Leserstimme zu
Im Bann der Fledermausinsel

Ermittler in Droschken

Von: Miss Cooper
05.02.2020

Bereits zum vierten Mal nimmt Oscar de Muriel mich mit auf eine literarische Schnitzeljagd durch das viktorianische Großbritannien. Einer Epoche die geprägt ist von Wirtschaftskrisen, der Ausbeutung von Arbeitern, Hungersnöten, Elend und Krankheit, aber auch die der Industriellen Revolution und der radikalen Frauenrechtsbewegungen um Emmeline Pankhurst. Einer Zeit in der man noch zum Telegrafenamt ging, um eine Nachricht „mal eben schnell“ zu senden und man sich eine Droschke samt Pferd mietete, anstatt sich ein Taxi zu rufen. Besonders in den Elendsvierteln Londons war die Verbrechensrate zur Zeit Queen Victorias hoch, sehr hoch, die Aufklärung dieser hielt sich allerdings in Grenzen. Es gab weder eine Form der forensischen Genetik, noch konnte man etwas mit Indizien anfangen. Die Aufklärung eines Verbrechens glich also der einer schicksalhaften Fügung. Man war stets auf Zeugen angewiesen, oder besser noch, der Täter wurde gleich auf frischer Tat ertappt. Hin und wieder half es auch Foltermethoden anzuwenden, um dem Verdächtigen ein Geständnis abzupressen. Doch man musste nicht immer auf den Zufall vertrauen, oder der Grausamkeit freien lauf lassen. Manchmal brauchte es auch nur einen gewieften Ermittler, oder wie es in Oscar de Muriels viktorianischer Krimiserie der Fall ist, zwei findige Ermittler. Der versnobte Dandy, Ian Frey, wurde aus seinem geliebten London nach Edinburgh zwangsversetzt, um sich dort einer neu gegründeten, recht fragwürdigen Abteilung des CID (Criminal investigation Department, oder kurz, die britische Polizei) unterstellen zu lassen. Deren Auftrag ist es, sich allen ungelösten Mordfällen zu widmen, die einen Zusammenhang zum Paranormalen bilden, doch dies empfindet er nicht mal als das bitterste an der Sache. Sondern seinen neuen Vorgesetzten Adolphus McGray, einen bärbeißigen, resoluten Schotten, mit einem Faible für alles Okkulte, der es sich nicht eine Sekunde nehmen lässt an Frey Spitzen auszuteilen und ihn aufzuziehen. Doch so gegensätzlich die beiden Männer in ihren Charaktereigenschaften auch sind und so wenig angetan sie auch vom jeweils anderen sind, ergänzen sie sich doch ganz hervorragend. So wurden beide mit Scharfsinn, Weitsicht und dem Gespür für Details gesegnet. Knapp ein Monat ist vergangen, seit Frey und McGray den Fall um Irvings Theatertruppe zu den Akten legen konnten. Einer augenscheinlich erholsamen Zeit. Während McGray seine jüngere Schwester Amy auf den Oakley Inseln besucht, die, seit sie ihre Eltern sechs Jahre zuvor tötete, kein Sterbens Wörtchen mehr gesagt hat. Wird Frey von Millie Fletcher, dem Dienstmädchen einer wohlhabenden und angesehenen Familie aus den Highlands kontaktiert. Sie berichtet, das sie siebzehn Jahre zuvor von dem Bruder ihres Dienstherren vergewaltigt und geschwängert wurde. Das Sie das Baby, um diese Eskapade zu vertuschen einem Priester anvertrauen musste. Und das dieser fast schon erwachsene Junge nun doch zurückkehren soll, um das Erbe seines kürzlich verstorbenen Vaters anzutreten. Allerdings möchte irgendjemand ganz offensichtlich nicht, das Millies Sohn nach Hause kommt, denn sie erhielt einen Brief, der ihrem Sohn mit dem Tod droht, sollte dieser zurückkommen. Nun erhofft Millie sich Geleitschutz von McGray. Im Gegenzug bietet sie ihm an, seine Schwester vom Wahnsinn zu befreien. Natürlich springt McGray, als er davon erfährt sofort darauf an. Er könnte es sich nie verzeihen, würde er auch nur eine Sache unversucht lassen um seine geliebte Schwester von ihrer Manie