die von der Art her das Gegenteil von Ava ist. Auch sie hat nach einem Unfall Brandnarben und sitzt zudem im Rollstuhl. Doch anders als Ava begegnet sie der neuen Situation offen, frech und laut. Und bringt Ava dadurch immer öfter dazu, über ihren Schatten zu springen. "Sieh mich an" ist eine Geschichte, die sowohl bedrückt, als auch Mut macht. Was Ava durchstehen musste, was sie erlebt hat, dazu der Verlust der Eltern und ihrer Cousine, die wie eine Schwester für sie war, ist ein harter Schicksalsschlag. Sich selbst im Spiegel nicht mehr wiederzuerkennen, die Blicke der anderen, die Schmerzen. Den Glauben an das Gute im Leben nicht zu verlieren, ist da garantiert nicht leicht. Umso beeindruckender ist Avas Entwicklung innerhalb der Handlung. Sie gibt nicht auf, sie will leben. Und ganz langsam merkt sie, dass nicht jeder Mensch, der ihr begegnet, nur ihr Äußeres sieht. Mich hat der Roman wirklich beeindruckt und mir wieder einmal vor Augen geführt, dass der äußere Eindruck nichts über das Innere eines Menschen aussagt. Eine wichtige Botschaft, verpackt in einen Jugendroman, der neben dem speziellen Fokus auf Narben auch die typischen Themen junger Menschen wie Akzeptanz, Neid oder Liebe abdeckt, ohne dabei überladen zu wirken.