Leserstimme zu
Willow – Eine Außerirdische in England

An alien in Brighton

Von: daslesendesatzzeichen
07.12.2019

Das hier ist lustiger Lesestoff, keine hohe Literatur, aber auf alle Fälle gute Unterhaltung! Willow – Eine Außerirdische in England ist der zweite Band von Stefan Rensch mit der liebenswerten außerirdischen Hauptfigur von irgendwo namens Willow. Im ersten Band landet das Wesen für Forschungszwecke im Körper eines Mannes in Deutschland, diesmal ist es als Frau in England unterwegs. Es bleibt immer für ein Jahr, was in seiner Zeitdimension nur ein „Wimpernschlag“ ist, aber Zeit genug, um die Menschen besser zu erforschen. Willow schreibt eine Art Tagebuch, in dem sie (da das Wesen in diesem Band weiblich ist, nehme ich ab hier nun die weiblichen Personalpronomen) ihre Begegnungen, Erlebnisse und Entdeckungen formuliert – und das auf herrlich frische, unbekümmerte Art und Weise. 3. Januar Den ganzen Tag vor dem Spiegel verbracht und meinen neuen Körper betrachtet. Ich möchte es mal so formulieren: Hm. 4. Januar Erster Ausflug! Meine Stadt hat keinen Fluss, meine Stadt hat ein Meer! Liebe! Ich kann Willow, wenn ich lese, quasi vor meinem inneren Ohr hören, so authentisch erzählt sie. Ich könnte mir diese Einträge bestens in einer Bühnenshow vorstellen, da sie meist kurz gehalten, prägnant und witzig sind. Mir geht bei Willow tatsächlich das Herz auf. Willow ist sehr kontaktfreudig und kennt kaum Scham, daher geht sie, ohne groß nachzudenken los, um die Nachbarn in ihrem Mehrfamilienhaus kennenzulernen. So kommt sie in Kontakt mit Oakes, eine depressive Drogenabhängige, die arbeitlos ist, aber gerne häkelt – sie werden Freunde. Oakes ist nicht die einzig schräge Persönlichkeit, auf die Willow im Haus trifft, auch der alte Mister Elliott ist kein Durchschnittsmensch. Ein alter, verschrobener Herr, der skurril angezogen ist und Willow bei jedem Zusammentreffen eine absurde Weisheit an den Kopf wirft, über die sie dann den Rest des Tages nachsinnieren kann, wie zum Beispiel: „Wohin du auch gehst, bring Ferraris mit.“ 🙂 Das hat schon Anklänge an Dadaismus … 🙂 Euch hier die Story anzureißen, die erzählt wird, macht wenig Sinn, denn es handelt sich bei diesem Buch ja nicht um einen klassischen Roman, der einem Spannungsbogen folgt und lose gesponnene Fäden zusammenlaufen lässt oder kunstvoll Protagonisten skizziert. Hier geht es um den Moment, nicht um den Nachhall. Liest man Willow, ist das ein bisschen wie in einer Zeitschrift zu blättern, einen netten Film anzuschauen oder einem lustigen Kleinkunstbühnenprogramm zu folgen. Wenn es vorbei ist, ist (meist) nichts Dramatisches geschehen, aber ein gutes Gefühl bleibt. Wovon ich mir mehr erwartet hätte, ist die Tatsache, dass Willow unterschiedliche Länder besucht. Während ich „Deutschland“, also Band 1, nicht gelesen habe, kann ich zum vorliegenden Band sagen, dass ich ihn vor allem deshalb gewählt habe, weil es in England spielt und ich dieses wunderbare Land mit seinen durchgeknallten Charakteren sehr liebe. Das Länderspezifische hätte man mehr herausarbeiten können: Ja, Willow fängt an, in einem Fish&Chips-Shop zu arbeiten und ja, sie und ihre Arbeitskolleginnen formieren eine Hooligan-Gruppe und ab und an liest Willow etwas von der Queen. Aber mehr von den absurden Dingen, auf die man im alltäglichen Leben in England trifft, hätten eingebaut werden können. Wo sind die Seitenhiebe zu den stolz überall angepriesenen „Power Showers“, bei deren lauwarmem Rinnsal jeder Deutsche einen Lachkrampf bekommt, was ist mit den einfach verglasten Scheiben, die noch vielerorts zum Einsatz kommen oder den unverständlicherweise mit Teppich ausgelegten Bädern? Dem Gesamtpaket würde ich dennoch 8 von 10 Punkten vergeben, weil es unglaublich viel Spaß macht, Willow zu begleiten auf ihrer Entdeckungstour – dabei auch noch einen großartigen Mehrwert zu erwarten, wäre wohl auch zu hoch gegriffen. Klare Kaufempfehlung!