zu erlösen. Also macht er sich auf den Weg in den äußersten Norden Schottlands um Benjamin abzuholen und in das Herrenhaus der Familie Koloman am Loch Maree zu begleiten. Der besonnene und ruhige sechzehnjährige ist zwar nicht begeistert seine Heimat und seinen Ziehvater zu verlasen, um künftig einer Familie anzugehören, von deren Existenz er erst in diesem Moment erfahren hat, aber er erklärt sich einverstanden mit McGray zu gehen. Doch etwas grausames ereignet sich in der Nacht vor seiner Abreise, Vater Thomas wird ermordet. Warum jetzt? Was wusste Benjamins Ziehvater, was nicht ans Licht kommen durfte. Um das zu entschlüsseln fehlt McGray allerdings die Zeit, er gibt den Fall an den Örtlichen Constable weiter und fährt zusammen mit dem Jungen und seinem plötzlich auftauchenden blasierten Cousin Dominik Koloman zum Loch Maree. Unterdessen ist Frey, der seinen Onkel Maurice im Schlepptau hat, bereits im Herrenhaus der Kolomans eingetroffen. Eine geistreiche und doch eigentümliche Familie wie Frey findet. Mit einem Schwesterngespann deren gebaren fast ans unanständige grenzt und die selbst bei den so seltenen Schottischen Sonnenstunden hinter zugezogenen Vorhängen ihren Experimenten nachgehen, anstatt sich draußen aufzuhalten. Als McGray endlich eintrifft, wird die zu ihren Ehren gegebene Willkommensfeier jäh ein Ende gesetzt, als aus dem nahegelegenen Wald Schreie ertönen. Ein Mann hängt tot am Baum, nicht ein tropfen Blut ist mehr in seinem Körper. „Eine klaffende Wunde zog sich quer über seine Kehle, das Blut war noch nicht geronnen und tröpfelte langsam herab. Es war ein gerader, sauberer Schnitt, ausgeführt mit der Präzision und der Erfahrung eines Chirurgen. Die Haut oberhalb der Schnittwunde war blass, geradezu ekelhaft grau, sein Gesicht darunter gerötet. Ich musste unwillkürlich an den dunklen Bodensatz von Wein denken, der sich unten in einem Glas absetzt und Klümpchen bildet.“ „Im Bann der Fledermausinsel“ ist ein traditioneller, routiniert erzählter Whodunit, ohne viel Chichi. Durch den mich zwei grandios skizzierte Protagonisten führen. Wie in seinen drei vorangegangenen Büchern schlägt de Muriel auch hier einen gradlinigen Stil ein, der mich durch seine wenig gestelzte und authentische Ausdrucksweise überzeugt. Erneut wechselt er zwischen zwei Erzählperspektiven, die, des Ich-Erzählers in Form von Frey, der an eine Berichterstattung angelehnt ist und dem des Auktorialen -Erzählers der mich über McGrays Schulter schauen lässt. Genauso treu bleibt er seinen Hauptcharakteren, die sich weiterhin einen permanenten verbalen Schlagabtausch liefern, die sich allerdings auch im laufe der Bände weiterentwickelt haben, allen voran Ian Frey, der immer mehr seine kühle und überhebliche Art ablegt. Gleichermaßen wie um seine Protagonisten kümmert sich de Muriel auch um das Randpersonal, besonders angetan hat es mir Onkel Maurice, der noch englischer als Frey ist, mit einer wundervollen Taktlosigkeit glänzt und der gegenüber McGray immer eine kleine Gemeinheit auf den Lippen hat. Auch das Lokalkolorit der beinahe Märchenhaften Kulisse lässt er lebendig erscheinen. Trotz alledem, ist „Im Bann der Fledermausinsel“ kein literarisches Meisterwerk. Als Krimi vielleser bin ich vielleicht zu abgebrüht, aber ich finde es fehlt dem ganzen an Spannung, erst auf den letzten Seiten wird es so richtig stürmisch und einige Passagen habe ich absolut nicht voraussehen können, dennoch hätte ich mir mehr solcher Effekte gewünscht. Auch den Mystischen Anteil, der de Muriels Krimireihe von anderen unterschied, habe ich in „Im Bann der Fledermausinsel“ etwas vermisst.