Leserstimme zu
Schwarzer September

Revolutionäre und Verlorene

Von: Eva Krafczyk
11.01.2020

Es war ein anderer Extremismus, ein anderer Terror, ein anderer Konflikt. Manches aus Sherko Fatahs Roman "Schwarzer September" klingt fast schon wie Nostalgie der Zeitgeschichte. Anderes klingt nur zu vertraut. Nicht nur für diejenigen, die auch noch Kindheitserinnerungen haben an den Moment, als die fröhlichen Spiele von München tödlich wurden, als an Postämtern oder Bahnhöfen die Fahrdungsbilder der RAF hingen, mit den Bildern jener Männer und Frauen, deren Namen in Vebindung standen mit Gewalt und Tod, mit Entführungen und Morden. Einige der Figuren aus "Schwarzer September" stammen aus den Randbereichen der Randszene, doch die Handlung spielt überwiegend im Libanon, kurz ehe das Land im Bürgerkrieg versank und die schillernde Metropole Beirut mit ihrem Nachtleben zum Schauplatz von Heckenschützen, Attentaten und Explosionen im Machtspiel von Milizen, Clans und internationaler Politik. Doch noch ist es nicht soweit, auch wenn die Mitarbeiter der örtlichen Station der CIA zunehmend beunruhigt sind über die Entwicklung in der Region. Vietnam, das jüngste Debakel, hat Verunsicherung ausgelöst, nun brodelt es auch im Nahen Osten mehr als üblich. Konkurrenz und persönliche Animositäten sind für die Arbeit der Agenten und Analysten eher kontraproduktiv. Um überhaupt zu erfahren, was sich etwa in den Palästinenserlagern tut, welche Organisationen gerade auch ausländische Kämpfer ausbilden, sind die Geheidienstler entweder auf die Kollegen vom Mossad angewiesen oder auf einheimische Spitzel. Ziad ist so ein Zuträger, ein junger Mann, Palästinenser, der aus der Armut seines Dorfes nach Europa geflohen ist. In Frankreich wird er erst zum Handlanger, dann zum Mitarbeiter vom Imad, der in den Diensten des "Roten Prinzen" steht, Anführer des "Schwarzen September". Doch vor allem ist Ziad in jener Zeit seines Lebens einer der Einsamen, der Heimatlosen, der Getriebenen, die übersehen werden und kaum Peerspektiven haben - und gerade deshalb willfährige Helfer derjenigen, die ihnen etwas bieten. Ziad hätte auch Mitglied einer Gang werden können statt Mitglied eines Terrorkommandos. Wem gilt Ziads wahre Loyalität - oder verfolgt er nur seine eigenen Interessen? Hat er überhaupt eine politische Agenda? Das wissen die Leser über weite Strecken des Buches nicht so recht - und seine Auftraggeber von der CIA noch länger. Vor allem, als Ziad über einen neuen Bekannten zusätzlich in den Kreis eines Imams gerät und zum ersten Mal in seinem Leben die Religion für sich entdeckt. Desillusioniert bis hoffnungslos sind viele der Akteure - das lässt an die Spionageromane von John le Carré erinnern. Die Handling spielt in sicheren Häusern und abhörsicheren Büros in der US-Botschaft, in den Nachtclubs an der Corniche und den Ausbildungslagern im Süden, in Teestuben und billigen Hotels. Fatah zeichnet das düstere und schillernde Bild eines Beirut kurz vor dem Sturz in den Abgrund. Die drei Deutschen, radikale "Kinder des Olymp", die sich der Revolution anschließen wollen, stehen für eine Mischung aus Idealismus, Naivität oder Radikalität. Nicht alle werden das Abenteuer Libanon überleben. Ungezeichnet kommt keiner davon. "Schwarzer September" zeichnet auch einen Generations- und Ideenwechsel des Terrorismus nach. "Wer immer ihr auch seid - wir sind die Partei Gottes", lautet der letzte Satz des Romans, der eine Mischung aus Spionageliteratur und Politthriller ist, ohne dabei reißerisch zu werden. Im Gegenteil - der ruhige, oftmals distanzierte Erzählfluss bildet einen Kontrast zu den dramatischen Vorgängen. Am Ende steht erstmals jener Terror, der auch zum Begleiter unserer Welt geworden ist.