Leserstimme zu
Ruhet in Friedberg

Schwarzhumoriges Krimi-Debüt

Von: Recensio Online
12.02.2020

Zugegeben: Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Vielmehr habe ich mich in die 90er Jahre zurückversetzt gefühlt, als ich - noch völlig grün hinter den Ohren - plötzlich einen Typen aus der Parallelklasse interessant fand, der mir vorher mächtig auf die Nerven ging. Aber weil ich ihn immer öfter auf dem Schulgelände sah, ich mich an seine Sprüche und seine Art gewöhnte, mochte ich ihn dann doch eines Tages. Aufgrund des ungewöhnlichen Schreibstils brauchte ich eine Weile, um in die Story abtauchen zu können. Ungewöhnlich heißt aber nicht gleich schlecht. Sondern einfach: ungewohnt, untypisch, anders eben. "Scheiße, hat sich der Andi gedacht, und gesagt hat er es auch [...] aber als dann der glasige Blick vom Andi den glasigen Blick vom Rebhansel Wirt getroffen hat, da ist es ihm wieder eingefallen: die Beerdigung, scheiße!" Weiß man aber irgendwann, wie herum der Fuchs den Hasen jagt - also, wie dieser Stil funktioniert -, kommt man viel besser mit diesem zurecht. Was man in diesem Krimi neben allerlei Leichen ebenfalls findet, ist schwarzer Humor. Einige Passagen habe ich mehrmals gelesen, weil ich sie echt witzig fand, wie zum Beispiel diese zwei hier: "Weil in einem Puff zu einer Hure Hure sagen, ist eigentlich wie am Bauernhof Schwein zum Schwein sagen [...] Normalerweise, wenn einer so ein Benehmen an den Tag legt, dann Securitys zack-zack und die Zahnbürste fährt am nächsten Tag ins Leere." (Pos. 2007) "Dann sagt der Chef so etwas wie: Mahagonisarg mit Messingbeschlägen, und Sie sagen: Fichte reicht. Und der Chef sagt wieder: Trauermusik vom Streicherquartett, und Sie sagen: Bocelli vom Band reicht. Am Ende sagt dann der Chef: 45.000 Schilling, und Sie sagen nix mehr. So eine Bestattung ist halt arg kostspielig." (Pos. 133) Die Protagonisten sind mir durchweg sympathisch. Jeder hat so seine Ecken und Kanten, keiner ist wie der andere. Und das ist auch gut so. In Friedberg hausen nicht nur die Serben und Mafiosi, sondern ganz "normale" Leute wie du und ich. Ein bisschen gaga hier, ein bisschen gaga dort. Jeder hat seine eigenen Probleme, mit denen er klarkommen muss, und bei dem einen klappt's, bei dem anderen eben nicht. Letzteres wohl eher häufiger, denn mit den Problemen kommen die Toten und mit den Toten neue Probleme. Ein Teufelskreislauf, bei dem der Autor keine Mühen gescheut hat, um den Leser damit bei Laune zu halten. Auf jedes gedankliche "Ach, du Scheiße!" folgte direkt ein "Oh, nein, bitte nicht!" Und jetzt muss ich etwas beichten, was mich selbst total überrascht hat: Mir fehlte das Lokalkolorit! Kein Witz! Normalerweise mag ich das überhaupt nicht in Krimis, aber ich hätte gern mehr von Friedberg gehabt. Zwar konnte ich mir anhand dessen, was der Autor mir quasi nebenbei mitgegeben hat, ein ungefähres Bild von den Örtlichkeiten machen, aber es war stets etwas Luft nach oben. Bitte mehr Provinz-Feeling beim nächsten Mal! Das Ende hat absolut alles, was ich bis dahin gelesen hab, in einen Sarg gepackt und drei Meter tief in der Erde verbuddelt. Es ist ein Ende in einem Ende in einem möglichen Ende. Irgendwie so. Man weiß plötzlich nicht, wo hinten und vorne ist und was eigentlich los ist. ABER - bitte nicht zu voreilig urteilen! - es passt nämlich zu dem, was der Plot hergab. Das macht jetzt vermutlich keinen Sinn, daher empfehle ich - nicht nur deswegen, auch sowieso - dieses Buch zu lesen. Persönliches Fazit: Wer gern einmal mit schwarzhumoriger Leichtfüßigkeit durch eine österreichische Provinz spazieren und erleben möchte, wie vom Schicksal gezeichnete Weggefährten in ihren rappelvollen Erdmöbeln eindrucksvoll abdanken, der möge Friedberg unbedingt einen Besuch abstatten. Dazu empfehle ich ein pfeifendes: "Always look on the bright side of life".