Leserstimme zu
Wir sind der Sturm

Schwächer als Band 1, aber trotzdem eine gelungene Fortsetzung

Von: Charleen
30.05.2020

Nach dem bösen Cliffhanger vom ersten Band war ich natürlich super gespannt auf die Fortsetzung und habe diese schon sehnlichst erwartet. Auch diesmal ist das Cover wieder wunderschön und ich habe mich ganz besonders in die Farben diesmal verliebt! Gemeinsam mit Band 1 sind die beiden Bücher im Regal ein wirklicher Hingucker! Und ich ließ den Schmerz und die Trauer zu. Es tat unfassbar weh, aber gleichzeitig machte mein Herz einen Satz, und es war, als würde ich wieder atmen können. So sehr atmen, wie ich es seit Jahren nicht mehr hatte tun können. Die Art von Atmen, die einen nicht überleben, sondern leben lässt. Mein Highlight in diesem Buch und gleichzeitig auch das, was ich bereits im ersten Band in den höchsten Tönen gelobt habe, war der wahnsinnig poetische und gefühlvolle Schreibstil der Autorin. Ich glaube, ich kann tatsächlich sagen, dass dieser mittlerweile zu einem meiner liebsten geworden ist, weil er mich gleichermaßen fasziniert und berührt. Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand seinen Worten so unfassbar viel Poesie und Tiefe verliehen und es somit geschafft hat, einem wirklich unter die Haut zu gehen. Das Geschriebene hier scheint noch so viel mehr Bedeutung zu haben als das, was es eigentlich aussagt. Hinter jeder Aussage scheint mehr zu stecken, in jedem sowieso schon emotionalen Satz entdeckt man bei genauerem Hinsehen noch mehr Gefühl und den Dialogen wird durch den Schreibstil viel mehr Gewicht verliehen. Man bekommt hier tatsächlich das Gefühl, als würden die Worte einen durch das Buch hindurch tragen und einem währenddessen nicht nur unter die Haut gehen, sondern sich auch einen direkten Weg ins Herz bahnen. Als ich aus dem Wohnheim in die Sonne trat, fühlte es sich so an, als wäre das alles, was Paul und ich jemals sein würden: ein unvollendeter Satz, eine halb geschriebene Geschichte, fertig erzählt und doch ohne Ende. Louisa und Paul habe ich im ersten Band wirklich wahnsinnig gern gehabt, doch diesmal muss ich sagen, dass ich sehr lange Zeit ziemlich enttäuscht von Paul's Verhalten war. In gewisser Weise kann ich nachvollziehen, dass er jetzt, wo er weiß, dass es bei dem Unfall vor 5 Jahren Louisa's Vater war, der gestorben ist, absolut nicht weiß, was er tun und wie er mit Louisa umgehen soll. Und ich hätte es auch verstanden, wenn er zumindest teilweise ehrlich zu ihr gewesen wäre und ihr gesagt hätte, dass er erstmal Abstand und Zeit für sich braucht. Aber wie er sich hier verhält und wie lange er dieses Verhalten durchzieht, damit bin ich nur sehr schlecht klargekommen und das konnte ich leider absolut nicht nachvollziehen. Mit Louisa hingegen bin ich, genau wie vorher auch schon, sehr gut klargekommen und sie hat sich im Laufe des Buches auch immer mehr in mein Herz geschlichen. Es hat mir selber weh getan, sie lange Zeit so leiden zu sehen, aber was ich wirklich super finde, ist die Entwicklung, die beide Protagonisten - Paul ganz besonders - hier durchmachen. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem beide einsehen, dass jetzt die Zeit für wichtige Entscheidungen gekommen ist. Beide lernen innerhalb dieses Buches, die Vergangenheit endlich loszulassen und diesen Prozess mit anzusehen mag zwar am Anfang wirklich wehtun und ist mit sehr vielen unterschiedlichen Emotionen verbunden, aber er ist auch wunderschön, authentisch und vor allem wahnsinnig wichtig für die beiden. Die hiermit verbundenen Schlüsselszenen haben mir unglaublich gut gefallen und konnten mich nicht nur überzeugen, sondern vor allem auch berühren. Und was die Liebesgeschichte der beiden angeht? Ich würde sagen, dieses Buch ist zum einen Teil eher die Leidensgeschichte der beiden und zum anderen die Rettung ihrer Liebesgeschichte. Und auch, wenn man hier wirklich auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle geschickt wird, habe ich das Lesen doch sehr genossen. »Wenn wir jemandem die Schuld geben können, und sei es uns selbst, dann gibt uns das das Gefühl, das Schicksal zumindest ein bisschen in der Hand zu haben, auch wenn es am Ende nichts an den Tatschen ändert - außer dass es uns und andere unglücklich macht.« Mein absolutes Highlight in diesem Buch, neben dem Schreibstil, waren tatsächlich die Nebencharaktere, die ich fast noch ein bisschen mehr ins Herz geschlossen haben als die Protagonisten. Sie alle spielen so eine wichtige Rolle für die Geschichte, sind immer präsent, lassen einen nebenher an ihrem Leben teilhaben und erzählen zum Teil sogar ihre eigenen Geschichten. Sie alle erweisen sich als loyale, ehrliche und unfassbar tolle Freunde und sind wirklich wie eine kleine Familie bei der man sich wünscht, man könnte selbst ein Teil davon sein. Das war Serenipität. Glück, auf das man durch Zufall stößt. Ich hatte nichts gesucht und alles gefunden. Denn wenn man glaubte, nichts zu haben, konnte man nur alles gewinnen. Und das hatte ich. Das Ende ist der Autorin wunderbar gelungen. Es ist ein wunderschöner Abschluss dieser Dilogie - einer, bei dem man das Buch schließt und ein zufriedenes und glückliches Lächeln im Gesicht hat. Es ist nicht weit hergeholt und auch in keiner Weise klischeebeladen, was mir umso besser gefallen hat! Alles in allem fand ich den zweiten Band etwas schwächer als den ersten, was wohl zum Teil an Paul's Verhalten gelegen hat. Außerdem ist es zwar so, dass ich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Louisa wirklich schön finde, sie mich jetzt zum Ende hin aber nicht mehr richtig packen und fesseln konnte. Dafür ist sie einfach zu lange nur vor sich hingeplätschert und hat sich im Kreis gedreht. Trotzdem ist "Wir sind der Sturm" auf jeden Fall eine gelungene Fortsetzung und ich hoffe, dass ich ganz bald noch mehr von der Autorin zu lesen bekommen werde und mich erneut von ihrem Schreibstil verzaubern lassen kann.