Leserstimme zu
Die glorreichen Sechs

Am Anfang hätte ich fast aufgegeben, aber dann wurde es richtig gut

Von: Jenny
20.03.2020

Ich hatte große Hoffnungen für dieses Buch, denn ich habe eine Schwäche für Prinzen, die der Krone den Rücken kehren und stattdessen rebellieren. Darauf folgte jedoch bald Ernüchterung. Auf den ersten 200 Seiten war ich mir nicht sicher, ob der Autor dieses Buch als ernsthaften High Fantasy Roman konzipiert hat oder ob es eine Parodie der High Fantasy Bücher sein soll. Alles wirkte sarkastisch und ironisch angehaucht. Zu viel, um es ernst zu nehmen, aber zu wenig, um sicher zu sein, dass es tatsächlich lustig sein soll. Leider hat das meinen Humor überhaupt nicht getroffen, sodass ich überlegt habe, das Buch zu pausieren. Letztlich habe ich es dann zunächst eher desinteressiert weiter gelesen. Zum Glück, denn später wurde es tatsächlich noch spannend und es gab eine ausgearbeitete Charakterentwicklung. Der Anfang war aber so unsympathisch, dass ich an diesem Punkt beinahe nicht mehr angekommen wäre. (Nachdem ich das Buch nun beendet habe, bin ich mir übrigens fast sicher, dass es tatsächlich ein ernsthaftes und kein humoristisches High Fantasy Buch sein soll. Fast.) Die größten Probleme hatte ich mit Caspar, dem Protagonisten. Zwar wurde in der Beschreibung des Buches bereits erwähnt, dass er zunächst ein naiver, verwöhnter Prinz ist, aber selbst das hat mich nicht darauf vorbereiten können, wie unfassbar verhätschelt, überheblich, selbstgefällig, verzogen, verwöhnt, verweichlicht, naiv, gutgläubig, kindlich und teilweise auch dumm er tatsächlich ist. Das hat es mir völlig unmöglich gemacht, irgendeine Art Verbindung zu ihm herzustellen. Ich hatte gehofft, als Prinz sei er einfach unerfahren und daran gewöhnt, ein wenig hochnäsig sein zu müssen. Leider hat er aber wirklich keinerlei Menschenverstand und ist völlig weltfremd. Als beispielsweise mitten in der Nacht eine Gruppe maskierter, bewaffneter Männer in sein Lager stürmt, die, als sie bemerkt werden, behaupten, Schauspieler auf Wanderschaft zu sein, glaubt Caspar ihnen. Er tut nicht nur so, er glaubt es tatsächlich. Und das ist nur ein Beispiel. Am Anfang der Geschichte ist er naiv wie ein Kleinkind. Seine Gegner hätten Schilder mit „Dies ist eine Falle“ aufstellen können und er wäre trotzdem beschwingt und fröhlich hineingelaufen. Aus diesem Grund konnte ich die Geschichte lange Zeit überhaupt nicht ernst nehmen und war fast schon überzeugt davon, dass es sich um eine Parodie handelt. Lustigerweise ist es ebenfalls hauptsächlich Caspar, der das Buch am Ende für mich gerettet hat. Genauer gesagt: seine Charakterentwicklung. So schrecklich ich ihn am Anfang auch fand, am Ende wird er doch der edelmütige, gutherzige, gerechte Prinz, auf den ich gehofft hatte. Die Entwicklung, die er erlebt, ist wirklich enorm und auch sehr gut gemacht, denn er wird in all den Gebieten, in denen er zunächst völlig versagt, nach und nach besser. Diese geniale Charakterentwicklung ist natürlich nur möglich, weil die Figur zu Beginn sehr viel Potenzial für eine Entwicklung mitbringt. Meine im vorherigen Absatz erwähnte Kritik an Caspar bleibt dennoch bestehen, denn die Entwicklung fängt auf so niedrigem Niveau an und es dauert so lange, bis sie ins Rollen kommt, dass ich das Buch beinahe aufgegeben hätte, bevor ich an dem Punkt ankam, an dem es endlich besser wurde. Zum Glück nur beinahe. Auch der Rest der Geschichte hat mir immer besser gefallen, je weiter sie fortgeschritten ist. Der Autor hat seine drei Haupterzähler klug gewählt: Caspar reist als Steuereintreiber durch die gerade erst dem Königreich einverleibten Grenzlande, das Straßenmädchen Opal reist quer durch das Königreich Hyak und Königin Neveah berichtet von der Hauptstadt. Dadurch gelingt es dem Autor, die gesamte Welt, die er erschaffen hat, in einem Buch zu bereisen, ohne dass es übertrieben viel oder überstürzt hektische Handlung geben muss. Ich fand es wirklich interessant, immer wieder neue Völker und Sitten zu entdecken und mehr über die Welt zu lernen. Spannung entsteht dadurch, wie die Handlungsstränge alle in miteinander verknüpft sind durch verschiedene Figuren. Es sind viele kleine Puzzleteile, die erst in Summe das Ausmaß der gesamten Angelegenheit offenbaren. Obwohl nichts davon wirklich unvorhersehbar ist, war es doch faszinierend zu sehen, wie die Teile nach und nach an ihren Platz gefallen sind. Fazit Auf den ersten 200 Seiten hätte ich beinahe aufgegeben. Protagonist Caspar ist so verzogen und überheblich, dass ich mich ihm gar nicht verbunden gefühlt habe. Außerdem ist er in einem Ausmaß naiv, dass ich anfangs wirklich dachte, dieses Buch sei eine Parodie. Später wurde es dann deutlich besser. Caspar macht eine enorme, gut gemachte Entwicklung durch und wird der Prinz, auf den ich schon zu Beginn gehofft hatte. Außerdem hat mir die Welt gut gefallen, die erstaunlich umfassend bereist wird in diesem Einzelband. Und ich fand es interessant, wie die vielen kleinen Puzzleteile nach und nach ein großes Ganzes ergeben haben. „Die glorreichen Sechs“ hat mich am Anfang fast verloren, am Ende dann aber begeistert, sodass ich in Summe drei Schreibfedern vergebe. Ich bedanke mich beim blanvalet Verlag für das Rezensionsexemplar.