Leserstimme zu
Die schwarze Macht

Fundierte Darstellung von Entstehung, Entwicklung und Strategie des IS

Von: Michael Lehmann-Pape
08.05.2015

„2010 zurückgeworfen auf ein Dasein als Terrorzelle im Untergrund ist dieser „Islamische Staat“, vier Jahre später zurückgekehrt als Inbegriff des globalen Schreckens“. Dies ist nicht nur eine lapidare Bestandsaufnahme im Buch, sondern trägt den Kern dessen, was Reuter akribisch und fundiert im Buch zusammenträgt in einem Satz in sich. Der IS ist beileibe nicht nur eine besonders gut organisierte Terrorzelle im Sinne einer Al Quaida, sondern im Kern ein minutiös durchgeplantes „Unternehmen“ mit einer ausgeklügelten Strategie, mit Mitteln, um dies durchzusetzen und, vor allem, mit einer außerordentlichen Skrupellosigkeit versehen, die Kernschritte öffentlichkeitswirksam und auf eine (aus den Augen des Terrors und der Ziele gesehen), „bestmöglichen“ Art und Weise unerbittlich voranzubringen. Das dabei der Islam selbst (sicher ein wichtiges) nur „ein Instrument“ unter vielen anderen ist und der „Kalifenstaat“ nicht nur religiöse Gründe hat, sondern auch einer weltlichen Strategie und einem weltlichen Machtanspruch folgt, dies sind einige der Schlüsse, die Reuter in seiner gründlichen Aufarbeitung des IS aufzeigt. Dennoch aber gilt auch, dass der IS mehr als eine „mafiöse Holding zur Prfitmaximierung im Diesseits“ darstellt. Vor allem aber gilt: Die Strrategie des IS geht in weiten Teilen durchaus auf, zumindest, was den Zulauf an Jugendlichen aus dem Westen, die Schürung der Angst und die Wirksamkeit der radikalen Brutalität angeht. Gerade diese Mischung aus apokalyptischen Visionen, (scheinbar) irrationalem Terrorismus, Kartell-ähnliche Organisation, nach vorne getragener religiöser Kompromisslosigkeit und der Bereitschaft, ohne Rücksicht auf Opfer auch in den eigenen Reihen vorzugehen ist es, die Reuter umfassend aufzeigt und vom Beginn des IS an in die Gegenwart detailliert verfolgt. Von den Ursprüngen als kriminelles Netzwerk ehemaliger Kader Saddamm Husseins und einer Gruppe überzeugter Dschihadisten, getragen von der Überzeugung, die Macht solle bei einem kleinen Kreis der Elite liegen, die keinerlei Rechenschaft schuldig ist. Ein Konglomerat von einem Glauben an die Glorie der arabischen Geschichte und einem Glauben an ein Handeln im großen Plan Gottes. In seinem Wachstum und seiner Rolle erst ermöglicht und sich potenzierend durch den Bürgerkrieg in Syrien befördert. In der Situation der „völligen Anarchie“, so zeigt Reuter, die ab dem Jahre 2011 sich in den arabischen Kernländern zeigte, ergriff der IS zunächst diskret, dann brutal, immer aber zielgerichtet mehr und mehr an Macht, Fläche und Einfluss. Nach innen wie nach außen „nüchtern berechnend“, wie im Buch fundiert nachzulesen ist. Mit der Einnahme Mossuls und der damit verbundenen Rückkehr in den Irak machte sich der IS letztlich unabhängig von allen vorher geschmiedeten Allianzen und diskreten Verbindungen und zeigt seitdem sein Gesicht, seine Ziele und seine „Praxis“ offen vor den Augen der Welt. Konkret verweist Reuter im Kapitel „Nordkorea auf Arabisch“ auf den „Alltag unter dem IS“, auf die Formen der Herrschaft, die brutale Wirklichkeit für die Bevölkerung in den Einflussgebieten und das, leger gesagt, „muntere Wirtschaften“ des IS mit einem teilweise erklecklichen „Bruttosozialprodukt“. Bedeutsam sind die Schlüsse, die Reuters zieht. Sein Verweisen darauf, wie sehr die Öffentlichkeit (nicht nur im Westen) sich zu stark vom „Eigen-Image“ des IS täuschen lässt und damit das kühle und machtpolitische Kalkül hinter der fanatischen Fassade außer Acht lässt. „Hochflexibel hat der IS seine Gestalt und seine taktischen Allianzen (je) den Umständen angepasst – und dies kunstvoll verschleiert“. So ist Reuter fest davon überzeugt, dass ein Ende des IS nur „von innen“ kommen kann. Ein überaus lesenswertes, sehr ausführliches und sehr fundiertes Buch, dass ins Innere des IS führt und klare Ausblicke zu geben vermag auf das, was an Strategie gegen den IS nötig und möglich wäre.